Geschichte

Essen: Wie Flucht ein Leben prägt – eine 100-Jährige erzählt

Mehrere Bleche ihrer legendären Apfeltäschchen hat Agnes Kantus für ihren 100. Geburtstag gebacken. Dazu erwartet sie am 15. Januar viele Gäste, unter ihnen auch den Essener OB Thomas Kufen.

Mehrere Bleche ihrer legendären Apfeltäschchen hat Agnes Kantus für ihren 100. Geburtstag gebacken. Dazu erwartet sie am 15. Januar viele Gäste, unter ihnen auch den Essener OB Thomas Kufen.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen.  Vor 75 Jahren kam Agnes Kantus aus Polen nach Essen. Am 15. Januar wird sie 100 Jahre alt. Ihre Flucht erlebt sie wie einen Film bis heute.

Ihre erste Erinnerung an den Krieg klingt nach explodierenden Kartoffeln. Agnieszka hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Jene Hände, die den Piloten der tief fliegenden Flugzeuge eben noch freundlich gewinkt hatten, sind plötzlich starr vor Angst. Sie liegt am Boden. Dabei hatte sie an jenem Herbsttag im September 1939 nur das Blattwerk der Kartoffeln abpflücken sollen, als Futter für die Schweine. Nun bietet ihr das hochgewachsene Grünzeug Schutz vor dem Kugelhagel, der aus der Luft über sie hinweg zischt.

Vor wenigen Tagen erst war sie gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer Schwester und vielen weiteren Verwandten zum Stammhaus der Familie nach Kościerzyna geflüchtet, einem kleinen Ort in der polnischen Provinz. „Das war früher Westpreußen“, wie Omi Agnes heute sagt. Die Deutschen, für die ihr Vater im ersten Weltkrieg gekämpft hatte, sind auf dem Vormarsch.

Deutsch, polnisch, deutsch: Vom Gefühl, nichts von beidem richtig zu sein

Dabei war sie doch selbst eigentlich deutsch, als sie am 15. Januar 1920 geboren wurde. Und dann wieder polnisch. Und dann wieder deutsch. „Es ist kompliziert“, sagt sie heute. Mit ihren fünf Kindern hat Omi Agnes nie polnisch gesprochen. Sie wollte ihnen jene Vorurteile ersparen, denen sie sich selbst nach ihrer Flucht ins Ruhrgebiet oft genug ausgesetzt sah.

„Heute würde ich nirgendwo anders leben wollen“, sagt Omi Agnes, die seit über 70 Jahren in Essen-Rüttenscheid zu Hause ist. Sie hat längst ihren Frieden mit dem Vergangenen gemacht.

Hitlers Ei brachte Frau ins Gefängnis

Der Beschuss der Deutschen im Kartoffelfeld ist von kurzer Dauer. Agnieszka und die anderen Kinder und Jugendlichen der Familie, die zur Feldarbeit eingeteilt sind, überstehen den Angriff unversehrt. Er markiert die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs.

Ihr Vater, „ein rabiater Mann“, wie sie ihn knapp beschreibt, verschafft ihr später einen Job als Wachtmeisterin in einem Gefängnis in Stargard. Von 1943 bis 1945 beaufsichtigt sie dort weibliche Häftlinge. Es sind leichte Vergehen, wegen derer die Menschen dort eine Strafe von bis zu drei Jahren absitzen. „Alles wegen Essen oder Trinken“, erinnert sich Omi Agnes. Viele sitzen wegen illegaler Schnapsbrennerei, der große Rest hatte einfach nur Hunger. Eine hat aus geklauten Kartoffeln sechs Reibeplätzchen gebacken und muss deswegen sechs Monate hinter Gitter. Die Behauptung, Adolf Hitler habe „nur ein Ei“, bringt eine andere für drei Jahre in Haft. Wenn Omi Agnes das heute erzählt, dann schüttelt sie sich immer noch vor Lachen.

„Es war so kalt“: Was Omi Agnes bis heute so zäh macht

Im Januar 1945 verbringen die Frauen und Agnieszka die Tage auf einem Gutshof, zwölf Kilometer vom Gefängnis entfernt. Gemeinsam mit 15 männlichen Häftlingen sollen die Frauen die Versorgung sicherstellen. Agnieszka und die anderen hören, dass der Russe nicht mehr weit ist. „Wir hatten kein Telefon“, erklärt Omi Agnes, warum sie sich damals bei Minustemperaturen aufs Rad schwingt, um zum Gefängnis zu fahren und den Leiter um Rat zu bitten.

„Es war so kalt“, erinnert sich Omi Agnes. Das ist untertrieben: Eine Internetrecherche ergibt für den Januar in Polen 1945 Temperaturen von bis zu minus 25 Grad. Agnieszka stürzt auf dem Rückweg zum Gutshof mit dem Fahrrad, „es war zu glatt“, und verletzt sich. Unter größten Schmerzen erreicht sie die Gefangenen und zwei männliche Kollegen. Eilig schlachten, packen und flüchten die Männer und Frauen. Agnieszkas Knie wird immer dicker, sie bewältigt die Strecke zurück nach Stargard nur, weil sie die Zähne so fest zusammen beißt wie nie zuvor.

Schlaganfall, Stürze: „Hauptsache, der Rollator steht hier nicht länger“

Eine Eigenschaft, die sie als alte Dame perfektioniert hat. Zuletzt im Dezember bangen alle um Omi Agnes. Erst fällt sie auf ihre künstliche Hüfte, erleidet zwei Wochen später einen Schlaganfall. Ein beherzter Professor im Krupp-Krankenhaus operiert sie trotz ihres hohen Alters und setzt ihr einen Stent. Ihr mittlerweile zweiter Schlaganfall hinterlässt zum Glück keinen bleibenden Schaden. Omi Agnes lässt sich nicht hängen, das hat sie nie getan. Noch vor Silvester hat sie den Rollator aus ihrer Wohnung befördert. Für längere Strecken hakt sie sich nun lieber bei ihrem Schwiegersohn (74) ein, „du bist mein bester Rollator“, sagte sie neulich zu ihm.

Auf jene Milde, wegen der sie selbst heute nicht nur für ihre Familie „Omi Agnes“ ist, hofft Agnieszka an diesem bitterkalten Januartag 1945 vergebens. Sie fleht den Gefängnisleiter an, die von ihm angeordnete Flucht nicht weiter beaufsichtigen zu müssen. Sie könne nicht mehr, ihr Knie schmerze zu sehr, bittet sie ihn. Er hält ihr eine kleinkalibrige Waffe an den Kopf, um sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Waffen und Kriegsfilme sind ihr bis heute zu Wider

Bis heute verabscheut Omi Agnes Waffen und schaut sich keine Kriegsfilme an. „Da schlafe ich schlecht“, sagt sie. Das verwundert nicht. Jener Mann, der sie erst mit der Waffe bedrohte, drückt ihr selbige wenig später zur Beaufsichtigung der Gefangenen in die Hand: „Ich wusste gar nicht, wie die funktioniert.“

Agnieszka schleppt sich nochmal über mehrere Kilometer, muss dann über mehrere Tage medizinisch versorgt werden. Ihre Gruppe sieht sie nie wieder. Über viele Umwege gelingt es ihr, zu ihrem Elternhaus nach Zielona Góra zurückzukehren. Die jüngste Schwester ihrer Mutter, Helene, sieht vom Küchenfenster aus, wie Agnieszka auf der Wiese vor dem Haus erschöpft zusammenbricht. Tante Lenchen ist es, die sie wieder gesund pflegt. Jene Frau, mit der sie einige Monate später ihre Flucht in den Westen antreten wird.

