Integration

Schule in Essen: Nur zwei von 28 Kindern sprechen Deutsch

Die Zweitklässler der Bodelschwinghschule in Essen-Altendorf stellen sich am Ende der Pause auf dem Schulhof auf. Sie haben alle einen Eimer dabei, in dem sich Seife, ein Handtuch und Toilettenpapier befinden – eine aktuelle Hygienemaßnahme.

Die Zweitklässler der Bodelschwinghschule in Essen-Altendorf stellen sich am Ende der Pause auf dem Schulhof auf. Sie haben alle einen Eimer dabei, in dem sich Seife, ein Handtuch und Toilettenpapier befinden – eine aktuelle Hygienemaßnahme.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  An einer Grundschule in Essen gibt es Klassen, in denen nur zwei Kinder Deutsch können. Viele Erstklässler haben nie einen Kindergarten besucht.

In der ersten Klasse schauen die Lehrer an der Bodelschwinghschule in Essen-Altendorf mitunter in ratlose Gesichter: „Es gibt da ein paar Kinder, die die Anweisungen der Lehrer nicht verstehen“, sagt Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke. Nicht einmal die Hälfte könne dem Unterricht gut folgen. Dass ihre Schüler aus aller Welt kommen, ist für die 60-Jährige nichts Neues. Doch seit der Flüchtlingskrise 2015 hätten sich die Sprachprobleme verschärft.

Herz-Höhnke leitet die Grundschule seit 21 Jahren: Als sie begann, lag der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei etwa 37 Prozent, heute seien es gut 96 Prozent. „Früher sprachen viele der Kinder neben ihrer Muttersprache gut Deutsch, konnten sogar für uns übersetzen. Heute werden etliche schlecht vorbereitet eingeschult.“ Familien, die als Flüchtlinge nach Essen gekommen sind, ringen oft noch mit der Sprache. Andere haben nie ein funktionierendes Schulsystem kennengelernt, ihnen müsse man schon mal klarmachen, „dass es in Deutschland eine Schulpflicht gibt“.

Viele der Erstklässler haben nie einen Kindergarten besucht

Kinder und Jugendliche, die nach Deutschland zuwandern und noch nicht in der Lage sind, „dem Regelunterricht an den Schulen problemlos folgen zu können“, sollen zwei Jahre lang besonders gefördert werden, erklärt die Stadt. Etwa in eigenen Willkommensklassen oder mit Nachmittagsunterricht. Aktuell sind das in Essen knapp 2400 Schüler, fast 1100 von ihnen besuchen eine Grundschule.

Dort sitzen dann womöglich wie in der Bodelschwinghschule in einer Klasse 28 Kinder, von denen nur zwei Deutsch können. „Vielen fehlen außerdem soziale oder motorische Fähigkeiten; lauter Dinge, die sie im Kindergarten lernen sollten“, sagt Herz-Höhnke. Doch etliche der Jungen und Mädchen hätten nie einen Kindergarten gesehen: Mal weil die Familien ihre Kinder lieber zu Hause betreuen, mal weil sie in Essen, wo gut 2000 Kita-Plätze fehlen, keinen Patz bekommen haben.

Ihre Schüler starten also nicht einfach mit Alphabet und Einmaleins, sondern erlernen erst einen deutschen Grundwortschatz oder wie man einen Stift hält: Ihre Schullaufbahn beginnt mit einer Aufholjagd. Im besten Fall holen sie den Lehrplan irgendwann ein. Damit das gelingt, erhöht die Schulleiterin den Betreuungsschlüssel: „Ich nehme Praktikanten und Studenten mit in den Unterricht, die die Lehrer unterstützen.“

Essenerin Schulleiterin wünscht sich eine Rückkehr zur Vorschule

Eine dieser Praktikantinnen ist Lea Menze (21), die Sozialpädagogik studiert und früher selbst die Bodelschwinghschule besucht hat. Sie schwärmt von der Herzlichkeit im Stadtteil, möchte gern nach Altendorf ziehen. Doch auch sie hat eine Veränderung an ihrer Grundschule bemerkt: „Ich hatte damals keine Probleme, mich mit meinen Mitschülern zu verständigen. Heute sitzen hier Erstklässler, die sechs Jahre lang nur zu Hause waren. Die können kein Deutsch.“

