Bildung

Essener Gesamtschule verzweifelt an Inklusion

„So ist Inklusion nicht möglich.“ Berthold Kuhl, Schulleiter der Frida-Levy Gesamtschule

„So ist Inklusion nicht möglich.“ Berthold Kuhl, Schulleiter der Frida-Levy Gesamtschule

Essen.   Für 40 Kinder mit Förderbedarf an der Frida-Levy Gesamtschule in Essen steht nur eine Sonderpädagogin an 20 Stunden in der Woche zur Verfügung.

Die Probleme bei der Inklusion stellen die Schulen in Essen vor immer größere Probleme. Die Frida-Levy-Gesamtschule in der Innenstadt hat es massiv getroffen: Für 40 Kinder im Gemeinsamen Lernen steht der Schule aktuell lediglich eine Sonderpädagogin mit einer 20-Stunden-Stelle zur Verfügung. „Wir finden Inklusion gut und richtig und wir stehen dazu. Aber nicht zu diesen Bedingungen“, betont Schulleiter Berthold Kuhl.

„Eine Lösung ist nicht in Sicht“

In einem Brief hat er sich jetzt an die Eltern der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Klassen 7 bis 10 gewandt: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass auf Grund der vollständig unzureichenden Lehrerversorgung mit Sonderpädagogen Ihr Kind derzeit keinerlei sonderpädagogische Unterstützung an unserer Schule erhalten kann. Es ist zu befürchten, dass dieser Zustand mindestens bis zum Ende dieses Schuljahres andauern wird. Die Schule steht in dieser Angelegenheit in engem Kontakt mit der Schulaufsicht. Eine Lösung des Problems ist zur Zeit allerdings nicht in Sicht.“

Die Frustration an der Varnhorststraße ist mit Händen zu greifen: „Ich habe zehn Jahre lang in inklusiven Lerngruppen unterrichtet. Da hatten die Klassen 23 Schüler, fünf davon mit Förderbedarf. Ein Lehrer und ein Sonderpädagoge haben ein Team gebildet. Da hat Inklusion funktioniert.“ Davon sei die Regelschule inzwischen weit entfernt. Die Zielvorgabe der NRW-Landesregierung – 25 Kinder pro Klasse, davon drei im Gemeinsamen Lernen, bei einem Lehrer und einer halben Sonderpädagogen-Stelle – dies bezeichnet Kuhl als „einen Traum, von dem wir leider sehr weit entfernt sind“.

Der Schulalltag ist frustrierend

Die Entwicklung ist in der Tat frustrierend: Im letzten Schuljahr verfügte die Frida-Levy-Gesamtschule noch über zweieinhalb Förderlehrerstellen, abgeordnet aus Essener Förderschulen. „Das war schon knapp“, sagt Kuhl, „aber immerhin.“ Da auch an den Förderschulen die Sonderpädagogen an allen Ecken und Ende fehlen, wurden sie wieder zurückbeordert. Die Folgen für Essens Innenstadt-Gesamtschule waren fatal. Erst als das neue Schuljahr lief, schickte die Schulaufsicht die

Sonderpädagogin Eva Sandrock als einzige Fachkraft, die unter erheblichen Zeitdruck die Förderpläne für die Schüler, die Gespräche mit den Klassenlehrern und Eltern führen durfte – abgesehen vom individuellen Fördern der Schüler, vom Beraten der Kollegen, der Bereitstellung differenzierten Unterrichtmaterials, der Konzeptentwicklung und der Diagnostik und des Erstellens von Gutachten. „Es ist einfach viel zu viel Arbeit. Eine vernünftige sonderpädagogische Förderung ist so nicht zu schaffen“, sagt Eva Sandrock. Natürlich stehe sie zur Inklusion, „aber bitte nicht so!“

Unterricht im maroden Schulgebäude

Es ist ja nicht das einzige Problem: In dem maroden Schulgebäude, über dessen Zukunft immer noch nicht entschieden ist, fehlt es an allen Ecken und Enden an vernünftigen Lernbedingungen, behindertengerecht ist an dieser Schule nichts. Wenn Eva Sandrock mit Inklusionsschülern separat arbeiten will, muss sie auf den Flur gehen, dort stehen Schulbänke. Differenzierungsräume sucht man an der Gesamtschule vergeblich. Einen kleinen Raum hat sich Eva Sandrock erkämpft, mit Platz für gerade einmal für sechs Schüler: „Hier mache ich manchmal Unterricht.“

Trotz aller Probleme: „Natürlich arbeiten wir hier mit viel Engagement“, sagt Eva Sandrock. Das Kollegium arbeite wirklich sehr engagiert, betont auch Schulleiter Berthold Kuhl, „sonst würde es gar nicht gehen“. Die Kinder fühlten sich gut aufgehoben und kämen gerne zur Schule: „Sie orientieren sich an den positiven Vorbildern in den Klassen. Und auch umgekehrt befruchten sie das Klassenleben positiv.“ Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Eltern trotz aller Probleme ihr Kind hier anmelden: „Auch weil sie hoffen, dass ihr Kind bei uns einen Schulabschluss schafft. Und weil sie die Stigmatisierung an der Förderschule fürchten.“

Vielleicht gibt’s eine halbe Stelle im Sommer dazu

Berthold Kuhl hat die Bezirksregierung als Schulaufsicht wiederholt auf die Probleme an seiner Schule hingewiesen: „Man will uns helfen, seit den Winterferien unterstützt uns eine Sozialpädagogin mit einer halben Stelle. Das ist keine Sonderpädagogin, aber es ist besser als nichts.“ Vor dem neuen Schuljahr wird ihm bange: „Wir werden 18 Kinder aufnehmen. Da komme ich dann auf über 59 Jungen und Mädchen im Gemeinsamen Lernen.“ Ohne Hilfe, befürchtet Kuhl, wird die Frida-Levy Gesamtschule die Inklusion nicht stemmen können: „Wie sollen wir das schaffen?“

>>>>INKLUSION AN ESSENS SCHULEN

  • Die am Gemeinsamen Unterricht beteiligten Gymnasien in Essen haben sich von der Inklusion verabschiedet. Im neuen Schuljahr wird nur noch die Alfred-Krupp-Schule (AKS) Kinder aufnehmen. Spätestens zum Schuljahr 2020/21 wird aber auch an der Margaretenstraße Schluss sein. Ebenso wie bereits am Gymnasium Borbeck, am Gymnasium Überruhr und am Gymnasium an der Wolfskuhle in Steele.
  • Aufgenommen werden nur noch körperlich behinderte Jungen oder Mädchen, die am zielgleichen Unterricht – unter Umständen mit Hilfsmitteln – teilnehmen können.

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