Gerüchte

Essener Polizei zeigt mehr Präsenz rund um Karnaper Schule

Auf diesem Schulhof soll sich hinter den Mülltonnen ein vermummter Mann versteckt haben.

Auf diesem Schulhof soll sich hinter den Mülltonnen ein vermummter Mann versteckt haben.

Foto: Martin Spletter

Essen.   Nach Gerüchten über einen vermummten Mann, der Kinder anspricht: Polizei zeigt verstärkte Präsenz rund um Karnaper Grundschule.

Wer eine Grundschule in Karnap leitet, dem nördlichsten Stadtteil von Essen, dem kann man durchaus unterstellen, dass er schon einiges erlebt hat in seinem Beruf. Und doch: Udo Moter ist am Mittwochmorgen komplett verblüfft, „wie schnell so eine Geschichte heutzutage die Runde macht.“

Es ist kurz vor neun Uhr früh, Moter hat schon gefühlte 50 Telefonate hinter sich und drei Dutzend aufgebrachte Mütter und Väter beruhigt, die um kurz vor acht am Schultor standen. Einige von ihnen forderten, dass ganz schnell ein privater Sicherheits-Dienst hermuss. Moter bat die besorgten Eltern in die Aula, sprach ruhig auf sie ein, versprach: „Wir nehmen Ihre Ängste ernst.“ Einige Mütter loben später: „Das hat er gut gemacht.“

Mädchen mit Bonbons gelockt

Die Geschichte, um die es geht, ist eigentlich schnell erzählt: Am Dienstagnachmittag rennen drei Kinder der Maria-Kunigunda-Schule aufgeregt zu den Erzieherinnen der Ganztagsbetreuung, berichten von einem vermummten Mann, der sich hinter den Mülltonnen auf dem Schulhof verstecken soll. Er habe versucht, ein Mädchen mit Bonbons zu locken. Die Kinder reagieren richtig: Laufen einfach weg und berichten sofort den Erwachsenen.

Später heißt es, der Mann habe außerdem eine Pistole gehabt. Noch später heißt es, es seien auch Schüsse auf dem Schulgelände gefallen. Die Erzieherinnen beruhigen die Kinder und suchen das Gelände ab. Sie finden niemanden. Abends kommt Udo Moter von einem dienstlichen Termin zurück an die Schule und verständigt die Polizei.

Unterdessen läuft die Geschichte heiß in den sozialen Netzwerken des Internet: Über Facebook und WhatsApp verständigen sich Mütter und Väter. Aus den Gerüchten wird: „Ich habe soeben die Nachricht bekommen, dass heute auf dem Karnaper Schulhof Schüsse gefallen sind“, schreibt eine Stadtteil-Politikerin um kurz vor Mitternacht. „Brauchen unsere Grundschulen jetzt auch schon Security?“ Sätze, die wieder und wieder geteilt werden, „virale Verbreitung“ nennt man so etwas.

Auf den Smartphones schießen die Gerüchte ins Kraut

Doch nicht nur auf den Karnaper Smartphones schießen die Gerüchte ins Kraut: Auch beim Fußballtraining der Jugendmannschaften des FC Karnap will man am späten Dienstagnachmittag von einem „Amoklauf“ an der Timpestraße gehört haben.

Mittwochvormittag, 10.35 Uhr: Zwei Polizisten betreten das Büro von Schulleiter Udo Moter, besprechen jetzt mit dem Pädagogen die Lage. Verabredet wird: Die Polizei zeigt an diesem und den nächsten Tagen verstärkte Präsenz rund um die Schule. Die Ermittlungsbehörde hat nach Angaben einer Sprecherin keinerlei Ermittlungsansatz; durchgekämmt wurden alle Einsätze des Tages im Essener Norden und in Gelsenkirchen: Niemand außer den Kindern hat einen vermummten Mann gesehen.

Geschweige denn Schüsse gehört. „Wir nehmen die Ängste der Bürger ernst“, beeilt sich eine Sprecherin der Polizei zu sagen. Zur gleichen Zeit stehen Mütter vor den Schultoren der Maria-Kunigunda-Schule: „Natürlich haben wir Angst. Es geht um unsere Kinder. Wir wollen keine Panik verbreiten, aber wir fühlen uns hilflos. Die Kinder sind total verängstigt. Wir glauben ihren Angaben.“

Elternbrief kommt in allen Haushalten an

Die Idee mit dem privaten Sicherheits-Dienst wird nicht weiter verfolgt. Udo Moter schreibt unterdessen einen Brief an alle Eltern, den die Kinder an diesem Tag mit nach Hause nehmen: Heute werden die Kinder in den Betreuungszeiten nicht auf den Schulhof geschickt, heißt es darin. Ansonsten werde der Schulbetrieb ganz normal weitergeführt, und die Schule werde alles unternehmen, um die Vorwürfe aufzuklären. Für Donnerstag, 22. November, 19 Uhr, beraumt Moter kurzfristig eine außerordentliche Sitzung der Schulpflegschaft an. „Information und Transparenz“, sagt Moter, „sind jetzt das Wichtigste.“

Gefragt sind auch Nerven wie Drahtseile und die kommunikative Kunst, nichts zu beschönigen, aber auch kein neues Öl ins Feuer zu gießen. Zum Beispiel mit Sätzen wie diesen: „Alle Lehrer unserer Schule werden zeigen“, schreibt Moter in seinem Brief an die Eltern, „dass wir für die Kinder da sind.“

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