Radfahren

Essenerin radelt mit Hollandrad über die Alpen bis Mailand

Mit ihrem Hollandrad vor dem Dom: Die Essenerin Carla Niehues legt jede Strecke mit dem Rad zurück. Im Sommer 2018 radelte sie bis Mailand.

Mit ihrem Hollandrad vor dem Dom: Die Essenerin Carla Niehues legt jede Strecke mit dem Rad zurück. Im Sommer 2018 radelte sie bis Mailand.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.   Carla Niehues (60) aus Essen legt jede Strecke mit ihrem Hollandrad zurück. Die Lehrerin ist mit dem schweren Rad sogar über die Alpen gefahren.

Carla Niehues ist über die Alpen gefahren. Von Essen bis Mailand und zurück mit dem Hollandrad, einen Sommer lang hat das gedauert. Sie hat dafür überhaupt nicht trainiert. Oder doch: ihr Leben lang.

Ein Paradox? Nun, Carla Niehues wuchs an der holländischen Grenze auf. Dort ist das Fahrrad Verkehrsmittel erster Wahl, nicht Sportgerät. Es bringt die Menschen von A nach B, jederzeit, kostenlos, unkompliziert. Carla Niehues hat es so beibehalten, als sie 1977 zum Studium nach Essen kam. Obwohl es hier nicht so flach ist wie im Münsterland. In Essen, damals zur autogerechten Stadt zugerichtet, war sie anfangs Exotin: Zwei, drei andere Räder verloren sich an der Uni, der Parkplatz war voller Autos.

Mit einem Rad aus Stahl in die Berge

Sie hielt am Radfahren fest, obwohl sie durchaus einen Führerschein hat (nur kein Auto). Mehr als 40 Jahre lang – mit einer kleinen Unterbrechung – lebt und radelt sie in Essen. Bei fast jedem Wetter. „Glatteis und auch Schnee sind gefährlich, da lasse ich das Rad stehen.“ Außerdem fahre sie umsichtig, ohne Hast. Bis heute hat die 60-Jährige keinen Unfall gehabt. Sie radelt nicht nur von ihrem Zuhause in Rüttenscheid zur Frida-Levy-Gesamtschule, an der sie unterrichtet, sondern auch nach Katernberg, Werden oder Mülheim. Jede Strecke.

Ein paar Touren hat sie auch gemacht, schon mal ein paar Tage lang. Auf ihrer Alpentour im vergangenen Sommer war sie neun Wochen unterwegs. „Alle haben vorher gefragt, welches Rad ich mir kaufe, welche Ausrüstung“, erzählt sie. Sie hat kein neues Rad gekauft, nur ihre – gebraucht gekaufte – Gazelle überholen lassen. Ein Hollandrad aus Stahl, nicht aus Alu. Mit sieben Gängen und einer gewissen Schwerfälligkeit. Sie hat Shorts und T-Shirts eingepackt und ihr Regencape, das sie schon immer nutzt. Funktionskleidung? Fehlanzeige. Nicht mal Helm oder Handschuhe. Es sei vernünftig einen Helm zu tragen, aber sie habe es eben nie gemacht. „Ich bin auch gegen eine Helmpflicht.“ Es ärgere sie, dass Radfahrer sich schützen sollen, obwohl die größte Gefahr für sie von Autofahrern ausgehe – und wenig getan werde, um diese Gefahr zu mindern.

Wenn’s zu steil wird, schiebt sie halt

Im Sommer 2018 ist sie also unbehelmt aufgebrochen. Es hat ihr gefallen, dass diese Reise direkt vor der Haustür beginnen konnte. Zwei altmodische Satteltaschen hat sie über den Gepäckträger geworfen, einen Rucksack mit Papieren und Portemonnaie vorn im Korb verstaut, los ging‘s. Durchs Ruhrgebiet, ins Rheinland, an Rhein und Main entlang, vorbei an idyllischen Landschaften und kilometerlangen Industrieanlagen. Zuerst war sie allein unterwegs, genoss es, den Lärm der Schule hinter sich zu lassen: treten, schweigen, schauen. Carla Niehues hielt sich an die Flüsse: „Da muss man auf wenig achten, kann so vor sich hin fahren. Und die Radwege sind da flach, man vermeidet Steigungen.“

