Verkehr in Essen

Familie aus Essen bewältigt Alltag mit Lastenrad statt Auto

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Familie Kucera - rechts Mama Johanna, in der Mitte Papa Jan - und auch ihre Nachbarn, Familie Kutschker, nutzen das Lastenrad im Alltag. Insgesamt transportieren sie mit ihren drei Rädern sieben Kinder.  Für sie ist es die bessere Alternative zum Auto.

Familie Kucera - rechts Mama Johanna, in der Mitte Papa Jan - und auch ihre Nachbarn, Familie Kutschker, nutzen das Lastenrad im Alltag. Insgesamt transportieren sie mit ihren drei Rädern sieben Kinder. Für sie ist es die bessere Alternative zum Auto.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Lastenräder gehören mehr und mehr zum Stadtbild in Essen. Das sorgt bei anderen Verkehrsteilnehmern nicht nur für Freude.

  • Lastenräder werden in Essen immer beliebter.
  • Sechsköpfige Familie aus Rüttenscheid hat zwei Lastenräder und braucht das Auto nur für Urlaubsfahrten.
  • Andere Verkehrsteilnehmer - Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer - haben mitunter Probleme mit den großen Transporträdern.

Was vor einigen Jahren noch exotisch war, gehört jetzt immer mehr zum Stadtbild in Essen: Lastenräder werden genutzt, um Kinder und Haustiere zu transportieren, Einkäufe nach Hause zu bringen und auch das Altpapier zum Container. Das sorgt bei anderen Verkehrsteilnehmern nicht immer für Freude. Die Rüttenscheider Familie Kucera hat gleich zwei sogenannte Cargobikes, ihr Auto wollen sie jetzt mit den Nachbarn teilen.

Familie fährt mit dem Lastenrad von Rüttenscheid zum Stadtwald - auch bei Regen

Zwei Kindergartenkinder und zwei Schulkinder steigen morgens mit ihren Taschen in das dreirädrige Lastenrad der Firma „Babboe“ und dann geht es vier Kilometer Richtung Stadtwald. Laurenz ist mit acht Jahren der älteste, er steigt oft auch auf sein eigenes Fahrrad. Die Stimmung ist meistens gut, gefahren wird bei Wind und Wetter. „Die Kinder wollen gar kein Auto mehr fahren“, erzählt Mutter Johanna. „Sie finden es stickig.“ Auch sie selbst ist froh, „den Stress mit anschnallen, Parkplatz-Suche und Stau“ hinter sich gelassen zu haben. Bei Regen wird bei den Kindern das Verdeck und bei der Fahrerin die Regenjacke übergezogen.

Vor drei Jahren hatte sich die Familie entschieden, vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen. Der Klimaschutz spielte dabei zunächst eine untergeordnete Rolle: „Hauptsächlich wollten wir mehr an der frischen Luft sein und den Sport in den Familienalltag integrieren“, erklärt die 39-jährige Vierfachmutter. Nebenbei tue man auch noch was Gutes für die Umwelt.

Lastenrad-Prämie: Vorschlag der Grünen sorgte für geteilte Meinung

Knapp verpasst haben sie damals die Förderung, die es kurz danach für zwei Jahre von der Bezirksregierung für Privatleute gab. Derzeit können nur Firmen, Kommunen und Vereine eine Förderung beantragen. Die Grünen hatten im Bundestags-Wahlkampf noch einmal dafür geworben, den Kauf von Lastenrädern mit 1000 Euro zu bezuschussen und so die Verkehrswende voranzutreiben. Sie stießen dabei auf sehr geteilte Meinungen. Es solle keine absolute Ungleichheit geben zu einer Förderung von 6000 Euro für Elektroautos hatte Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erklärt. Kritiker finden, dass damit besserverdienende „Hipster-Eltern“ subventioniert werden.

