Filmkritik

„Geheimnis der Freiheit“ konstruiert eigenen Berthold Beitz

Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf) auf der Degussa-Hauptversammlung 1973, wie so oft umringt von Journalisten.

Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf) auf der Degussa-Hauptversammlung 1973, wie so oft umringt von Journalisten.

Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach

Essen.  Wie konnte Berthold Beitz nach 1945 mit Alfried Krupp zusammenarbeiten und die NS-Erlebnisse verarbeiten? Ein Film sucht Antworten und scheitert.

Es muss was dran sein an der Allerweltsweisheit, nach der sich Gegensätze anziehen. Denn Berthold Beitz und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach waren zumindest von außen betrachtet so gegensätzlich wie man nur sein kann und pflegten dennoch über entscheidende anderthalb Jahrzehnte eine der folgenreichsten Männerfreundschaften der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Die unterschiedlichen Verhaltensweisen dieser beiden Persönlichkeiten in der NS-Zeit und die Frage, warum sie dennoch gut zusammenarbeiteten, dient als Hintergrundfolie eines Versuchs, das komplexe Leben von Berthold Beitz filmisch zu verarbeiten. Zweimal war der Film nun bereits in ARD-Sendern zu sehen, in der Mediathek ist er weiter abrufbar, es bleibt beim Urteil: „Das Geheimnis der Freiheit“ ist weitgehend misslungen.

Beitz musste sich testamentarisch erworbene Macht erst erkämpfen

Der Film spielt vorwiegend in der Mitte der 1970er Jahre, als bei Krupp die Dauerkrise wieder mehr Zuversicht wich und Berthold Beitz sich jene umfassende Macht zurückeroberte, die der 1967 verstorbene Alfried Krupp ihm per Testament zugedacht hatte.

Mit dem Tod des letzten Alleininhabers war die poröse unternehmerische und finanzielle Substanz des Konzerns deutlich geworden, die dann für einige Jahre den Banken und dem Staat die faktische Entscheidungsgewalt in der Essener Zentrale gesichert hatte. Es ist nur eines von vielen dramatischen Kapiteln, die Berthold Beitz in den sechs Jahrzehnten an der Spitze von Krupp und später Thyssenkrupp erlebte.

Aber der Film konstruiert sich etwas Eigenes, das dann zugespitzt wird: einen psychologischen Konflikt, für den es in der dargestellten Form kaum einen verbürgten Beleg gibt. Als junger Erdöl-Manager ab 1941 hatte Berthold Beitz im galizischen Boryslaw mit hohem persönlichen Risiko jüdische Menschen vor dem Tod gerettet, indem er ihre Arbeitskraft gegenüber dem NS-Mordapparat als unentbehrlich darstellte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und erst recht nach seinem Einstieg bei Krupp 1953 musste Beitz aber mit vielen Deutschen zusammenarbeiten, die funktioniert und sich angepasst hatten oder sogar Täter waren.

Beitz wird ein Trauma angedichtet, für das es so recht keinen Beleg gibt

Dieser Spagat, so jedenfalls die Film-These, muss ein Trauma zur Folge gehabt haben, das Drehbuch lässt Beitz (dargestellt von Sven-Eric Bechtolf) deshalb buchstäblich Gespenster sehen. Symbol dafür ist die junge jüdische Mitarbeiterin, die Beitz vor dem Abtransport in ein Vernichtungslager bewahrte - und die wieder zurück in den Viehwaggon stieg, weil Beitz’ Macht es nicht vermochte, auch ihre alte, für die Kriegswirtschaft unwichtige Mutter zu retten.

Eine Szene, die der reale Beitz Journalisten oft erzählte und die der Film-Beitz in den unpassendsten Situationen immer wieder durchlebt - und die ihn in wachsende Verzweiflung bis hin zum Zusammenbruch unter der Dusche stürzt.

Hier nun kommt Golo Mann (Edgar Selge) ins Spiel. Der renommierte Historiker und Sohn des Schriftstellers Thomas Mann soll auf Beitz’ Wunsch eigentlich nur ein freundliches Buch über seinen Heros Alfried Krupp schreiben, produziert sich aber schnell als eine Art Therapeut, der dem zunächst widerspenstigen Berthold Beitz die angeblichen oder tatsächlichen Widersprüche seines Lebens aufzeigt.

Hölzerne und klischeehafte Dialoge und Bilder

Beitz, der Gute, paktiere mit dem Bösen, vor allem mit Alfried Krupp, dem verurteilten Kriegsverbrecher. Beitz wolle Macht, weil er die eigene Ohnmacht in Boryslaw gespürt habe, insistiert Golo Mann. Wie um dies zu demonstrieren, führt Beitz seinen Hobby-Psychologen in ein Hüttenwerk und ergeht sich angesichts des fließenden Roheisens in gestenreichem Pathos: „Er (Alfried Krupp) hat mir diese Kraft gegeben...“ Das klingt nicht nur hölzern und klischeehaft, das ist es auch.

Film versucht „Erzählung zu finden, die es so noch nicht gibt“

Nun ist das ebenso erdenschwere wie spekulative Psycho-Drama, gerne kombiniert mit NS-Verstrickung und -Aufarbeitung, eine Spezialität vieler Drehbuchschreiber und Filmemacher in Diensten des deutschen Fernsehens. Geschenkt. Dass man sich „eng an Biografisches hält“, wie ARD-Programmdirektor Volker Herres schreibt, ist spätestens bei solchen Szenen jedoch eine gewagte Behauptung.