Es ist schließlich nicht so, dass sie sich die Alpen ausgesucht hätte, weil sie es auf Bergetappen abgesehen hatte. Die Alpen lagen einfach zwischen ihr und ihrem Ziel Mailand. Ein Hindernis, aber kein unüberwindbares. Bevor sie das Gebirge anging, machte sie einige Tage in München Station, besuchte Freunde, erholte sich. Von da an radelte sie mit ein paar Begleitern weiter. Während die anderen mit ihren Tourenrädern im kleinsten Gang mühsam die Berge erklommen, scheiterte Carla Niehues mit ihrem gemütlichen Hollandrad an einigen steilen Stücken. Stieg ab und schob. „Viele Radfahrer schieben ja nicht. Die haben da so eine Ehre“, sagt sie. „Die hab‘ ich nicht.“

Freude auf den Sprung in den Bergsee

Wer sich mit ihr unterhält, merkt schnell, dass sie sportlich ist (sie schwimmt auch gern), aber keine Sportlerin: Messbare Leistung, Höchst- und Durchschnittsgeschwindigkeiten, zurückgelegte Kilometer und Höhenmeter, die ehrgeizige Athleten nach solchen Touren abspulen können, interessieren sie nicht. Sie kennt nicht mal das Gewicht von Rad und Gepäck. Ihr ging es nicht um Tagesleistung, sondern um das jeweilige Ziel: den Sprung in einen Bergsee, eine Stadtbesichtigung, einen großartigen Cappuccino an der Bar, den Schlaf in Hotel oder Herberge. „Es war ja Urlaub.“

Ein zugegeben ziemlich langer Urlaub: Neun Wochen Ferien haben nicht mal Lehrer. Carla Niehues hat sich die freie Zeit über Jahre angespart, und sich zum 60. Geburtstag ein Sabbatjahr geschenkt, das mit der Alpenradtour begann. Man könne sich viel für die Rente vornehmen, „aber ob man das noch alles schafft?“ Jetzt hatte sie die Kraft und das Glück, im Supersommer 2018 unterwegs zu sein. „Wenn es ständig geregnet hätte, wäre ich mehr Zug gefahren – oder zurück.“

Sie hatte weder Schwielen noch Muskelkater

So schwitzte sie, hatte dank der lebenslangen Übung jedoch weder Schwielen noch Muskelkater. Eine Reifenpanne blieb ihr erspart, nur der Sattel musste ersetzt werden, und am Ende kapitulierte ihre Rücktrittbremse. Mit größter Vorsicht musste sie bergab fahren, brachte sich um das Vergnügen, das Rad einfach mal laufen zu lassen.

So gelangte sie über Meran und Verona in die Po-Ebene, von der sie hemmungslos schwärmt (der Fluss, das Alpenpanorama, die filmreif verlassenen Dörfer). Glücklich traf sie bei ihren Freunden in Mailand ein und nahm von dort – das einzige Mal – einen Zug nach Basel: „Nicht noch mal über die Berge“. Am Rhein entlang ging‘s mit dem Rad zurück, in Mülheim sei ihr das Herz aufgegangen: Bald wieder zu Hause.

Schließlich habe sie eigentlich kein großes Fernweh. Bloß die Po-Ebene hatte sie so gereizt – und nicht enttäuscht. Besonders gefiel ihr Ferrara, wo jeder Rad fahre, mit Schrotträdern übers Kopfsteinpflaster. Klar, davon sei Essen weit entfernt, doch vieles habe sich verbessert, die Zahl der Radfahrer sichtbar zugenommen. Ginge es nach ihr, gäbe es noch mehr Fahrradstraßen, würden Ampelphasen auch mal den Radlern angepasst und Radwege nicht zugeparkt. „Oder ich käme an einer roten Ampel rechts an den Autofahrern vorbei.“ Was meist scheitert, weil mindestens einer extra nah am Bürgersteig stoppt. Nichts was sie abhielte, in Essen zu radeln. Ihr Hollandrad steht immer draußen vor der Tür, immer bereit, nie im Keller. „Meine Freunde wissen: Wenn es nicht da steht, ist Carla unterwegs.“

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