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Essener Bäcker flucht über Bonpflicht: „Viel Papier für nix“

Stefan Holtkamp sieht eine Flut an Kassenzetteln auf seine Bäckerei zukommen.

Stefan Holtkamp sieht eine Flut an Kassenzetteln auf seine Bäckerei zukommen.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Bei jedem Einkauf beim Bäcker gibt’s ab 1. Januar einen Kassenzettel. Bäckermeister Stefan Holtkamp erklärt, was das für seinen Betrieb bedeutet.

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In wenigen Tagen muss der Essener Bäckermeister Stefan Holtkamp jedem Kunden, der bei ihm ein Brötchen kauft, einen ausgedruckten Kassenzettel mit über die Ladentheke reichen. Denn ab 1. Januar 2020 gilt für jeden Gewerbetreibenden mit einem elektronischen Kassensystem eine Bonpflicht. Gerade bei Bäckern, die oft nur Kleinbeträge umsetzen, ist dies bislang überhaupt nicht üblich. Doch die Bundesregierung will Steuerhinterziehern künftig das Leben schwerer machen. Holtkamp findet für diese gesetzliche Auflage deutliche Worte: „Damit wird denen, die ehrlich sind, das Leben noch schwerer gemacht.“ Wer Steuern hinterziehen wolle, werde immer Wege am Fiskus vorbei finden, glaubt er.

Der Bäckermeister wird ab 1. Januar in seinen fünf Filialen zusätzliche Papierkörbe aufstellen. Denn er rechnet damit, dass die allermeisten Kunden den Bon anschließend genau da wieder entsorgen werden. Warum das so ist, liegt für ihn auf der Hand: „Sie gehen ja nicht wieder zurück zum Bäcker, um ein Brötchen zu reklamieren oder umtauschen, nur weil es ihnen nicht geschmeckt hat.“ Nach seinen Erfahrungen wollen 95 Prozent der Kunden keinen Kassenbeleg. Seit einiger Zeit bietet Holtkamp den Kunden in seinen Geschäften auch Kartenzahlung an. Und selbst da würden die allermeisten auf einen Ausdruck verzichten.

Essener Bäcker geißelt Bürokratie-Pflichten

Für Holtkamp dagegen bedeutet die neue Bonpflicht mehr Aufwand und mehr Kosten. „Palettenweise Bonrollen für nix.“ Wie viel eine solche Papierrolle kostet, weiß er: 1,20 Euro. Wie viele er davon künftig braucht, muss erst die Praxis ab 1. Januar zeigen. Hinzu kommen zusätzliche Entsorgungskosten. „Ein Sack mit weggeworfenen Bons kommt am Tag bei uns sicher zusammen“, glaubt er. Diese dürften aber nicht im einfachen Papiermüll landen, weil es sich um Thermopapier handelt. „Umweltschonend ist das nicht.“ Überschlagen hat er noch nicht, was unterm Strich auf ihn an zusätzlichen Kosten zukommen könnte. Aber schon jetzt steht für ihn fest: „Das muss ich auf meine Preise umlegen. Mir bleibt nichts anderes übrig.“ Das Brötchen wird also teurer.

Dass die Mehrheit offenbar gar keinen Bon will, interessiert den Gesetzgeber nicht. Er erhofft sich mehr Transparenz bei den Umsatzbuchungen und nimmt dabei in Kauf, dass sich Mittelständler wie Stefan Holtkamp von der Bürokratie noch mehr gegängelt fühlen. „Es ist unfassbar, was in meinen vielen Berufsjahren an Bürokratie hinzugekommen ist“, sagt Holtkamp, dessen Betrieb seit 150 Jahren existiert und damit der älteste in der Stadt ist. Aus seiner Sicht ist es kein Wunder, dass in den vergangenen Jahren viele Bäckereibetriebe in Essen aufgehört haben. Holtkampf vermutet politisches Kalkül dahinter: „Das ist wieder so ein Zeichen, dass man gerade kleine Betriebe nicht haben will. Weniger und größere lassen sich ja auch besser kontrollieren.“

Bäcker hoffen auf Ausnahmen von der Bonpflicht

Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte in dieser Woche die neue Bonpflicht, schließt aber Ausnahmen nicht aus. Darauf hofft Holtkamp. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks jedenfalls betreibt schon seit Monaten Lobbyarbeit gegen die neue Pflicht - bislang vergebens. Nun hat der Regierung einen Kompromissvorschlag unterbreitet: Er will eine Bonpflicht erst ab einem bestimmten Einkaufswert. Das würde wohl die Bäcker wirksam von der Zettelwirtschaft entlasten. Bei Holtkamp jedenfalls gibt jeder Kunde im Schnitt einen niedrigen einstelligen Eurobetrag aus.

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