Doch auch Lieferdienste, Handwerker und Firmen steigen zunehmend auf Lasten- und Transporträder um, wie Gerd Lemken erklärt. Der 58-Jährige ist Inhaber von „Punta Velo“, einem Fahrradladen in der Essener City, der sich auf den Verkauft der Räder spezialisiert hat. Vor acht Jahren hat er sein Ladenlokal eröffnet: „Damals wurden wir mit unseren Produkten noch ausgelacht“, so Lemken, der jetzt mehrere hundert Cargobikes im Jahr verkauft.

Auto erfasste Lastenrad auf Essener Lerchenstraße

Trotz der guten Verkaufszahlen erfreuen sich die Transporträder bei den anderen Verkehrsteilnehmern nicht immer großer Beliebtheit. Wie viele Unfälle es mit Lastenrädern gibt, kann die Polizei nicht beziffern, sie werden in der Verkehrsunfallstatistik nicht explizit aufgelistet. Im vergangenen Jahr verunglückten nach Angaben der Polizei von Januar bis Juli 68 Pedelec-Fahrer und Fahrerinnen, in diesem Jahr im selben Zeitraum 89. In diese Kategorie fallen sowohl „normale“ Pedelecs, als auch Lastenräder, da die meisten einen Elektromotor eingebaut haben.

Bekannte der Familie Kucera nutzen ebenfalls Lastenräder im Alltag und wissen: „Im Fall der Fälle endet es oft unschön.“ Manchmal sei es dem rasanten Fahrstil geschuldet, manchmal der nassen Straße und manchmal der Kombination aus schwerer Last - das Rad selbst wiegt oft schon 30 Kilo - und Pech. So erzählt die Lastenrad-Fahrerin, dass sie vor einigen Jahren bei Dunkelheit auf der Lerchenstraße von einem Auto übersehen und angefahren wurde. „Ich hatte keine Chance, das Fahrrad ist hingeflogen und ich wurde mehrere Meter wegkatapultiert.“ Die Kinder in der Kiste seien angeschnallt gewesen und hätten Helme getragen. Ihnen sei nichts passiert, sie selbst habe mehrere Prellungen und einen Schock davon getragen.

Parkplatz-Suche mit Lastenrädern ein Problem

Auch Fahrradfahrer unter sich kommen sich mitunter in die Quere, schließlich sind Radwege und Radstreifen oft nicht allzu breit, besonders bei Gegenverkehr kann es haarig werden. „Zwei Lastenräder nebeneinander können eigentlich nicht fahren“, weiß Johanna Kucera. Sie treibt zudem das gleiche Problem um, was auch Autofahrer oft haben: die Parkplatz-Suche. „Es gibt zwar ein spezielles Parkplatz-Verkehrsschild für Lastenräder - in Essen sucht man das aber vergeblich“, weiß Mirko Sehnke, Vorsitzender des ADFC in Essen. Die sechsköpfige Familie Kucera kämpft seit Jahren für Fahrradständer in ihrer Straße in Rüttenscheid. Eine Garage haben sie nämlich nicht, stattdessen aber seit Kurzem zwei Lastenräder: „So können wir beide von der Arbeit aus die Kinder abholen und fühlen uns einfach sicherer, wenn mal eins kaputt geht.“ Parken sie ihr Lastenrad auf dem Gehweg, wird dieser sehr schmal, parken sie auf einem Auto-Parkplatz bekommen sie schonmal Ärger mit jenen, die diesen eigentlich mit ihrem Wagen nutzen wollten.

Mit den beiden Lastenrädern bewältigen die Essener ihren Alltag, ein Auto haben sie aber noch immer: „Das brauchen wir eigentlich nur für Urlaubsfahrten“, erklärt Johanna Kucera. Abschaffen wollen sie es noch nicht, aber teilen. Dabei haben sie schon die goldene Regel gelernt: „Teile niemals mit einer anderen Familie, die ebenfalls auf Schulferien angewiesen ist, dann wollen alle zugleich mit dem Auto in den Urlaub.“

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