Theater

Gerichtsdrama „Terror“: Essener Theater-Zuschauer fällen Urteil

Das Gerichtsdrama „Terror“ mit Christian Meyer als angeklagtem Major Lars Koch (Mitte) und Johannes Brandrup als Richter (rechts).   

Das Gerichtsdrama „Terror“ mit Christian Meyer als angeklagtem Major Lars Koch (Mitte) und Johannes Brandrup als Richter (rechts).   

Foto: Bernd Boehner  

Essen.   Thomas Goritzki hat das Gerichtsdrama „Terror“ inszeniert. Wie nach dem Fernsehfilm fällen auch im Rathaus-Theater die Zuschauer ein Urteil.

Der Bundeswehrpilot Lars Koch schießt ein Zivilflugzeug ab, um den Anschlag auf eine mit 70.000 Menschen gefüllte Arena zu verhindern. Nun wird er wegen der Tötung von 164 Passagieren angeklagt. Das ist die seit der TV-Ausstrahlung bekannte Ausgangslage für Ferdinand von Schirachs fiktiver Geschichte „Terror“, bei der das Publikum ein Urteil fällt. Regisseur Thomas Goritzki (65), früher Ensemblemitglied des Schauspiel Essen, hat die Theaterversion inszeniert. Vor der Premiere im Rathaus-Theater sprach Redakteurin Dagmar Schwalm mit ihm über das Gerichtsdrama und neue Projekte.

Herr Goritzki, Sie kehren mit der Inszenierung von „Terror“ nach Essen zurück, bei dem ein Gewissenskonflikt im Mittelpunkt steht. Warum haben Sie sich für dieses Stück entschieden?

Ich habe das Potenzial des Stückes sofort erkannt. Sich als Einziger gegen den Staat zu stellen, das hat Anklänge an ein griechisches Drama. Und der Trick, das Publikum einzubeziehen, hat mich nachhaltig begeistert. Nirgendwo auf der Welt gibt es bei einer Verhandlung Hunderte von Richtern. In den Gesprächen im Foyer geht es nur um die Frage: Ist er schuldig? Das ist, was ein Theatermacher sich wünscht und sehr selten passiert.

Auf welchem Weg geben die Zuschauer ihr Urteil ab?

Per Hammelsprung. Es gibt zwei Türen, schuldig oder nicht schuldig, durch die die Zuschauer gehen. Und jeder sieht, wie der andere sich entschieden hat.

Ihre Inszenierung ist seit 2016 zu sehen. Kam je ein mehrheitlicher Schuldspruch zustande?

Meines Wissens nach gab es in rund 300 Vorstellungen nie die Mehrheit für einen Schuldspruch. In China, wo das Stück auch gezeigt wurde, schon. Johannes Brandrup, der den Richter spielt, würde bei einem Schuldspruch in Konflikt geraten. Er könnte den Text gar nicht.

Das Stück wurde zwiespältig gesehen.

Dem Zuschauer wird vorgegaukelt, was es so nicht gibt. Das ist mir egal. Das Theater darf sich eine Gerichtsverhandlung erlauben, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, aber den Kern des Problems trifft. Für mich ist es wichtig, den Zuschauer in die Lage einer unausweichlichen Entscheidung zu bringen.

Wie würden Sie entscheiden?

Ich würde ihn schuldig sprechen. Der richtige Held weiß, dass er falsch gehandelt hat, und gibt es zu. Es geht nicht, dass man Menschenleben gegeneinander aufrechnet. Das Gesetz ist das Zentrum unserer Welt. Wenn wir ohne Gesetz agieren würden, wären wir wieder in der Steinzeit.

Manipulation wurde dem Film vorgeworfen. Haben Sie das Stück in eine bestimmte Richtung gelenkt?

Ich habe versucht, nicht zu manipulieren. Das Stück ist sehr hermetisch, die Kraft der vorgestellten Situation ist so stark, da kommt man nicht drum herum. Man fühlt sich verantwortlich, den Kern dieser Situation zu erhalten. Man ist mehr Begleiter denn Entscheider.

Waren Sie schon mal in einem unausweichlichen Konflikt?

Nie in einem solchen. Es gibt aber im Leben eine Anzahl unausweichlicher Entscheidungen. Bei mir hatte es viel mit Liebe zu tun.

Gerade hatten Sie Premiere mit Yasmina Rezas „Bella Figura“. Es folgt im Herbst die Inszenierung der Oper „Die Hochzeit des Figaro“. Sind Sie als Schauspieler auf der Bühne gar nicht mehr zu sehen?

Doch. Ich habe nach vielen Jahren wieder „Bericht für eine Akademie“ gespielt und gemerkt, wie schön das ist. Ich hätte also nichts dagegen wieder auf die Bühne zu gehen nach 25 Jahren Regie und vorher 25 Jahren als Schauspieler. Ich arbeite derzeit an einer Textfassung der „Apokalypse“ aus dem Johannesevangelium. Dafür habe ich gerade das richtige Alter.

Sie haben auch ein Langzeitprojekt realisiert und nach 30 Jahren Ihre Lebensgefährtin, die Schauspielerin Tatjana Clasing, geheiratet. Warum?

Die Fehler, die man gemacht hat, macht man nicht mehr. Das Feld ist frei für ein glückliches Zusammenleben. Wo der Unterschied zu vorher ist? Es ist noch schöner.

>> Die Premiere im Essener Rathaus-Theater

Das Gerichtsdrama „Terror“ hat am Donnerstag, 22. Februar, Premiere im Rathaus-Theater und ist bis 1. April zu sehen.

Im Oktober 2016 war das Stück als interaktiver Spielfilm in der Regie von Lars Kraume mit Florian David Fitz als Major zu sehen. 86,9 Prozent der Zuschauer sprachen den Angeklagten damals frei.

In Essen spielen: Johannes Brandrup („Alarm für Cobra 11“), Christian Meyer, Christoph Schlemmer, Ulla Wagener, Peter Donath und Tina Rottensteiner. Karten/Termine unter der Telefonnummer: 24 555 55

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