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Essen: Wie Mähmaschinen und Hunde Rehkitze gefährden

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Vor dem Mähwerk gerettet: Jäger Ingo Schmidt hat ein Rehkitz im hohen Gras gefunden.

Vor dem Mähwerk gerettet: Jäger Ingo Schmidt hat ein Rehkitz im hohen Gras gefunden.

Foto: Bild / Groote

Essen-Überruhr.  Wenn Landwirte Wiesen mähen, bedeutet das Lebensgefahr für Rehkitze. Weitere Gefahr sind freilaufende Hunde. Jäger appellieren daher an Halter.

„Jetzt beginnt die Hauptzeit der Wiesenmahd und das Schlafzimmer der Rehkitze wird abgerissen, um die Heuernte einzufahren“, so nennen es Essener Jäger, wenn jetzt die großen Landmaschinen über die Wiesen rollen. Dort gilt es dann, die jungen Tiere zu retten. Überruhrer Jäger suchen daher die Wiesen nach Jungtieren ab, bevor Landwirte mähen.

Denn ist der Bauer erst mit seinem Mähwerk auf der Wiese unterwegs, hat ein Kitz keine Chance mehr. Nun ist gerade die Zeit, in der Ricken (Rehmutter) das Kitz gesetzt haben, sie bringen durchschnittlich zwischen ein und zwei Kitze zur Welt. „Die Ricke legt das Kitz in Wald, Feld oder sehr gerne in Wiesen ab. Dort bleibt das Kitz so lange regungslos und gut mit Pünktchen getarnt in seinem Versteck liegen, bis die Rehmutter ihren Nachwuchs abholt und wieder mit Milch versorgen kann“, erklärt Veith Groote.

Das habe die Natur so vorgesehen, allerdings seien die Tiere dann gegen viele Gefahren nicht gerüstet. „Wiesenmahd, Heuernte und auch immer wieder freilaufende Hunde machen es den Elterntieren und Jungtieren sehr schwer“, sagt Groote.

Jäger und auch Landwirte haben Methoden entwickelt, um die jungen Tiere zu schützen

Daher haben Jäger und auch Landwirte manche Methode entwickelt, um die jungen Tiere zu schützen. Es gibt elektronische Warnsysteme an den immer größer werdenden Landmaschinen wie Jagdhunde, die entsprechend ausgebildet sind und Kitze im hohen Gras anzeigen. Manche verteilen menschliche Haare, weil Rehe die menschliche Witterung nicht mögen und bestenfalls ihr Kitz nicht an diesen Stellen ablegen. Andere wiederum behelfen sich mit Flatterband, um die Tiere abzuschrecken.

In Überruhr haben sich nun Veith Groote, der Jagdausübungsberechtigter in dem Stadtteil ist, und sein Helferteam in den frühen Morgenstunden aufgemacht und die Wiesen nach Jungtieren abgesucht. „Dieses Jahr stehen die Wiesen besonders hoch, umso schwerer ist es, die gut getarnten kleinen Kitze zu finden“, beschreibt der Jäger die Situation. Und rät: „Sollte mal jemand Kitze finden, dann lässt man sie am besten unberührt an ihren Lagerstätten, sonst droht ihnen der Tod.“ Man sollte die jungen Tiere also auf keinen Fall anfassen.

Da die Kitze in den ersten Lebenswochen noch nicht schnell und kräftig genug sind, um bei Gefahr zu flüchten, werden sie von ihren Müttern an einem sicheren Ort abgelegt. Die Ricken suchen den Nachwuchs nur drei-, viermal am Tag kurz auf, um ihn zu säugen und zu reinigen. Haftet den Kitzen menschliche Witterung an, wird die Ricke derart verschreckt, dass sie das Junge verstößt.

Ein großes Problem seien zudem freilaufende Hunde. Auch sie erschweren es, die Jungtiere großzuziehen. „Mein Hund tut nichts“, hört Veith Groote so häufig, wenn er sich bemüht, Halter auf die Gefahren durch die Hunde hinzuweisen. Und selbst, wenn das stimmt: „Das Wildtier weiß das nicht und hat trotzdem Angst. Es flüchtet möglicherweise über die Straße und wird bei seiner Flucht von einem Pkw angefahren.“ Genau das sei zuletzt vor wenigen Wochen geschehen. „Im Deipenbecktal mussten wir leider eine Ricke erlösen, die kurz davor von einem Autofahrer erfasst wurde“, sagt Groote.

Unermüdlich werben Jäger um Verständnis bei Hundehaltern

Das seien Situationen, die selbst erfahrenen Jägern nahe gehen. Denn die Ricke hatte das oder die Kitze bereits gesetzt, das habe der Jäger am Milchgesäuge erkennen können. Normalerweise bleibt die Mutter gerade in den Anfangstagen bzw. Wochen immer in der Nähe der Kitze und entfernt sich kaum von ihnen.

Unermüdlich klären daher auch Jäger wie Veith Groote auf und werben immer und immer wieder um Verständnis bei den Hundehaltern, ihre Tiere in den ländlichen Gegenden von Hinsel, Holthausen oder Byfang an die Leine zu nehmen und auf den Wegen zu bleiben. „Denn die Kitze rufen, wenn sie Hunger haben, durch Fiepen nach ihrer Mutter. Stirbt die Ricke, dann wird der Nachwuchs verhungern.“

Jäger greifen zu einem alten Trick mit Toilettenpapier und Rasierwasser

Damit Rehkitze und andere Jungtiere nicht den Landwirten bei der Mahd „ins Gehege“ kommen, greifen Jäger wie Veith Groote und sein Team übrigens auch zu einem alten Trick: „Wir verstänkern den Bereich, in dem der Bauer mähen will.“ So werden etwa Toilettenpapierblätter mit Rasierwasser beträufelt und in den Feldern und Wiesen ausgelegt, in denen der Bauer arbeiten muss. Durch diese ihm fremden Duftmarken bringt das Muttertier das Junge an einen anderen Ort bzw. meidet diese Stellen.

Und finden die Jäger doch noch ein kleines Kitz wie zuletzt in Überruhr, dann fassen sie es behutsam mit Handschuhen an, bringen es an einen nahen sicheren Ort, damit die Mutter es wiederfindet und auch annimmt.

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