Weit eher trifft zu, was WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn in krassem Widerspruch zu Herres nur eine Seite weiter im Film-Heft zum Besten gibt: nämlich dass der Film „versucht, eine Erzählung zu finden, die es so noch nicht gibt“.

Textfragment von Golo Mann enthält nichts Skandalträchtiges und kann eingesehen werden

Tatsächlich sind die Fakten oft andere. Golo Mann hat sein Manuskript über Krupp nie beendet, er fand keinen Zugang zur Person Alfried Krupp, die ihm eher langweilig als dämonisch oder gar unternehmerisch genial erschien. Anders als der Film suggeriert, steht in dem Text-Fragment nichts besonderes, schon gar nichts Sensationelles, das man deshalb hätte unterdrücken wollen. Jeder kann die unfertige, vermeintlich geheimnisvolle Biografie im Krupp-Archiv in der Villa Hügel oder im Nachlass von Golo Mann einsehen, der in der Schweiz aufbewahrt wird.

Schließlich passt auch der Habitus der handelnden Personen überhaupt nicht mit der Realität überein. Das mag für ein Doku-Drama ein lässlicher Einwand sein, doch wo Berthold Beitz und Golo Mann draufsteht, sollte auch Beitz und Mann drin sein, sonst muss man halt mit Phantasienamen arbeiten. Dass ein verdruckst-zurückhaltender Mensch wie Golo Mann Berthold Beitz auf die Psychologen-Couch legt, ist jedenfalls sehr schwer vorstellbar. Aber man kann das alles und manches mehr Holzschnittartige natürlich zu einem Drehbuch machen – wenn einem gar nichts anderes einfällt.

Die wenigen, die Hitler entschieden widerstanden, arbeiteten gut mit den vielen anderen zusammen

Wie konnte Berthold Beitz mit Alfried Krupp, immerhin einem verurteilten, wenn auch früh begnadigten Kriegsverbrecher, so gut zusammenarbeiten, fragt der Film? Nun, dass die wenigen, die Hitler entschieden widerstanden, nach 1945 mit den vielen kleinen und großen Nazis beruflich zurechtkamen, erklärt sich aus dem Willen, das Land und sich selbst aus dem Dreck zu ziehen.

Ob Berthold Beitz, Konrad Adenauer, WAZ-Mitbegründer Erich Brost oder andere, die eine weiße Weste hatten: Sie wussten oder glaubten zu wissen, dass es ohne die vielen Braunbefleckten nicht gehen würde und hofften, dass diese nach der Katastrophe nun im Sinne der Demokratie funktionierten.

Sie hätten es allerdings auch nicht geschafft, alle zur Seite zu schieben, die sich schuldig gemacht hatten, das gesellschaftliche Klima und die Politik gingen lange in eine andere Richtung. Das kann man sicherlich problematisieren, zumal auch zahlreiche politische Verbrecher von dieser Haltung profitierten. Die damals Handelnden empfanden es einfach als pragmatisch.

Beitz war nicht naiv, wenn es um die deutsche Mentalität in der NS-Zeit ging

Dabei war Beitz alles andere als naiv, was „seine“ Deutschen anbelangt. Der „Schlachthof Boryslaw“ hatte Beitz für immer verändert, sein legendäres Misstrauen, das viele zu spüren bekamen, hatte hier seinen Ursprung. „Ich kenne die Deutschen“, sagte Beitz seinem Biografen Joachim Käppner einmal in einer bitteren Minute, „wenn man fest, klar und bestimmt auftritt, respektieren sie einen. Wenn man weich ist und verzweifelt, bringen sie einen um.“ Nur mit diesem demonstrativem Selbstbewusstsein habe er es geschafft, die SS-Männer zu beeindrucken und zu düpieren und Menschen zu retten.

Und es stimmt auch, dass sich Beitz von betont konservativen Wirtschaftsführern fernhielt, ihre altväterlichen Rituale ebenso verachtete wie die Neigung, ihre eigene und die Vergangenheit des Landes zu verklären.

Alfried Krupp allerdings gehörte gerade nicht zu diesem Typus, was es Beitz leicht machte, ihn zeitlebens zu verehren. Beitz erkannte an, dass Alfried Krupp aus seiner Biografie und Familienverpflichtung heraus ein Päckchen zu tragen hatte, das dieser nicht einfach abwerfen konnte.

Viele wichtige Facetten von Beitz sind im Film unterbelichtet

Zu selten kommt in diesem Film der Beitz vor, wie ihn viele kennen, die ihm begegnet sind: der selbstbewusste Macher, der ruppige Machtmensch, der charmante Grandseigneur und – bis ins höhere Alter – der strahlende Sonnyboy. Hin und wieder blitzt davon etwas auf, etwa wenn Beitz erst Farah Pahlavi und dann ihren Mann, den Schah von Persien umgarnt, auf dass dieser Krupp dringend benötigtes Kapital im Tausch gegen eine Firmenbeteiligung zukommen lässt; oder wenn Beitz seine Gattin Else auf Sylt spontan zum Tänzchen auffordert.

Zumeist aber stolpert der Film-Beitz ziemlich bedröppelt durchs Leben. Um es sinngemäß mit WDR-Mann Schönenborn zu sagen: einen Beitz, den es so noch nicht gibt.

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