Einkauf

Freisenbrucher Schreibwarenhändlerin verkauft Eier und Wurst

Schreibwaren, Zeitschriften, Eier und Konserven: Beate Maßbaum (re.) hat mit ihrem Geschäft in Freisenbruch auf den Bedarf der Anwohner reagiert, nachdem Supermärkte in der Nähe verschwanden.

Schreibwaren, Zeitschriften, Eier und Konserven: Beate Maßbaum (re.) hat mit ihrem Geschäft in Freisenbruch auf den Bedarf der Anwohner reagiert, nachdem Supermärkte in der Nähe verschwanden.

Foto: Heinz-Werner Rieck

Essen-Freisenbruch.   Eine Schreibwarenhändlerin reagiert in Essen-Freisenbruch auf den Supermarkt-Mangel. Der erschwert vor allem älteren Menschen den Einkauf.

Als Beate Maßbaum vor zehn Jahren das Geschäft an der Bochumer Landstraße übernahm, da lautete ihr Verkaufskonzept: Schreibwaren, Spielsachen und ein bisschen Deko. Inzwischen bietet die 38-Jährige neben Schulheften, Zeitungen und Geburtstagskarten auch Leberwurst, Käseaufschnitt und Bohneneintopf an – und reagiert damit auf den Bedarf in Freisenbruch, sagt sie.

„Wer nicht mobil ist, ist aufgeschmissen“, beschreibt eine 80-jährige Kundin die Situation im Stadtteil, aus dem im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr Lebensmittelgeschäfte verschwanden. Früher habe es in der Nähe mehrere Supermärkte gegeben und drei Metzger. „Geblieben ist keiner“, sagt die Seniorin, die zum Glück so mobil ist, dass sie mit dem Bus nach Steele einkaufen fahren kann.

Nachbarn helfen sich auch gegenseitig

Nachbarn helfen sich auch gegenseitig, aber es sei ja unangenehm, andere die voll gepackten Taschen tragen zu lassen. „Die Entwicklung ist wirklich traurig, vor allem für die armen alten Leute“, pflichtet eine 59-Jährige bei, die in Freisenbruch groß geworden ist. An diesem Morgen kauft sie Toilettenpapier im Schreibwarenladen und ist froh über dieses Angebot.

„Als Netto schloss und Schlecker folgte, ging es hier rasant bergab“, erinnert sich Beate Maßbaum, die aus Altenessen kommt. Die gelernte Industriekauffrau gab für den Schreibwarenladen ihren festen Job als Buchhalterin auf und hatte mit Lebensmitteln nichts im Sinn. Als aber der letzte Obst- und Gemüseladen in der Nähe aufgab, schaffte sie Anfang 2014 das erste Regal und den Kühlschrank an.

Angebot an Obst, Gemüse und Putzmitteln stieg stetig

Seitdem ist das Angebot an Obst, Gemüse, Putzmitteln und Milchprodukten kontinuierlich gewachsen, längst preist sie auch im Schaufenster Salatgurken, Kiwis, Thunfisch, Topfreiniger und Rasierschaum an. Dafür gibt es weniger Spielwaren und Geschenkartikel. Auch die Schreibwaren hat die 38-Jährige minimiert und denkt schon über ein weiteres Regal und eine Kühltruhe nach, befragt nach dem Inhalt nun ihre Kunden. Vor allem die älteren unter ihnen seien sehr dankbar, weiß Beate Maßbaum. Einige jedoch warfen ihr sogar vor, sie mache sich mit ihrem Sortiment lächerlich.

Ihren Arbeitsalltag hat diese Umstellung jedenfalls auf bis zu 14 Stunden ausgeweitet und am Wochenende steht die Buchhaltung an. Wochentags kommt sie nun um acht statt um neun Uhr aus Altenessen und räumt die Waren ein, die sie am Tag zuvor in der Mittagspause oder nach Feierabend im Großmarkt eingekauft hat. Dafür bleibt das Geschäft am Freitagnachmittag geschlossen.

Lieferung für Stammkunden möglich

Der letzte Urlaub ist zwar schon Jahre her, sagt Beate Maßbaum. Aber eine Kollegin helfe im Verkauf und ihr Mann – hauptberuflich Kranführer – zieht nicht nur von Anfang an mit, sondern packt mit an und schleppt etwa Milchpaletten. Die Eier holt die 38-Jährige beim Bauern ab, auf Bestellung organisiere sie, was die Kunden brauchen und liefert die Einkäufe auch aus, wenn mal ein Stammkunde krank wird.

„Wenn einer Schnürsenkel braucht, frage ich nach der Länge“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Betriebswirtschaftlich bin ich wahrscheinlich eine Niete.“ Aber es gibt Geschichten und Schicksale, die berühren sie und sie macht eben das, was ihr möglich ist. Und die Kunden kommen zum Wocheneinkauf oder ganz gezielt, weil die Zahnpasta leer ist.

Laden und Menschen sind Herzenssache

Wenn der Stadtteil in vier Jahren endlich ein Einkaufszentrum erhält, dann freut das Beate Maßbaum für die Freisenbrucher. Ihr Geschäft aber könnte dann vor dem Aus stehen. Aufgeben wird sie nicht, versichert die Kauffrau. „Ich stelle halt wieder um“, sagt die Altenessenerin, die beruflich an der Bochumer Landstraße bleiben will und schon die nächste Wunschliste ihrer Kunden in Händen hält. Hygieneartikel, Soßenbinder und Suppennudeln stehen darauf, und sie wird alles besorgen: „Der Laden und die Menschen sind für mich längst Herzenssache geworden.“

>>NEUE MITTE FREISENBRUCH

Mit der „Neuen Mitte Freisenbruch“ soll erst 2021 ein Einkaufszentrum an der Bochumer Landstraße/Ecke Sachsenring entstehen, da Entwässerungsprobleme das Projekt ausbremsen. Es soll ein Mix aus Vollsortimenter, Einzelhandel und Wohnbebauung werden.

Ein Discounter könnte auf einem Grundstück am Sachsenring gebaut werden.

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