Kindesmisshandlung

Mutter soll ihren Sohn (1) gequält und misshandelt haben

Das Amtsgericht Dorsten verwies den Fall ans Essener Landgericht.

Das Amtsgericht Dorsten verwies den Fall ans Essener Landgericht.

Foto: Kerstin Kokoska/ FUNKE Foto Services

Essen/Dorsten.  Eine 24-Jährige soll ihr anderthalbjähriges Kind schwer misshandelt haben. Vor Gericht kämpft eine Jugendamts-Mitarbeiterin mit den Tränen.

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Es ist ein besonders übler Fall von Kindesmisshandlung. Der 30 Jahre alten Mitarbeiterin des Dorstener Jugendamtes kommen noch heute die Tränen, wenn sie erzählt, wie sie den anderthalb Jahre alten Jungen aus der Familie holte. Verantwortlich für die schweren Verletzungen sollen seine Eltern sein. Doch vor dem Landgericht Essen bestreiten sie am Mittwoch den größten Teil der Vorwürfe.

Im Februar 2015 war der Junge zur Welt gekommen. Anfangs lebte er bei der Oma mütterlicherseits, kam aber zu sporadischen Besuchen zu seiner Mutter. Als Julia R. (24), die Mutter des Kindes, ihren neuen Freund heiratete und eine Wohnung in der Dorstener Innenstadt bezog, holte sie den Jungen im Oktober 2016 zu sich. Er stammte aus einer anderen Beziehung. Denn der Mitangeklagte Julien R. (25) ist nicht der Vater. Mit ihm hatte sie aber seit September 2016 einen Sohn.

Anklage zählt diverse Verletzungen auf

Die Anklage nennt die Zeit von Juli 2015 bis zum Oktober 2016, in der die Angeklagten den älteren Sohn “gequält und misshandelt” sowie ihre Fürsorgepflicht verletzt hätten. So sollen sie ihm die Hand verbrannt und die Verletzung trotz der Brandblasen nicht versorgt haben. Einer der beiden habe das Kind am 17. Oktober auf den Boden geworfen, es geschlagen und geschüttelt. Schädelblutungen habe der Junge erlitten. Außerdem hätten sie ihm die Haare auf dem Kopf abrasiert und ihn dabei verletzt.

Zu wenig zu trinken habe er bekommen, sei dehydriert gewesen. Pilzinfektion seien nicht versorgt worden. Selbst bei einem gebrochenen Unterschenkel seien sie nicht zum Arzt gegangen.

Beim Spielen bewusstlos geworden?

Julien R. fängt an auszusagen, ganz sachlich, als müsse er der XXIV. Strafkammer behilflich sein: “Ich habe mir Gedanken gemacht, wie es zu den Verletzungen kommen konnte.” Der Schienbeinbruch? Da ist beim Spielen wohl der Motorroller umgefallen und auf dem Jungen gelandet. Aber der habe nicht einmal geschrien oder geweint.

Die Haare habe er ihm abrasiert. Am nächsten Tag habe er die Krusten auf der Kopfhaut gesehen. Bei ihm sei so etwas nie passiert, wenn er sich eine Glatze rasierte. Dass er den Jungen auf den Boden geworfen habe? “Humbug.” Hochgeworfen habe er ihn, im Spiel. Danach sei er bewusstlos geworden. Mit kaltem Wasser habe er versucht, den Jungen wach zu bekommen.

Aus Angst beim Ehemann geblieben

Angst vor dem Jugendamt räumt er ein. Denn sie seien von Verwandten und Nachbarn oft bezichtigt worden, das Kind zu schlagen. Julien R. “Wenn ich ein Kind schlage, dann ist es tot. Ich würde niemals ein Kind anschreien, weh tun oder hinschmeißen.” So nebenbei erzählt er, dass er seine Frau mal geschlagen hat. Und an den Haaren habe er bei ihr gezogen: “Da waren dann keine Haare mehr da.”

Die 24-Jährige bestätigt seine Gewaltausbrüche. Aus Angst vor ihm will sie bei ihm geblieben sein. Doch konkret belastet sie ihn nicht. Sie habe nur “leise Hilferufe” an die Nachbarn gesendet.

Junge war übersät von Hämatomen

Der Bericht der Mitarbeiterinnen des Jugendamtes schockiert. Sie waren im September 2016 vor Ort gewesen, da sei aber alles in Ordnung gewesen, erzählt eine 62-jährige Sozialarbeiterin. Am 19. Oktober kam die Behörde erneut. Der anonyme Anruf einer Nachbarin hatte sie alarmiert. Auch die Oma hatte sich gemeldet, weil sie sich um den Enkel sorgte. Was die beiden erfahrenen Mitarbeiterinnen sahen, bewegt sie noch heute. Erst hatte ihnen niemand öffnen wollen. Erst als sie mit der Polizei drohten, wurden sie hineingelassen. Die 62-Jährige: “Die Kollegin hatte den Jungen wimmern gehört. Er war völlig lethargisch, lag zusammengekrümmt in seinem Bettchen.”

Die 30-Jährige erzählt, mit den Träumen kämpfend, wie sie das Kind, das sich kaum halten konnte, zur Kinderärztin brachten. Sie erinnert sich an die Untersuchung: “Er war übersät von Hämatomen, die Wirbelsäule war von oben bis unten grün und blau.” Sofort habe die Ärztin ihn ins Krankenhaus auf die Intensivstation überwiesen. Ihr Urteil sei eindeutig gewesen: “Der Junge ist misshandelt worden.” Noch heute leben beide Kinder nicht bei ihrer Mutter.

Wegen Brandstiftung bereits verurteilt

Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall zunächst nur am Dorstener Amtsgericht angeklagt. Das verwies den Fall ans Essener Landgericht. Dort war das Paar nicht unbekannt. Im Oktober 2017 hatte das Schwurgericht Julien E. zu sieben Jahren Haft wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Kurz, nachdem das Jugendamt ihnen beide Kinder weggenommen hatte, zündete er das Haus, in dem das Paar wohnte, an. Nachbarn war der Fluchtweg durchs Treppenhaus wegen des Feuers unmöglich. Die Feuerwehr musste sie übers Dach retten.

Für den aktuellen Fall hat das Landgericht weitere drei Tage angesetzt.

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