AfD

Facebook-Star Serge Menga wollte in die AfD eintreten

Ein Selfie mit dem Vizekanzler: Serge Menga hält sich mit Sigmar Gabriel im Bilde fest. Der SPD-Chef hatte den Rüttenscheider im Januar 2016 nach dessen Facebook-Wutrede gegen kriminelle Ausländer in Berlin empfangen.

Foto: dpa

Ein Selfie mit dem Vizekanzler: Serge Menga hält sich mit Sigmar Gabriel im Bilde fest. Der SPD-Chef hatte den Rüttenscheider im Januar 2016 nach dessen Facebook-Wutrede gegen kriminelle Ausländer in Berlin empfangen. Foto: dpa

Essen.   Serge Mengas Wutrede gegen kriminelle Ausländer machte den Essener zum Star im Netz. Nun wollte er in die AfD eintreten. Warum daraus nichts wurde.

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Serge Nathan Dash Menga und Guido Reil haben einiges gemeinsam. Beide sagen von sich, dass sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Beide suchen mediale Aufmerksamkeit und haben Gefallen daran gefunden. Bundesweit bekannt sind sie inzwischen beide: der gebürtige Kongolese, der durch seine Wutrede bei Facebook Anfang des Jahres zu einem Star in den sozialen Netzwerken geworden ist, und der ehemalige SPD-Ratsherr aus Karnap.

Mehrere Millionen Mal wurde Mengas Wutrede im Netz geklickt. Unter dem Eindruck der sexuellen Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen in der Silvesternacht forderte er kriminelle Ausländer unverblümt auf, in ihre Heimat zurückzukehren. Das bescherte ihm einen Empfang bei Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) und ein Treffen mit dem Vizekanzler und Vorsitzenden der SPD, Sigmar Gabriel. Auch davon gibt es ein Foto.

„Carnaper Originale“ demonstrieren am Samstag

Ob Sigmar Gabriel ein weiteres Mal für einen gemeinsamen Schnappschuss zur Verfügung stehen würde, darf man bezweifeln. Denn Serge Menga wollte jüngst Mitglied der rechtspopulistischen AfD werden und so einen Schritt gehen, den Gabriels ehemaliger Parteifreund Guido Reil bereits gegangen ist.

Der Aufnahmeantrag war sogar bereits gestellt, erzählt Menga im Gespräch mit dieser Zeitung und schildert wortreich, warum es doch anders gekommen ist. Nach mehreren Gesprächen habe die AfD ihn überzeugt. „Das sind nicht alles nur Rechte“, gibt Menga seinen Eindruck wieder. „Doch als Vollmitglied wollten sie mich nicht haben.“ Warum? „Ich sei ein Glücksritter, dem man nicht vertrauen könne.“ Weil Menga, der nach der Wahl von Kufen zum Essener OB auch ein halbes Jahr lang Mitglied der CDU war, nach eigenen Worten aber keine halben Sachen macht, habe er seinen Mitgliedsantrag wieder zurückgezogen: Ganz oder gar nicht.

AfD-Vorsitzender: „Nicht auf Herz und Nieren geprüft“

Essens AfD-Kreisvorsitzender Stefan Keuter zeigt sich überrascht, als er davon im Gespräch mit der Redaktion erfährt. Serge Menga sei eine Fördermitgliedschaft angeboten worden. Das sei so üblich in der AfD. „Wir wollen uns nicht das Boot vollmachen mit Leuten, die wir nicht auf Herz und Nieren geprüft haben.“ Die Hautfarbe spiele dabei keine Rolle, sagt Keuter, ohne danach gefragt worden zu sein.

AfD-Mitglied Guido Reil macht ob dieser Geschichte ein langes Gesicht. Reil hätte Serge Menga gerne als Gastredner gewonnen für eine Kundgebung, zu der die Bürgerinitiative „Carnaper Originale“ für den kommenden Samstag um 15 Uhr auf den Karnaper Markt aufruft. Es ist nicht der erste Aufruf der Initiative: Im Februar hatten die Initiatoren mit einer Demonstration gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Verteilung von Flüchtlingen im Stadtgebiet protestiert; diese gehe zu Lasten des Essener Nordens. Ein Thema, mit dem auch Reil medial hausieren ging und das ihn schließlich zur AfD brachte.

Am Samstag aber geht es nicht um die große Politik, wobei das eine mit dem anderen zusammenhängt. Es geht um Guido Reil persönlich und um den Konflikt, den die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit dem einstigen SPD-Ratsherr austrägt, seit dieser sich der AfD angeschlossen hat.

Kurdische Frauenrechtlerin Leyla Bilge spricht für AfD

Auf Beschluss des Bundesvorstandes will der Sozialverband AfD-Leute in den eigenen Reihen nicht dulden, weder als Mitarbeiter noch als einfaches Mitglied. Deshalb hat der Awo-Kreisverband das Awo-Mitglied Guido Reil inzwischen vor die Tür gesetzt. Der neunköpfige Kreisvorstand habe dies vorige Woche einstimmig beschlossen, so Essens Awo-Geschäftsführer Oliver Kern.

Guido Reil will das nicht akzeptieren und weiß die „Carnaper Originale“ an seiner Seite. Die wollen, wie einem Flyer zu entnehmen ist, am Samstag für Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit eintreten – die Grundsätze der Arbeiterwohlfahrt. Die Demonstration richtet sich demnach „gegen die Diskriminierung politischer Andersdenkender“.

Der Name Guido Reil fällt nicht. Stattdessen die offene Frage: „Darf man in unserem Land noch die Wahrheit sagen?“ Dass die Organisatoren dies für sich in Anspruch nehmen, steht zwischen den Zeilen. Zu den Rednern zählt neben Reil selbst und der Vorsitzenden der Bürgerinitiative, Tanja van de Water, die durch ihre Flüchtlingshilfe im Irak medial bekannt gewordene Frauenrechtlerin Leyla Bilge, eine Kurdin, Muslima und wie Reil inzwischen Mitglied der AfD. Beide sind dort ob ihrer Popularität gern gesehene Aushängeschilder, mit denen sich die Partei schmückt.

Serge Menga will in den Landtag – ohne eine Partei

Serge Menga habe als Gastredner Samstag leider „um fünf vor Zwölf“ abgesagt, bedauert Reil und gibt sich diesmal ungewohnt schmallippig. Eines betont er noch: „Das ist ausdrücklich keine AfD-Veranstaltung.“ Serge Menga hat offenbar einen anderen Eindruck. Deshalb habe er abgesagt. Seinem Prinzip bleibt der Rüttenscheider so treu: Ganz oder gar nicht.

Er wolle sich nun ganz seiner Kandidatur bei der Landtagswahl im kommenden Jahr widmen, bei der er als Einzelkandidat antreten wolle. Bestärkt fühle er sich durch ein Votum, zu dem er auf Facebook aufgerufen hatte. 85 Prozent seiner Fans und Freunde seien der Meinung gewesen, er solle sich nicht an eine Partei binden. Egal an welche.

So finden zwei nicht zusammen, die sich sonst sehr ähnlich sind.

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