Schon zwischen Schulanmeldung und Einschulung müsse man die Kinder fördern, sagt Herz-Höhnke, die eine Rückkehr zur Vorschule fordert. Einstweilen steuere sie mit Schultrainings und Sprachprogrammen gegen. „Nach einem halben Jahr sprechen die Kinder Deutsch.“

Eltern bekommen eine Anleitung für das Leben in Deutschland

Die Schule biete auch einen Elterntreff und einen Deutschkurs für arabischsprachige Mütter. Man helfe den Familien bei Behördengängen oder dem Einkauf von Schulbedarf, begleite ihre Integration. „Wir erklären ihnen, was es bedeutet, in Deutschland zu leben. Etwa warum sich die Frauen hier anders kleiden als in ihren Herkunftsländern.“ Es gehe um einen gegenseitigen Austausch, darum auch die Sitten des anderen kennenzulernen. Was aber demokratische Werte oder das Frauenbild angehe, „lassen wir uns natürlich nicht verbiegen“.

Aus mancher Mutter hat die Schulleiterin eine Mitarbeiterin gemacht. So wie aus Hatice Dogan, die als Ehrenamtliche begann und nun als sozialpädagogische Ergänzungskraft angestellt ist. Die seit 15 Jahren übersetzt und Brücken baut, Telefondienst macht und Hausbesuche. „Ich habe mich auch schon gefragt, ob hier gar keine deutschen Kinder mehr hinkommen.“

Deutsche Kinder sind an der Bodelschwinghschule in Essen die Exoten

Deutsche Schüler sind an der Bodelschwinghschule längst die Exoten, darum wünscht sich Herz-Höhnke nicht nur in Coronazeiten kleinere Klassen. Dass die soziale Zusammensetzung der Schüler in NRW künftig verstärkt bei der Ausstattung von Grundschulen berücksichtigt werden soll, sei überfällig. „Ich finde nur, dass sich der Sozialindex automatisch auf Klassengrößen und Personalstärke auswirken sollte – ohne Anträge.“

Gern würde sie auch den Offenen Ganztag an ihrer Schule ausbauen, der 80 Plätze für die 224 Schüler bietet. „Das Interesse ist größer, aber wir haben keinen Platz.“ Dabei wären Hausaufgabenhilfe und gemeinsame Aktivitäten für viele ihrer Schüler hilfreich. „Für das Thema Integration muss man kämpfen“, sagt Herz-Höhnke, die sich unermüdlich um Spenden, Sponsoren und Förderprojekte bemüht.

Spaziergängerin beschimpft Grundschüler, weil sie keine Deutschen sind

Obwohl der hohe Anteil ausländischer Schüler die Arbeit erschwere, stehe sie einer Verteilung der Kinder auf andere Schulen skeptisch gegenüber. „Wer weiß, ob die in anderen Stadtteilen so gut aufgehoben wären wie bei uns.“ Bei einem Ausflug in den Heissiwald in Bredeney etwa habe eine Passantin die Kinder übel beschimpft: Ein Skandal sei das, eine Klasse ohne deutsches Kind.

Es sei manchen Deutschen vermutlich nicht klar, wie viele solcher Erfahrungen die Sechs- bis Zehnjährigen schon gesammelt hätten, wie oft sie hörten, dass sie abhauen sollen. „Wir müssen sie trösten, sie stark machen.“ Ihnen helfen, die Stadt zu entdecken.

Gerade Flüchtlingsfamilien hätten meist kein Auto, legten fast alle Strecken zu Fuß zurück, ihr Radius sei klein. „In welchem Land sind wir?“, hätten die Kinder bei den Rehen und Wildschweinen im Heissiwald gefragt und beim Ausflug an den Baldeneysee. „Wir erklären so viel bei solchen Ausflügen: Sprache findet nicht nur im Unterricht statt.“

Zu Hause gebe es oft viele Geschwister, wenig Platz und wenig Aufmerksamkeit, sagt Lea Menze. Darum sei sie für viele Kinder die große Freundin, der sie sich anvertrauen, mit der sie lachen. Mädchen und Jungen aus 52 Ländern gehen zur Bodelschwinghschule: „Wir behalten jedes Kind im Auge.“

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