Raum 58

Essener Raum 58 hilft Jugendlichen, die auf der Straße leben

Lesedauer: 6 Minuten
„Für mich ist das hier ein Stück Zuhause“, sagt Naim (20) über den Raum 58, die Notschlafstelle für Jugendliche.

„Für mich ist das hier ein Stück Zuhause“, sagt Naim (20) über den Raum 58, die Notschlafstelle für Jugendliche.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Notschlafstelle Raum 58 entstand vor 20 Jahren in Essen: Hier übernachten Jugendliche, die auf der Straße leben. Einer von ihnen erzählt.

Vor zwei Jahren stand Naim zum ersten Mal vor der Tür, erschöpft, entmutigt, obdachlos. Er bekam ein Bett, eine Mahlzeit und lernte ein neues Gefühl kennen: „Ich bin mit offenen Armen empfangen worden.“ Seither sei er immer wieder in den Raum 58 an der Niederstraße in Essen zurückgekehrt, und wenn Leiterin Britta Reuter von einer Einrichtung für entkoppelte Jugendliche erzählt, sagt der heute 20-jährige Naim: „Für Euch ist das eine Notschlafstelle – für uns ist das ein Stück Zuhause.“

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Viel Zuhause hat Naim zuvor nicht kennengelernt: Seit er vier ist, hat er sein Leben in verschiedenen Pflegefamilien, Heimen und Jugendwohngruppen verbracht. Er hat einen Hauptschulabschluss gemacht und hadert noch immer damit, dass er die Realschule vorzeitig verlassen musste. „Ich hab’ viele Windmühlenkämpfe verloren“, sagt Naim. Die Jugendhilfe in seiner Heimatstadt habe ihn irgendwann rausgeworfen: „wegen mangelnder Mitwirkung“.

Früher gab es in Essen kein Angebot für wohnungslose Kinder

Also tingelte der junge Erwachsene, der in Wanne-Eickel geboren ist und sich als Pottkind bezeichnet, durch Nordrhein-Westfalen, schlief mal auf dem Sofa bei Freunden, mal auf der Straße. Er war schon anderthalb Monate obdachlos, als der Bahnhof Marl im August 2019 zu seiner vorläufigen Endstation wurde. „Ich war so fertig, dass ich im Stehen umgekippt bin.“ Er googelte nach Notschlafstellen, rief in der Essener Übernachtungsstelle Lichtstraße an und wurde an den Raum 58 verwiesen: Dort kümmere man sich um junge Leute.

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Vor 20 Jahren gab es kein solches Angebot in Essen, aber eine zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die am Hauptbahnhof strandeten: von zu Hause und aus Heimen weggelaufen, passten sie nicht ins Obdachlosenasyl. Aus dieser Erkenntnis entstand der Raum 58, der mit mehr Personal und mehr Zuwendung arbeitet und doch erstmal nichts von den Jugendlichen verlangt. Wo nicht zuerst nach Drogenentzug oder Schulbesuch gefragt wird, sondern: Wie geht es Dir?

Sie haben feste Regeln, aber wenige Erwartungen. Etwas, das Naim als Vorteil erlebt hat: „Aufgrund meiner Biografie war es nicht so einfach, dass ich dem System noch mal vertraue. Aber weil hier alles freiwillig ist, kann ich das wieder.“ Auch heute übernachte er mal bei Kollegen, aber meist stehe er Abend für Abend vor der Tür, freiwillig.

Einlass ist von 21 Uhr bis Mitternacht, meist warten die Jungs schon um Viertel vor neun; Mädchen kommen selten. Die maximal acht Schlafplätze sind oft belegt, und selbst ein Dauergast wie Naim darf sich hier nicht einrichten. „Die Plätze werden immer neu vergeben“, sagt Sozialarbeiterin Britta Reuter. Die Betten allabendlich neu bezogen. Und Minderjährige haben Vorrang vor den jungen Erwachsenen bis 21, die hier prinzipiell auch willkommen sind. Kein Kleidungsstück soll in den Zimmern ‘rumfliegen, aber regelmäßige Übernachtungsgäste bekommen einen Spind, um ihre Habseligkeiten zu verstauen.

Im Raum 58 müssen Handys nachts abgegeben werden

Das Zuhause-Gefühl entsteht am langen Küchentisch, an dem sie abends zusammen essen, reden. Playstation und Fernsehen sind dann tabu. „Das haben die Jugendlichen selbst gewollt“, sagt Britta Reuter. Sie akzeptieren auch, dass die Handys abgegeben werden müssen, wenn Nachtruhe ist: Wer sich nachts langweilt, findet Bücher auf dem Zimmer.

Nach dem gemeinsamen Frühstück um neun, müssen die Jugendlichen gehen – es sei denn, sie haben noch Termine. Wer nämlich doch über Schulabschluss, Entzug, Ausbildung oder Wohnungssuche nachdenkt, wer sein Leben sortieren will, dem hilft das Team, zu dem mit Leiterin Britta Reuter fünf Fachkräfte sowie neun studentische Nachtkräfte gehören. „Wir begleiten die Jugendlichen zu Gerichtsterminen, zu Behörden, stellen Kontakte zu Beratungsstellen und Suchthilfe her.“

Sie helfen auch Naim, der gern den Realschulabschluss nachholen will und schon von Abi und Studium spricht: etwas Soziales, da kenne er sich aus. Aktuell scheitern seine Pläne an der eigenen Wohnung, die er nicht findet. Ihre Klientel habe es auf dem Wohnungsmarkt schwer, sagt Britta Reuter: Schufa-Auskunft, Sozialhilfe, womöglich Sucht oder Vorstrafen – das seien Vermittlungshemmnisse. Naim formuliert das so: „Ich bin nicht unbedingt der Wunschmieter. Ich verstehe schon, dass man lieber ein Rentnerpaar nimmt als einen 20-jährigen Chaoten.“

„Die schauen Dich an, wenn es keiner mehr tut“

Ob er das denn allein schaffen würde, für sich zu sorgen und eine Wohnung in Schuss zu halten? „Ich sehe überhaupt nicht, dass ich das alleine hinkriege“, gibt er zu. Er brauche Betreuung, jemanden, der ihm auf Schulter sitze. „Im Moment machst Du viel, kooperierst gut“, sagt Britta Reuter. Seine Meinung zähle, er bringe sich ein. Es ist auch dieses Wohlwollen, das viele der ehemaligen Übernachtungsgäste später zu Besuch kommen lässt. „Jeder bekommt hier die Chance, der zu sein, der er ist“, sagt Naim. Jedes Jahr sind das rund 150 Jugendliche, die für die rund 1100 Übernachtungen sorgen. Seit der Raum 58 vor 20 Jahren – damals noch an der Kastanienallee – eröffnet wurde, haben sie 35.477 Übernachtungen gezählt.

Soweit die Statistik, das Schlusswort hat Naim: „Die Leute hier geben einem eine Lobby, wenn man am Boden ist. Die schauen Dich an, wenn keiner es mehr tut.“

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