Krankenhäuser

Essener Krankenhaus-Ehe scheitert – kippt der Klinik-Neubau?

Zu teuer, um wahr zu werden? Für 300 Millionen Euro sollte auf dem Grundstück des Marienhospitals in Altenessen und der danebenstehenden Kirche ein Klinik-Neubau mit 725 Betten entstehen. Das Projekt steht jetzt mehr denn je in Frage.

Zu teuer, um wahr zu werden? Für 300 Millionen Euro sollte auf dem Grundstück des Marienhospitals in Altenessen und der danebenstehenden Kirche ein Klinik-Neubau mit 725 Betten entstehen. Das Projekt steht jetzt mehr denn je in Frage.

Foto: Repro Köpsel / Contilia

Essen.  Der Krankenhaus-Betreiber Contilia will die erst 2018 erworbenen katholischen Kliniken im Norden schleunigst wieder loswerden. Der Neubau wackelt.

Es ist eines der größten Bauprojekte der jüngeren Stadtgeschichte, ebenso ehrgeizig wie – zumindest vor Ort – umstritten: Für den 300 Millionen Euro teuren Neubau einer 725-Betten-Klinik am Karlsplatz in Altenessen soll schließlich die alte Pfarrkirche St. Johann Baptist neben dem Marienhospital weichen. Oder muss man neuerdings sagen: Sollte? Denn das vor wenigen Monaten erst präsentierte Mega-Projekt, das die Essener Klinik-Landschaft neu sortiert hätte, es steht mehr denn je auf der Kippe.

Grund: Krankenhaus-Betreiber Contilia will seine vor nicht einmal zwei Jahren eingegangene Ehe mit den katholischen Kliniken des Essener Nordens (KKE) wieder auflösen. Diesen Beschluss fasste am Montag der Aufsichtsrat des Unternehmens. Im Gespräch ist ein Verkauf des Verbundes, zu dem Philippusstift und Vincenz-Krankenhaus, Marienhospital und inzwischen auch das Geriatriezentrum Haus Berge gehören, an bislang nicht genannte Dritte. Ob diese den Neubau wieder aufgreifen, den man bei Contilia laut einem Sprecher „nach wie vor für richtig“ hält, ist völlig offen.

Contilia nennt neue Gesundheits-Gesetze als Grund für den Ausstieg

Contilia findet das „sehr wahrscheinlich“, lässt aber selbst lieber die Finger davon: Man habe, so hieß es in einer Stellungnahme, das Projekt „aktuell einer Neubewertung unterzogen“. Und dabei festgestellt, dass unter anderem die jüngsten gesetzlichen Veränderungen im Gesundheitswesen die Rahmenbedingungen für ein solches Vorhaben „noch rasanter verändern, als bisher vorhersehbar war“.

Mit neuen Untergrenzen für Pflegepersonal, dem Pflegebudget und der Reform des medizinischen Dienstes der Krankenkassen „steigen die Anforderungen an alle Krankenhäuser erheblich“, betont der Gesundheits-Konzern. Diese zu stemmen, traut man augenscheinlich nur neuen Gesellschaftern zu und nicht der Contilia, „trotz ihrer erfolgreichen Entwicklung in den vergangenen Jahren“.

Aus den schwarzen wurden 2018 plötzlich rote Zahlen

Derlei Selbstzufriedenheit überrascht, denn manches spricht dafür, dass sich der katholische Krankenhaus-Betreiber mit der Übernahme seiner katholischen Konkurrenz im Norden der Stadt 2018 schlicht übernommen hatte: Zwar wuchs Contilias Anteil am Gesundheitsmarkt und mit ihm der erhoffte Einfluss auf Krankenkassen wie auch andere Verhandlungspartner. Die Umsätze der Gruppe schnellten zuletzt von 368,6 auf 519,4 Millionen Euro hoch, die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 5462 auf 7563.

Doch unterm Strich wurden aus den schwarzen plötzlich rote Zahlen: Zwischen 0,9 und 6,6 Millionen Euro Gewinn hatte die Contilia-Gruppe in den fünf Jahren zuvor erwirtschaftet, 2017 lag sie immerhin noch mit gut 1,1 Millionen im Plus. Nach der Fusion 2018 prangte unterm Strich jedoch ein sattes Minus von sechs Millionen Euro. Begründet wurde dies „mit einer nicht planmäßig erreichten Leistungsentwicklung bei überproportional gestiegenen Personalaufwendungen“.

Nur mit strikt eingehaltenen Sparplänen wieder in die Gewinnzone

Vor dem Hintergrund der „angespannten wirtschaftlichen Lage“ in ihren Kliniken stellte Contilia deshalb im vergangenen Jahr Sparpläne bei Personal- und Sachkosten auf. Nur wenn diese „strikt eingehalten“ würden, so hieß es noch im Mai im Konzernlagebericht, lasse sich die Ergebnis-Wende schaffen. Ende 2019 dann offenbar die Erkenntnis: Die schlechten Zahlen der Neuerwerbungen lassen sich nicht gänzlich auffangen.

Und selbst wenn der Schwenk gelungen wäre: Wo man so hart an der Nulllinie wirtschaftet, dürfte die Bereitschaft von Geldgebern nicht sonderlich ausgeprägt sein, die 300-Millionen-Euro-Investition in eine nagelneu Klinik (mit) zu finanzieren. Hat man bei Contilia also vor lauter Chancen die Risiken der Krankenhaus-Fusion wie des Megaprojekts unterschätzt? Der Rückzug sei „eine Frage der Verantwortung“ – so überschrieb das Unternehmen die eigene Mitteilung vom Aus für die Krankenhaus-Ehe.

Die katholische Krankenhaus-Ehe – eher eine Art „Zwangsheirat“

Auf der Suche nach Schuldigen an dem für außenstehende Beobachter eher peinlich wirkenden Rückzug hat Contilia jedenfalls die Fährte schon ausgelegt. Denn im Konzernlagebericht für 2018, der am Mittwoch vergangener Woche im Bundesanzeiger veröffentlicht wurde, liest sich die Sache mit der Fusion so: „Ende 2016 war die dringende Bitte der Spitzen der Kommunalpolitik wie auch des Bistums an beide Träger herangetragen worden, die gesundheitliche Versorgung des Essener Nordens gemeinsam nachhaltig zukunftsfähig auszugestalten.“

„Dieser Bitte und Aufgabe“ habe man sich nach erteiltem Segen des Aufsichtsrates gestellt. – Klingt eher nach Zwangsbeglückung als nach unternehmerischer Eigeninitiative; eher danach, dass man da dem Drängen Dritter folgte als der eigenen festen Überzeugung, der Zusammenschluss der Krankenhäuser werde schon zum Nutzen und Frommen des Unternehmens sein.

Dem Bistum sind die Auswirkungen des Rückzugs noch unklar

Von städtischer Seite war am Montagabend keine Stellungnahme zum Rückzug der Contilia zu bekommen. Und was das Bistum Essen zu sagen hatte, klang hörbar unterkühlt: Man sei „heute informiert worden“, dass der Aufsichtsrat der Contilia den Verkauf der Katholischen Kliniken beschlossen habe. „Welche Auswirkungen dieser Beschluss auf das geplante Neubau-Projekt (...) haben wird, kann das Bistum Essen derzeit nicht sagen“, hieß es achselzuckend. Man werde jetzt das Gespräch mit der Geschäftsführung suchen, um zu klären, was dies „für den weiteren Verlauf der Planungen bedeutet“.

Das Bistum befindet sich in einer argen Zwickmühle, hatte es doch gegen entschiedene Proteste in Teilen der Gemeinde für das Neubau-Projekt geworben und den Abriss der Pfarrkirche St. Johann Baptist, deren Bestand erst wenige Monate zuvor beschlossen und vom Bischof abgesegnet worden war, gutgeheißen. Denn ein katholisches Krankenhaus könne eben auch für Kirche stehen, hieß es, und die neue Klinik benötige nun mal ein 28.500 Quadratmeter großes Grundstück, für das die 4700 Quadratmeter des Gotteshauses herhalten mussten.

Neuer Käufer übernähme das Kirchen-Grundstück mit allen Pflichten

Bis Mitte Januar 2021, so versicherte Dompropst Thomas Zander noch wenige Tage vor Weihnachten auf der Internetseite der Pfarrgemeinde, dürfe die Gemeinde den Bau nutzen. Erst danach stünde der Abriss an. Auf Sicht sollte dann in einem Flügel des bis 2025 entstehenden Klinik-Neubaus ein Kirchenraum entstehen, der bis zu 400 Besucher fasst.

Rund 1,1 Millionen Euro erhielt die Pfarrei für das Grundstück, das formell den Katholischen Kliniken Essen (KKE) gehört und von einem möglichen Klinik-Käufer mit übernommen würde. Und zwar „mit allen Rechten und Pflichten“, hieß es gestern bei der Contilia. Ob sich der alte Zeitplan halten lässt, das allerdings ist doch sehr die Frage.

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