Preisauslobung

Essener Unternehmer stiftet Preis gegen die Meinungs-Angst

Reinhard Wiesemannhat Probleme mit der Art, wie zurzeit politische Konflikte ausgetragen werden.

Foto: Knut Vahlensieck

Reinhard Wiesemannhat Probleme mit der Art, wie zurzeit politische Konflikte ausgetragen werden. Foto: Knut Vahlensieck

Essen.  Kreativ-Unternehmer Reinhard Wiesemann findet, Menschen mit „falscher Meinung“ würden sozial geächtet. Mit 20 000 Euro will er dagegenhalten.

Reinhard Wiesemann hat die Nase voll und will ein Zeichen setzen: Der Gründer von Unperfekthaus und Mehrgenerationenhaus hat einen mit insgesamt 20 000 Euro dotierten Preis ausgelobt, mit dem Bürger und Institutionen bedacht werden sollen, die sich auf lokaler Ebene für Erhalt und Wiederkehr einer freien, achtsamen und menschlichen Diskussionskultur einsetzen. Der Kreativ-Unternehmer hält diese wegen des extrem aufgeheizten politischen Klimas für derzeit massiv gestört.

„Viele Leute haben mittlerweile Angst ihre Meinung zu sagen, weil sie soziale Ächtung oder berufliche Nachteile fürchten“, so Wiesemann. Aktuell gelte das besonders für Themen, die in irgendeiner Form als „rechts“ definiert seien oder zumindest so interpretiert werden könnten. Beispiele für vermintes Terrain seien die Bewertung der Integrationspolitik und die Flüchtlingsfrage.

Auf eine bestimmte politische Seite will er sich nicht schlagen

Wiesemann will sich allerdings bei seiner Preisauslobung nicht auf eine bestimmte politische Seite schlagen, zumal die Sphäre des „Nicht-frei-Sagbaren“ in der öffentlichen Meinung durchaus variieren könne. Vielmehr richte sich sein Appell an alle, die Argumente der jeweils anderen Seite doch zumindest anzuhören ohne zu verletzen. „Wir können gerne hart in der Sache diskutieren, aber wir sollten nicht Menschen charakterlich herabwürdigen und in ihrem Menschsein angreifen, nur weil sie anderer Meinung sind“, so Wiesemann. Dies geschehe derzeit laufend, wobei Diskussionsstil und Sprache im Internet als Aggressions-Verstärker fungierten.

Dagegen setzt Wiesemanns sein Credo: „Seid euch nicht so sicher!“ Der andere könne doch zumindest teilweise recht haben. Aus den Anfangsbuchstaben seines Credos ergibt sich der etwas sperrige Name des Preises. Er soll „SENSS-Award für Streitkultur“ heißen und Anfang 2018 erstmals an drei Preisträger vergeben werden, die sich die ausgelobte Summe teilen.

Boykottdrohungen oder politisch motiviertes Mobbing am Arbeitsplatz als „soziale Gewalt“

Dass physische oder psychische Gewalt im politischen Meinungskampf tabu sein sollten, gilt gemeinhin als Konsens, wobei dahin gestellt sei, ob wirklich jeder dies beherzigt. Viel zu selbstverständlich aber ist nach Ansicht Wiesemanns das, was er „soziale Gewalt“ nennt. Dazu zählten etwa Boykottdrohungen gegen Geschäftsleute, die Vermischung von politischer Meinung und arbeitsrechtlichen Aspekten bei Angestellten oder auch schlichtes Mobbing am Arbeitsplatz aus politischen Gründen. „Es sollte tabu sein, Leute wegen ihrer Meinung zu bestrafen.“

Nicht-Kommunikation und Abstrafen von Meinungen bringe zudem nichts. „Der Angegriffene hat ja seine Meinung weiter.“ Er behalte sie eben nur aus Angst für sich, was wiederum Verhärtungen zur Folge habe. Viel besser ist es nach Ansicht Wiesemanns, eine notfalls auch harte Diskussion zu führen. Diese biete immerhin die Chance, dass der andere seine Meinung überdenkt. „Ob Rechte, Linke, Klimawandel-Leugner, EU-Gegner, Impfverweigerer, Esoteriker, Materialisten, Kommunisten, Nationalisten – sie alle sind Menschen, die aus ihrer Sicht sinnvolle Ziele verfolgen und die nicht beleidigt oder ausgegrenzt werden dürfen.“

Breit aufgestellte Jury soll Entscheidung treffen, wer preiswürdig ist

Mehrere Monate habe er sich mit der Preis-Idee gedanklich herumgeschlagen. „Ich hatte Angst vor dem, was kommt, Spaß macht mir die ganze Sache nicht.“ Aber die Intitiative sei eben notwendig und die ersten Reaktionen in Netzwerken auch positiv. Die Entscheidung, was preiswürdig ist, soll übrigens eine gesellschaftlich breit aufgestellte Jury treffen.

Vorschläge für preiswürdige Menschen oder Gruppen erbittet Reinhard Wiesemann bis 30. November an folgende Email-Adresse:
r.wiesemann@unperfekthaus.de

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