Mord

Essener nach 31 Jahren in der Psychiatrie freigesprochen

Die Polizei fand im April 1985 die Leiche des kleinen Jungen.

Foto: Essen

Die Polizei fand im April 1985 die Leiche des kleinen Jungen. Foto: Essen

Dortmund/Essen.  Das Landgericht Dortmund hat einen Essener nach über 30 Jahren in der Psychiatrie freigesprochen. Er saß für den Mord an einem Siebenjährigen.

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Endgültige Freiheit für den Essener Dirk K. (53), der drei Jahrzehnte unschuldig in der geschlossenen Psychiatrie gesessen hat. Fast 33 Jahre nach dem Mord an einem Siebenjährigen in Essen-Stadtwald sprach das Landgericht Dortmund ihn am Donnerstag in einem Wiederaufnahmeverfahren frei.

Von einem Justizskandal wollte der Dortmunder Schwurgerichtsvorsitzende Ulf Pennig ausdrücklich nicht sprechen. Das Urteil des Essener Schwurgerichts im November 1986, das Dirk K. wegen Mordes in die Psychiatrie eingewiesen hatte, sei zwar aus heutiger Sicht falsch. Dennoch sei es nicht fehlerhaft. Pennig: „Juristen bewerten Beweismittel unterschiedlich, auch Richter machen Fehler – all das ist kein Skandal.“

Schuldunfähig wegen „mittelgradigen Schwachsinns“

Am 22. April 1985 war der sieben Jahre alte Nara-Michael vom Spielen nicht nach Hause gekommen. Kurze Zeit später wurde er ermordet und sexuell missbraucht in einem Wald gefunden. Dirk K. aus der Nachbarschaft geriet in Verdacht, auch weil er schon vorher sexuelle Kontakte zu Jungen gehabt haben soll.

Bei Vernehmungen gestand er, widerrief dies aber im eigentlichen Prozess. Dennoch sah das Essener Schwurgericht ihn als Mörder, wenn auch schuldunfähig wegen „mittelgradigen Schwachsinns“.

Zwölf Jahre nach der Tat gestand ein Junge aus der Nachbarschaft den Mord

1997 legte ein zur Tatzeit 15 Jahre alter Junge,auch aus der Nachbarschaft, bei seiner Psychotherapeutin ebenfalls ein Geständnis ab. Die Essener Staatsanwaltschaft stufte es als nicht glaubhaft ein, weil es nicht zum Tathergang passe. Dirk K. blieb in der geschlossenen Psychiatrie.

Erst 2013 entdeckte sein neuer Anwalt Achim Lüdeke das zweite Geständnis, erreichte so die Wiederaufnahme. Im Februar 2016 kam Dirk K. frei, lebt seitdem unter Betreuung im Ruhrgebiet.

Wer den Jungen getötet hat, bleibt ungeklärt

Seit Mai 2017 verhandelte das Dortmunder Schwurgericht, kam am Donnerstag zu einem Freispruch aus Mangel an Beweisen. Vieles lässt sich nach 30 Jahren nicht mehr rekonstruieren, auch gutachterliche Bewertungen haben sich geändert.

Wer Nara-Michael umgebracht hat, können die Dortmunder Richter nicht sagen. Denn auch der Mann mit dem zweiten Geständnis hatte dies widerrufen, auch für seine Schuld gibt es keine Beweise.

Dirk K. wird für seine Zeit in der Psychiatrie entschädigt

Dirk K. hatte in seinem vom Anwalt verlesenen letzten Wort betont, er habe den Jungen nicht getötet: „Der Mörder läuft frei herum.“

Vor der Verhandlung hatte er die Protokollführerin optimistisch am Ärmel gezupft: „Ich bin heute zum letzten Mal hier.“ Nachher gab er in die Kameras Interviews. Mittlerweile gilt er gutachterlich auch nicht mehr als mittel-, sondern nur noch als leichtgradig schwachsinnig.

Für die erlittene Zeit der Unfreiheit wird die Staatskasse ihn entschädigen. Der Dortmunder Gerichtssprecher Thomas Jungkamp schätzt die Summe auf mehrere hunderttausend Euro.

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