Mai-Kundgebung

Essens DGB wirbt für Europa: „Es steht einiges auf dem Spiel“

Bei aller Kritik an der europäischen Politik: Zurückzukehren zur Nationalstaaterei ist für die Essener Gewerkschafter kein Thema. Sie werben deshalb bei der Europawahl den Kurs weiterzugehen, „jetzt aber richtig“.

Bei aller Kritik an der europäischen Politik: Zurückzukehren zur Nationalstaaterei ist für die Essener Gewerkschafter kein Thema. Sie werben deshalb bei der Europawahl den Kurs weiterzugehen, „jetzt aber richtig“.

Foto: André Hirtz

Essen.   Die Mai-Demo steht diesmal ganz im Zeichen der Europawahl. Dort macht der DGB gegen rechts mobil – und denkt da nicht zuletzt an einen Essener.

Ob irische Wanderarbeiter oder rumänische Konkurrenz auf der Baustelle: Europa ist für Essens Gewerkschafter Alltag, und die europäischen Probleme sind es auch. Bei aller Kritik vergangener Tage – „wir haben Europa nie in Frage gestellt“, sagt DGB-Chef Dieter Hillebrand, aber weil andere dies mehr denn je tun, soll die traditionelle Mai-Kundgebung in der kommenden Woche zu einem klaren Bekenntnis geraten: Für Europa. Und gegen rechte Populisten. „Es steht einiges auf dem Spiel.“ Weshalb ihnen beim Deutschen Gewerkschaftsbund ein Essener ganz besonders in die Quere kommt.

Denn gut möglich, dass der Karnaper Ratsherr und designierte Europa-Abgeordnete Guido Reil dem DGB auf der Mai-Demo einmal mehr provozierend die Schau stehlen will. Im vergangenen Jahr ging das in die Hose, der AfD-Frontmann landete für drei Stunden im Gewahrsam, weil er sich einem polizeilichen Platzverweis widersetzte.

Guido Reil? „Soll seinen eigenen Zug machen“

Erwünscht ist er auch diesmal nicht, das macht Hillebrand unmissverständlich klar, schon weil beim DGB der Einsatz „für ein solidarisches und gerechtes Europa“ mit Offenheit und Toleranz einhergehen soll. Wer das wie offenbar Reil nicht unterschreiben könne, „der soll seinen eigenen Zug machen“, so formuliert es Markus Ernst von der IG Metall.

Dass rechte Populisten Europa madig machen könnten, sorgt die Gewerkschafter durch die Bank: Auftragseinbrüche von bis zu 15 Prozent bei einigen Essener Industriebetrieben schreibt IG Metall-Chef Ernst etwa dem Brexit zu, und auch sonst sei die Rückkehr zu Nationalstaaterei ein Irrweg, betonen die Gewerkschafter unisono.

Wohnen als d a s soziale Spannungsfeld

Immerhin, man wähnt sich gewappnet, will in Veranstaltungen mobil machen für europäische Gewerkschaftsziele und doch die örtlichen Themen nicht aus dem Blick verlieren: So sieht der DGB mehr denn je das bezahlbare Wohnen als d a s soziale Spannungsfeld der kommenden Jahre auch in Essen – neben den „klassischen“ Gewerkschaftsthemen, wie etwa der Tarifflucht im Einzelhandel oder den allzu seltenen Schwarzarbeits-Kontrollen auf dem Bau.

Dabei haben die DGB-Gewerkschaften nach eigenem Bekunden nicht nur gelernt, zum richtigen Zeitpunkt laut zu sein, sondern auch zuzuhören, was die Mitgliederschar von ihnen erwartet. Geld oder Freizeit, so lautete hier und da die Frage, und das kam gut an. Es habe sich ebenso ausgezahlt wie der Versuch, über Mitgliedervorteils-Regelungen in Tarifverhandlungen für die gewerkschaftliche Idee zu werben. Immerhin: Berufsanfänger bei der Polizei sind zu 90 Prozent gewerkschaftlich organisiert, im Erziehungssektor kann man von solchen Zahlen nur träumen.

Der industrielle Rückgang ist in der Statistik ablesbar

Und doch: Alles in allem ist „der Trend nach unten gestoppt“, sagt DGB-Chef Dieter Hillebrand, der angesichts von 60.000 DGB-Mitgliedern in Essen betont, dass darin nur die Mitglieder mit Essener Wohnort aufgeführt sind.

Dennoch macht der Wandel der Arbeitswelt den Gewerkschaften nach wie vor zu schaffen, auch und gerade in Essen: Den Rückgang an industriellen Arbeitsplätzen spüren sie in der Statistik. Und bei den Jobs, die massenhaft nachwachsen, etwa im Call Center-Bereich, „da haben wir noch nicht den richtigen Weg gefunden, wie wir an die Leute rankommen. Europa hin oder her.

>>> DAS PROGRAMM DES DGB ZUM 1. MAI

  • Um 10 Uhr setzt sich vom Girardet-Haus in Rüttenscheid ein Demonstrationszug in Bewegung, musikalisch begleitet von der Gruppe „Samba Ruhrgebeat“. Sein Ziel: der Burgplatz in der Innenstadt.
  • Dort beginnt um etwa 11.15 Uhr die Mai-Kundgebung. Es gibt Grußworte von DGB-Chef Dieter Hillebrand und OB Thomas Kufen sowie einen „Impuls“ von Lucas Rose von der DGB-Jugend. Die Rede hält der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Robert Feiger.
  • Abseits von 30 Infoständen gibt es anschließend ein buntes Familienprogramm unter anderem mit dem Kindertheater „Oh Larry“ und dem Bergbauorchester Niederrhein.

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