Prozess

Hass-Video: Tramfahrer liefert abenteuerliche Begründung

Ausschnitt aus dem Hass-Video eines 27-jährigen Tram

Foto: Privat

Ausschnitt aus dem Hass-Video eines 27-jährigen Tram

Essen.   Sein Schmäh-Kommentar über dunkelhäutige Fahrgäste kostet einen Straßenbahnfahrer (27) den Job. Abenteuerliche Begründung vorm Arbeitsgericht.

Der Hass, er beginnt offenbar nicht im Kopf. Er beginnt – im Knopf.

Es ist der Kinderwagen-Knopf bei den Essener Straßenbahnen, der, wenn er von Fahrgästen betätigt wird, in der Fahrerkabine ein entnervendes Tröten auslöst. Nur diesem enervierenden Geräusch habe der wortwörtlich formulierte „Hass“ eines 27-jährigen Tramfahrers gegolten, den die Ruhrbahn wegen eines Schmähvideos vor gut vier Wochen fristlos rauswarf, so versichert jetzt sein Anwalt. Eine abenteuerliche Begründung als letzter Versuch, vor dem Arbeitsgericht diesen Rausschmiss abzuwenden. Vergeblich: Es bleibt beim erzwungenen Abschied.

Tramfahrer filmt den Einstieg mit seinem Handy

Rückblende: An einem Samstagabend im Juli steigen mehrere Fahrgäste dunkler Hautfarbe, die meisten Frauen und Kinder, in die Straßenbahn der Linie 106 ein. Der 27-jährige Fahrer, erst seit gut einem Jahr im Job, filmt den Einstieg mit seinem Handy und kommentiert die Szene mit den Worten: „Oh, wie ich euch hasse.“ Danach stimmt er einen Vers aus einem Spottlied der Neonazi-Band „Zillertaler Türkenjäger“ an.

Daheim zeigt er das Video seiner Frau, so viel räumt er ein, und im Pausenraum noch zwei Arbeitskollegen. Wie das Video dann plötzlich einer WhatsApp-Gruppe von ein paar Dutzend Ruhrbahn-Fahrern zugänglich wurde, „kann er sich nicht erklären“. Warum ihm das Neonazi-Lied in den Sinn kam: Ebenso unbegreiflich. „Er ist kein Nazi“, sagt der Anwalt noch.

Auf dem Video ein Nazi-Lied gesungen

Was sein kann, und doch: „Nicht besonders überzeugend“ findet Stefan Klein, der Direktor des Arbeitsgerichts, die Einlassung des 27-Jährigen, der sich nach Feststellung der Ruhrbahn noch allerlei weitere Vorhaltungen machen lassen muss. Denn im Fahrdienst ist die Handy-Nutzung strikt verboten, und dass er die zum Schutz der Kunden gedachte Videoüberwachung gegen die Kunden wendet, das sei schon ein starkes Stück, signalisiert die Ruhrbahn-Seite. Auch das Gericht wundert sich, wo es doch diese Kunden seien, denen er sein Gehalt verdanke. Überdies ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung gegen den jungen Mann.

Entgegenkommen? Kann es in einem solchen Fall nicht geben, winkt die Ruhrbahn ab: „Wir wollen mit diesem Menschen nicht zusammenarbeiten“, und das, signalisiert sein Anwalt, kann sogar der 27-jährige Ex-Tramfahrer verstehen. So einigt man sich am Ende auf einen Vergleich, bei dem die zum 10. August ausgesprochene fristlose Kündigung auf den 31. August datiert wird – zumal er noch 18 Tage Urlaub zu bekommen hatte.

Hass auf den Knopf

Den Hass auf den Knopf teilten übrigens andere Fahrer auch, bescheinigt der Rechtsanwalt. Ob das auch für den Hass im Kopf gilt, bleibt an diesem Montagmorgen im Gericht offen.

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