Bestattungskleidung

Altendorfer Firma fertigt Kleidung für die letzte Ruhestätte

Thomas Starke setzt die Familientradition fort. Kunden aus dem In- und Ausland kommen nach Altendorf,  wenn es um Bestattungskleidung geht.

Thomas Starke setzt die Familientradition fort. Kunden aus dem In- und Ausland kommen nach Altendorf, wenn es um Bestattungskleidung geht.

Foto: Vladimir Wegener

Essen-Altendorf.   Altendorfer Familienunternehmen feiert in diesen Tagen sein 100-jähriges Bestehen. Kundschaft kommt aus dem In- und Ausland zur Haedenkampstraße.

Ruhrbischof Hengsbach, Kanzler Konrad Adenauer und zwei Krupps – sie alle wurden beigesetzt in Kleidern aus Altendorf. Dort fertigt die Firma Starke Söhne Decken, Kissen, Hemden und Kleider für Bestattungen. Das Familienunternehmen an der Haedenkampstraße feiert jetzt sein 100-jähriges Bestehen.

Urgroßvater Bernhard hatte die Schneiderei 1918 am Hauptbahnhof gegründet. Im Zweiten Weltkrieg ausgebombt, startete es in Rüttenscheid neu. Seit 1970 produziert Starke Söhne jetzt in Altendorf.

Mit Sargverzierungen fing alles an

Eigentlich reicht die Firmenchronik noch weiter zurück: Mit Sargverzierungen aus dem Erzgebirge wagte Urgroßvater Bernhard Starke (1862-1935) schon vor über 100 Jahren den Start in eine Geschäftswelt, die meist diskret im Hintergrund wirtschaftet. Nach dem Ersten Weltkrieg weitete er das Unternehmen für seine Söhne Hans und Bernhard (1894-1973) auf Bestattungstextilien aus. „Mein Großvater war ein brillanter Kaufmann und besuchte die Bestatter schon mit dem Auto“, sagt Thomas Starke. Konkurrenz gab es kaum: Totenkleider wurden bis dahin nur in Berlin und im Erzgebirge angefertigt.

Opa Bernhard und sein Vater sind Thomas Starkes Vorbilder, nicht nur unternehmerisch. Geschäfte mit den Nazis habe der Großvater aus politischer Überzeugung abgelehnt und wurde dafür ins Verhör genommen.

Kunden blieben den Altdendorfern treu

Nach Kriegsende schwärmte die verbliebene Belegschaft aus, um festzustellen, wo es überhaupt noch Kunden gab. Doch die blieben den Altendorfern treu. „Einige frühe Kontakte halten bis heute!“, freut sich Starke. Sein Vater, der ebenfalls Bernhard hieß, wurde 1921 geboren und wollte Lehrer werden. Er stieg 1945 nach der Gefangenschaft in den Betrieb ein und arbeitete bis 2000 mit. „Noch einen Tag vor seinem Tod hat er im Büro gesessen“, erzählt Barbara Starke. Sie gehört seit 1982 mit Ehemann Thomas zur Belegschaft und kennt Höhen und Tiefen der Firma.

Modetrends sind in Starkes Branche nur selten ein Thema. Doch die Jahrtausendwende war ein Wendepunkt, erinnert sich Thomas Starke: „Damals brach der Wäscheabsatz ein, weil sich immer mehr Menschen in Zivilkleidung beerdigen lassen wollten.“ Den gesellschaftlichen Wandel spiegelt sich auch in der Wäsche wider, die mal aus Baumwolle, Damast oder Futterseide ist. Waren einst eher schmuckvolle Details wie Spitzenkragen an den bodenlangen Totenkleidern oder „Talaren“, wie die letzten Hemden der Männer heißen, gefragt, verkauft man heute meist Schlichtes in Cremefarben.

Kurbelstickmaschine für die alten Schnitte

Kommen Kunden mit Sonderwünsche, dann können die Starkes auf Großmutters Schnitte zurückgreifen. Oma Martha war die gute Seele der Firma und machte ihre Schwiegertochter Barbara mit der Fabrikation vertraut. Die von ihr entworfenen Muster werden auf der mittlerweile seltenen gewordenen Kurbelstickmaschine umgesetzt.

Unten im Keller lagern zahlreiche Särge, deren Inneres mit Stoff ausgeschlagen und unterfüttert wird. So können die Verstorbenen ansehnlicher gebettet werden. Wie wichtig ein letzter würdevoller Anblick sei, betont der Firmenchef: „Eine Beerdigung ist eine nicht zu wiederholende Veranstaltung.“ Wer Fehler macht, kann sie später nicht korrigieren.

Heute fertigen noch knapp zehn vergleichbare Unternehmen in Deutschland, weiß der Thomas Starke, Chef von elf Mitarbeiterinnen. Mitbewerber gibt es dazu in Osteuropa und Asien. Die Konkurrenz sei hart, denn die goldenen Zeiten der Textilbranche sind auch bei der Bestattungskleidung vorbei. Andererseits geht die Geschichte weiter – und gestorben wird bekanntlich immer.

Täglich werden bis zu 70 Sargdecken gefertigt

Thomas Starke, Jahrgang 1959, ist gelernter Industrie- und Holzkaufmann.

Pro Tag werden etwa 50 bis 70 Sargdecken und -kissen an Maschinen gefertigt. An der seltenen Kurbelstickmaschine wird jedes Loch einzeln gestochen.


Heute beschäftigt die Firma elf Mitarbeiter, in Spitzenzeiten waren es 70.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben