Museum Folkwang

Folkwang zeigt Nancy Spero: Kunst als Akt der Rebellion

Die raumgreifende Installation „Maypole: Take No Prisoners“ von Nancy Spero wurde 2007 schon einmal auf der Biennale in Venedig gezeigt.

Die raumgreifende Installation „Maypole: Take No Prisoners“ von Nancy Spero wurde 2007 schon einmal auf der Biennale in Venedig gezeigt.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Museum Folkwang zeigt die erste große Nancy Spero-Retrospektive in Deutschland. Kunst als Protest gegen Krieg und die Unterdrückung von Frauen.

Essen. In ihrem Werk hat Nancy Spero (1926-2009)lange keinen Frieden machen können mit dieser von Krieg, Gewalt und männlicher Dominanz geprägten Welt. Sie habe sich ihr Leben lang als Außenseiterin gefühlt, aber das habe sie nicht resignieren lassen, sondern Energien freigesetzt, hat die 2009 verstorbene Künstlerin einmal gesagt. Wie sie diese Energien über Jahrzehnte zu einer künstlerischen Position gegen Unmenschlichkeit und die Unterdrückung der Frau gefestigt hat, das zeigt das Museum Folkwang nun in einer bemerkenswerten Ausstellung, die das Werk der US-amerikanischen Künstlerin von den 1960er Jahren bis kurz vor ihrem Tod auffächert. Die erste große Spero-Retrospektive in Deutschland präsentiert dabei eine Frau, für die Kunst bis zuletzt ein Akt der Rebellion geblieben ist.

Diese Gegenwehr setzt schon in den 1960er Jahren ein, als der abstrakte Expressionismus in Amerika den Ton angibt und Spero zusammen mit ihrem Mann Leon Golub nach Paris geht – um anders zu malen. Ihre „Paris Black Paintings“ sind expressive Stimmungsbilder aus dem Schattenreich der weiblichen Existenz. Selbst die erotischen Paarszenen zeugen dabei eher von spannungsgeladener Nähe als von vertrauter Intimität.

Ihre expressionistische Malerei, damals schon eher auf der Nachtseite der Farbenskala, soll noch dunkler werden, als Amerika in den Vietnamkrieg zieht und Spero ihre berühmte „War Series“ anlegt. In wenigen Jahren entstehen mehr als hundert klein und mittelformatige Gouachen, auf denen Hubschrauber rotieren und Bomben wie männliche Torsi vom Himmel fallen. Dieses „Apocalypse Now“ aus weiblicher Sicht malt sie ausschließlich auf Papier – als bewusste Abwendung von der Ölmalerei, die sie als männliches Imponiergehabe empfindet. Doch ihre Kunst, die eigentlich aufrütteln soll, findet keinen Ausstellungsort und folglich keine Öffentlichkeit.

Ein Problem, das die dreifache Mutter in den 1970ern auf ihre Art löst. Mit der feministischen Produzentengalerie A.I.R. gründet sie den ersten Ausstellungsort in New York, der nur Künstlerinnen zeigt. Dort finden raumgreifende Arbeiten Platz wie das im Museum Folkwang wirkungsvoll in Szene gesetzte Monumental-Werk „Torture of Woman“ von 1976, auf dem Spero die Unterdrückung und Folterung von Frauen in autoritären Regimen anprangert. Breite Papierbahnen sind dabei zu einem horizontalen Fries arrangiert, auf dem Spero zeigt, was ihr Werk über viele Jahre ausmachen soll: Einerseits die Verwendung von Schrift, die die Amerikanerin schon seit der Auseinandersetzung mit ihrem „Seelenverwandten“ Antonin Artaud immer wieder ins Bild setzt. Anderseits der Umgang mit weiblichen Archetypen, die Spero aus der Antike, dem Mythenreich, aber auch aus der Werbung und Modewelt herbeizitiert. Mit diesem vielfach variierten Figurenrepertoire verwandelte die Amerikanerin ihren Zorn über die Lage der Frauen irgendwann in eine fast überzeitliche Bildersprache einer ebenso kraftvollen wie lustvollen weiblichen Selbstermächtigung.

So leitet die von Tobias Burg kuratierte Schau durch zehn Räume und ein facettenreiches Künstlerinnenleben, das nicht nur politisch immer wieder Position bezieht, sondern auch ästhetisch ständig neue Ausdrucksformen findet. Dass die Arbeiten dabei auch nach Jahren kaum etwas von ihrer Kraft und ihrer Dringlichkeit verloren haben, mag daran liegen, dass die von Spero beklagten Kämpfe, Weltkonflikte und Geschlechterkriege bis heute nicht an Sprengkraft verloren haben. Der Entwurf für eines der zentralen Ausstellungsstücke, die 2007 bei der Biennale in Venedig gezeigte Installation „Maypole: Take No Prisoners“, stammt noch aus der Zeit des Vietnamkrieges. Der Maibaum, an dessen Zweigen die Köpfe von Enthaupteten hängen, kann auch heute noch als künstlerischer Kommentar auf die Folge von Terror und kriegerischer Gewalt dienen.

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