Essener Tafel

Essener Tafel zeigt notfalls auch die rote Karte

In der Zentrale der Essener Tafel im Wasserturm Steeler Sraße: Die ehrenamtliche Helferin Elisabeth Fassbender verteilt auf unserem Archivbild von 2016 überschüssige Lebensmittel aus Discountern und Supermärkten.

Foto: Kai kitschenberg

In der Zentrale der Essener Tafel im Wasserturm Steeler Sraße: Die ehrenamtliche Helferin Elisabeth Fassbender verteilt auf unserem Archivbild von 2016 überschüssige Lebensmittel aus Discountern und Supermärkten. Foto: Kai kitschenberg

Essen.   Die Essener Tafel verteilt wöchentlich Lebensmittel an bis zu 6000 Bedürftige. Wer die Spielregeln nicht respektiert, kann ausgeschlossen werden.

Supermärkte, Discounter und Bäckereien müssen überschüssige Lebensmittel ausrangieren, bedürftige Menschen können sie dringend gebrauchen. Die „Essener Tafel“ sorgt seit bald einem Vierteljahrhundert dafür, dass Obst und Gemüse, Brot und Kuchen in die richtigen Hände gelangen. Gutes tun bedeutet aber keinesfalls, dass es dort lasch und locker zugeht. Im Gegenteil: Tafel-Kunden, die gegen die Spielregeln verstoßen, müssen damit rechnen, ausgeschlossen zu werden: meistens für ein Jahr, schlimmstenfalls sogar für immer – eine Art rote Karte.

„Wer drei Mal hintereinander den vereinbarten Termin unentschuldigt versäumt, wird für ein Jahr von der Tafel ausgeschlossen“, erklärt Jörg Sartor, der Chef der Essener Tafel. Mit der Zentrale im Wasserturm an der Steeler Straße gibt es zwölf Verteilstellen im Stadtgebiet. Jeder Kunde besitze eine nummerierte Plastikkarte, auf der seine Verteilstelle inklusive Rufnummer angegeben ist. „Wer verhindert ist, braucht beispielsweise nur durchgeben: Nummer 17 kommt nicht.“ Wer mehrfach unentschuldigt fehle, sende ein unmissverständliches Signal. Sartor: „Weil wir davon ausgehen, dass diese Person kein Interesse mehr an der Tafel hat, wird der Platz neu vergeben.“

Gar kein Pardon, so Sartor, gebe es „bei ungebührlichem Verhalten gegenüber den ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern“. Wer frech und renitent sei, beleidige oder gar betrüge, dem drohe die härteste Strafe: der vollständige Ausschluss von der Essener Tafel, eine Art lebenslanger Bann. „Das bin ich meinen Mitarbeitern schuldig, andernfalls laufen mir die Helfer weg“, argumentiert Sartor. Respekt werde in den zwölf Verteilstellen groß geschrieben. „Wir respektieren unsere Kunden, deshalb erwarten wir auch Respekt gegenüber unseren Helfern.“ Oft ziehe die Tafel diese Notbremse aber nicht – „höchstens zwei bis drei Mal im Jahr“.

Eine Sozialarbeiterin, die sich jetzt für eine im September 2016 dauerhaft ausgeschlossene Spätaussiedlerin einsetzt, kann diese Höchststrafe nicht nachvollziehen. Selbst ein verurteilter Mörder sei nach verbüßter Haft resozialisiert. Außerdem führt sie an: Die Spätaussiedlerin sei in der Verteilstelle Katernberg wegen einer „Lappalie“ verbannt worden. Angeblich habe sie nur bemängelt, dass Tomaten gequetscht gewesen seien. Für solche Kleinigkeiten werde niemand ausgeschlossen, hält Sartor dagegen.

Die Sozialarbeiterin weist auf den gemeinnützigen Charakter der Essener Tafel hin und erwartet eine Rücknahme der Dauersperre. Aber Sartor schüttelt den Kopf und verteidigt ausdrücklich das rigorose Vorgehen seiner Katernberger Kollegen. „Unsere Helfer sind in der Regel in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig und lassen sich nicht vorführen, andernfalls machen wir uns unglaubwürdig.“

>>> DIE ESSENER TAFEL

Die „Essener Tafel“ ist 1995 gegründet worden, Jörg Sartor ist seit zwölf Jahren Vorsitzender.

Im gesamten Stadtgebiet gibt es zwölf Verteilstellen, nur zwei davon liegen südlich der A 40. Jede Woche kommen 5000 bis 6000 Essener in den Genuss einer „großen Tüte“. Täglich werden etwa fünf Tonnen Lebensmittel ausgegeben.

Wer Bedürftigkeit (Hartz IV, Wohngeld, Grundsicherung) nachweist, erhält eine Plastikkarte. Zurzeit sind 1800 Karten ausgegeben, hinter jeder Karte stecken statistisch 3,5 Personen.

Zusätzlich beliefert die Essener Tafel 121 soziale Einrichtungen im Stadtgebiet, darunter Obdachlosentreffs, Bahnhofsmission oder Raum 58.

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