71. „Critical Mass“

Friedliche Massen-Radtour in Essen mit Rekordbeteiligung

Die 71. Massen-Radtour startet Freitagabend gegen 19.10 Uhr mit einer Rekordbeteiligung. Gut 500 Teilnehmer werden gezählt. Es wird ein friedlicher Abend ohne besondere Vorkommnisse.

Die 71. Massen-Radtour startet Freitagabend gegen 19.10 Uhr mit einer Rekordbeteiligung. Gut 500 Teilnehmer werden gezählt. Es wird ein friedlicher Abend ohne besondere Vorkommnisse.

Foto: FUNKE Foto Services

Essen.   Skandalisierung der „Critical Mass“ im August hat Interesse an der 71. Rundfahrt spürbar beflügelt.Zum ersten Mal ist Polizei mit Radstaffel dabei.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es ist Freitagabend kurz nach 19 Uhr, als sich die „Critical Mass“ auf dem Willy-Brandt-Platz in Bewegung setzt. Mindestens 450 Teilnehmer, vielleicht sogar gut 500 biegen in die Hachestraße ein. Eine Rekord-Beteiligung und ein Vielfaches von dem, was bei den 70 Radtouren zuvor im Sattel saß.

Diese, die „71. Critical Mass“, profitiert gewiss auch vom lauen Sommerwetter, aber noch mehr vom Wirbel um die 70. Massen-Tour im August. Eine, die aus dem Ruder gelaufen war und von der Polizei aufgelöst wurde. Ein Vorfall, der in den sozialen Medien lebhaft debattiert und skandalisiert wird.

An diesem Abend, elektrisiert durch den Medienrummel, lockt dieses Event zahlreiche Neulinge aus Essen an – und auffällig viele Aktivisten aus Köln, Bochum, Mülheim, Dortmund, Duisburg und Wuppertal. „Wir lassen uns das Radfahren doch nicht verbieten“, sagt Astrid aus Dortmund trotzig. Sie hat ihr Lastenfahrrad mit einem Lautsprecher bestückt, dessen chilliger Gute-Laune-Sound die Häuserschluchten erfüllt.

Polizei ist sehr präsent

Und noch etwas ist bei dieser Tour anders: zwölf junge Polizisten von der Radstaffel der Hundertschaft, trendig uniformiert in schwarzen Radlerhosen und gelben Funktionsshirts, sind ebenfalls dabei. Eine Premiere, die ankommt. „Endlich“, sagen „Critical-Mass“-Veteranen. Bei der letzten Tour war die Polizei noch mit der Begründung eingeschritten, „die Radler hätten sich und andere massiv gefährdet“. Die Männer und Frauen der Radstaffel hingegen kommen an diesem Abend rüber als Sympathieträger.

Überhaupt ist die Polizei sehr präsent. Ständig brausen Kradstreifen mit Blaulicht an dem riesigen Pulk vorbei. Und die Radstaffel fährt nicht vornweg, sondern an den Seiten. Polizeidirektor Wolfgang Packmohr, seit kurzem Chef der Verkehrspolizei, verfolgt den Start am Willy-Brandt-Platz. „Wir wollen den Schutz der Veranstaltung gewährleisten, alle Teilnehmer sollen sicher ankommen.“ Ein Ziel, das sie an diesem Abend alle gemeinsam erreichen sollen.

Genau zwei Stunden und gut 20 Kilometer wird die Tour dauern. Im Polizeibericht wird davon keine Rede sein – weil Zwischenfälle ausbleiben. Besonders viel Aufsehen erregen die „500“ gleich zu Beginn, als sie zum ersten Mal machtvoll die belebte Rüttenscheider durchmessen. Rü-Hipster an den Bistro-Tischen heben wohlwollend ihre Aperol-Sprizz-Gläser und lächeln, später, in den Wohnstraßen, prasselt warmer Beifall von Balkonen hernieder. Die Angefeuerten winken und klingeln vielstimmig zurück. Seifenblasen sind in der Luft.

Aktivisten wirken jung und dynamisch

Immer wieder passiert dies: Die Spitze des geschlossenen Verbandes fährt an Kreuzungen bei Grün los und sein Ende sieht Rot, darf aber trotzdem weiterfahren. Freiwillige bauen sich dann schützend vor den Autofahrern auf, sie nennen sich „Corker“, weil sie Straßen wie Flaschenkorken verstopfen. Was gut ankommt: Auch die Radstaffel „corkt“ und schützt.

Es geht über die bei Radfahrern verhasste Alfredstraße, eine vierspurige Achse, die wie keine andere für Autovorrangpolitik steht, über die Wittekindstraße und zurück über die Rü nach Holsterhausen. Als sich der Pulk die Hermann-Böckler-Straße und die Hindenburgstraße hochschiebt, ist es längst dunkel. Es ist für die Radler ein erhabenes Gefühl, wenn Wade, Speiche und Pedale die Blechlawine ausbremsen. Nicht immer zur Freude derer, die mit vier Rädern unterwegs sind. Etliche schäumen.

Es gibt die organisierte Radfahrlobby wie den ADFC und die Essener Fahrradinitiative (EFI). Dagegen wirken die unorganisierten „Critical Mass“-Aktivisten jünger, dynamischer und frecher. Aber letztere fahren vorne, erstere eher dezent hinten. Etliche ADFC-Leute bleiben diesem Event sogar fern. Aber EFI-Sprecher Hilmar von dem Bussche applaudiert: „Da entsteht was.“

"Es hat super geklappt"

Die Wuppertaler „Critical Mass“-Aktivisten, die die 40 Kilometer hin auch im Verband geradelt sind, haben für die Fahrradstadt Essen nicht viel übrig. „Die touristischen Routen sind toll, aber für Alltagsradler ist diese Stadt definitiv nicht geeignet“, sagt „Linksfahrer Tom“. Und der EFI-Sprecher erinnert an alte Forderungen wie die Nord-Süd-Achse für Alltagsradler und eine Achse Holsterhausen-City.

Um 21.10 Uhr ist Feierabend. Norman Grefrath aus Oberhausen bedankt sich bei der Polizei. „Es hat super geklappt“, sagt er. Und wieder brandet Beifall auf: diesmal für die uniformierten Freunde.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (13) Kommentar schreiben