Umwelt

Essen will weg von den Steinwüsten in den Vorgärten

In Essen wollen die Ratspolitiker weg von den Steingärten wie hier in Altenessen.

In Essen wollen die Ratspolitiker weg von den Steingärten wie hier in Altenessen.

Foto: Vladimir Wegener

Essen.   Die Grünen-Fraktion im Essener Stadtrat will die Gestaltung der Vorgärten stärker reglementieren, CDU und SPD setzen auf Freiwilligkeit.

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Da summt und brummt nichts mehr: Mehrere Schubkarren-Ladungen an Kies kippte der Hausbesitzer in den Vorgarten seines Einfamilien-Reihenhauses im Essener Norden, nachdem er zuvor mit einer Folie das Erdreich abgedichtet hatte. Schön sauber sah es ja aus. Aber da war nicht mehr eine Pflanze, die ein Insekt angelockt hätte. Die Steinwüsten in Essens Vorgärten greifen um sich, und das in einem Maße, dass neben den Umweltvereinen und Verbänden im Beirat bei der Unteren Naturschutzbehörde auch Politik und Stadt Handlungsbedarf sehen – und nach einer Strategie suchen.

Die Versiegelung von Vorgärten verhindern

Am weitesten gehen dabei die Essener Grünen: Sie wollen die Verwaltung prüfen lassen, wie die weitere Versiegelung von Vorgärten verhindert „und stattdessen eine naturnahe Gestaltung vorgeschrieben oder mit Anreizsystemen begünstigt werden kann“. Möglich sei dies über eine Festlegungen in den Bebauungsplänen oder über eine Gestaltungsatzung für Quartiere.

„Es geht uns nicht darum, alte Vorgärten wieder zurückbauen zu lassen“, sagt Grünen-Fraktionschefin Hiltrud Schmutzler-Jäger. „Wir wollen den Leuten nichts wegnehmen. Aber wir müssen als Stadt etwas gegen diese ausufernde Mode tun und wollen deshalb neue Steingärten verhindern. Eine solche Gestaltung ist weder ökologisch noch städtebaulich sinnvoll. Vegetationsreiche Vorgärten tragen außerdem zu einem besseren Stadtklima bei.“

Selbst ein kleiner Vorgarten hat große Bedeutung

Angesichts des Klimawandels sei selbst ein kleiner Vorgarten von wachsender Bedeutung, heißt es in ihrem Antrag für den Umweltausschuss am 7. Mai. Die Stadtverwaltung hofft hier auf ein erstes Signal und formuliert vorsichtig, dass „das Anlegen von begrünten Vorgärten wünschenswert“ sei. Bisher sehe die Gestaltungssatzung der Stadt Essen dies nicht vor. Sollte der Stadtrat entsprechend entscheiden, werde die Verwaltung handeln.

Das sehen die Grünen dringend geboten, weil immer mehr Vorgärten in Parkplätze umgewandelt werden. Mancher Essener sichert sich in dicht besiedelten Quartieren so seinen Parkplatz vor der Haustür. Das Problem dabei: Die Fläche müsste nachträglich bauordnungsrechtlich als versiegelt bewertet werden. Damit könnte in Einzelfällen der maximal zulässige Versiegelungsgrad überschritten werden. Bei Niederschlägen versickert deutlich weniger Nass, Starkregen kann dann schnell die Kanalisation überfordern.

Begrünte Vorgärten künftig schützen

Die Grünen wollen vor dem Hintergrund bestehende begrünte Vorgärten dauerhaft vor einer Verschotterung schützen: „Über die Landesbauordnung gibt es die Möglichkeit, grüngestalterische Ziele für Vorgartenflächen zu formulieren“, sagt Schmutzler-Jäger.

Ob sich die Grünen mit ihrem Antrag durchsetzen? Bei der CDU jedenfalls sieht man Handlungsbedarf, „aber neue Regeln und Bestimmungen kann ich mir nicht vorstellen“, sagt CDU-Ratsherr Hans-Peter Huch. „Das Ziel müsste anders zu erreichen sein.“

Auf keinen Fall mit Verboten arbeiten

Auch bei der SPD will man den Bürgern nicht vorschreiben, wie sie ihren Vorgarten gestalten dürfen, und schon gar nicht über Verbote. „Natürlich sehen wir, dass wir als Stadt etwas tun müssen“, sagt Jutta Pentoch, SPD-Ratsfrau im Umweltausschuss. Die Debatte um die Steingärten werde in ihrer Fraktion sehr kontrovers geführt: „Aber wir waren uns dabei in der Fraktion immer einig, die Bürger hier nicht zu reglementieren“, betont Jutta Pentoch. An einer Lösung wolle man aber mitarbeiten: „Das muss mehr appellativen Charakter haben. Wir wollen die Bürger dabei wirklich mitnehmen.“

>>>>WÜSTENKLIMA VOR DER HAUSTÜR

  • Vor den Folgen steinerner Vorgärten für das Mikroklima in der Stadt warnt der ehemalige Professor Wilhelm Kuttler als Klimatologe: „Wir schaffen uns damit ein Wüstenklima vor der eigenen Haustür.“
  • Ein Temperaturanstieg von fünf Grad vor dem Haus sei die Folge: „Wir hatten im vergangenen Sommer 125 Tage mit Temperaturen über 25 Grad. Auf über 45 Grad heißen Schottergärten findet kein Wärmetransport mehr statt.“ Kuttler warnt: „Die starke Erwärmung ist lokal gemacht, wir drehen selber an der Schraube.“


Der Klimatologe schätzt, dass in Essen über 15 Prozent der Vorgärten zugepflastert sind: „Das dürfte weiter zunehmen, wenn die Stadt nicht handelt.“

>>>>KOMMUNEN WOLLEN VERSCHOTTERUNG VERHINDERN

  • Das Thema Steingärten beschäftigt nicht nur die Politik in Essen. Viele Städte reagieren mit Förderprogrammen zur Bepflanzung von Dächern, Fassaden und Hinterhöfen, die es in nahezu allen deutschen Metropolen von München bis Hamburg gibt. Bremen will mit einem „Ortsgesetz über die Begrünung von Freiflächen und Flachdachflächen“ einen Schritt weiter gehen. Der Gesetzentwurf des rot-grünen Senats sieht vor, dass Außenflächen „zu begrünen oder zu bepflanzen sind“, sollte dies nicht einer anderen zulässigen Verwendung entgegenstehen. Im Klartext: Hütten, Terrassen oder gepflasterte Fahrrad-Stellplätze sind erlaubt, große Steinbeete nicht. Bestehende Gärten sollen von der neuer Regelung ausgenommen werden. Bremen will damit der „schleichenden Verschotterung der Vorgärten“ einen Riegel vorschieben.
  • Herford und Paderborn schreiben in neuen Bebauungsplänen vor, dass nicht bebaute Flächen begrünt werden müssen. Die Stadt Xanten will den Vorgartenbereich mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt sehen. Ein ähnliches Vorgehen wird in Dortmund und in Wesel diskutiert.
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