Agnieszka sagt kein Wort, als sie ihrem Mann das erste Mal begegnet

Zuvor aber müssen sich die Frauen in dem Haus – alle Männer sind noch im Krieg oder gefangen – mehreren Überfällen von Russen erwehren. An einem Abend verschaffen sich drei russische Soldaten Zutritt zum Haus, teilen die Frauen untereinander auf. Geistesgegenwärtig entwischt Agnieszka durch einen Hintereingang, der hinter einem Schrank versteckt liegt. Sie holt Hilfe aus dem nahe gelegenen Dorf. Einige junge Polen haben sich dort zu einer Miliz zusammengeschlossen. Zehn von ihnen vertreiben die Russen, den Frauen ist nichts geschehen.

Wenige Wochen später sind es fünf Deutsche, die ausgemergelt bei Agnieszkas Familie an die Tür klopfen. Die Frauen geben ihnen zu essen, die Soldaten überlassen ihnen dafür Medikamente. Einer bittet Tante Lenchen inständig: Sie solle nach ihrer bereits geplanten Flucht ins Ruhrgebiet seiner Mutter ausrichten, dass er zu diesem Zeitpunkt noch gelebt habe. Er lässt einen Zettel mit seiner Anschrift da. Eine Adresse in Essen, die Agnieszkas zu Hause werden würde. Jener Soldat, mit dem Agnieszka an diesem Abend in Polen kein Wort wechselte, wurde wenige Monate später ihr Mann.

Wie man 100 wird? „Viel arbeiten, nicht rauchen und ab und zu ein Gläschen Wein“

Im September 1945 fasst Agnieszka den Entschluss, ihre Tante auf ihrer Flucht nach Duisburg zu begleiten. In Walsum hatte Helene mit ihrem Mann und den beiden Kindern gelebt, ehe der Krieg sie zur Rückkehr in ihre Heimat Polen zwang. Nun will sie gemeinsam mit Sohn, Tochter und Agnieszka zurück ins Ruhrgebiet. Die Vier haben jede Menge Glück. Mit Hilfe eines polnischen Offiziers gelingt es ihnen, die Grenze zu Deutschland im Zug zu passieren. Verwandte in Berlin gewähren den Flüchtlingen für einige Tage Unterschlupf.

„Wir haben uns gewaschen und satt gegessen“, erinnert sich Omi Agnes. Bis heute liebt sie es, zu baden und sich zu pflegen, zur Pediküre und zum Friseur zu gehen. Vermutlich einer der Gründe, warum sie noch immer so strahlt, ihre Haut so jung aussieht. „Viel arbeiten, nicht rauchen und ab und zu ein Gläschen Wein“, das helfe auch dabei, 100 Jahre alt werden, sagt Omi Agnes. Eine kluge Frau.

Wenn einem vor lauter Angst die Haare zur Berge stehen

So klug, dass es ihr im Herbst 1945 in Berlin gelingt, die notwendigen Ausreisestempel zu bekommen. In Marienborn komplimentieren einige Russen die Gruppe aus dem Zug, verbieten die Weiterfahrt. Versteckt in einem Kohle-Waggon überwinden die beiden Frauen mit den Kindern die so genannte Berliner Blockade und schaffen es in den Westen. Kurz vor der innerdeutschen Grenze stößt Agnieszka ihre Tante an. „Meine Haare sind wie Draht“, sagt sie. Lenchen geht es ähnlich. Vor lauter Angst stehen den beiden Frauen die Haare zu Berge.

Die tief sitzende Furcht lässt Omi Agnes bis heute nachts aufschrecken. „Manchmal wache ich schweißgebadet auf“, sagt sie. Sie hat Verständnis für jeden Menschen, der heute vor dem Krieg nach Deutschland flüchtet. Omi Agnes weiß, was es bedeutet, alles zurückzulassen.

Der Hunger während des Krieges und der Flucht beeinflusst sie bis heute

Irgendwo im Nirgendwo vor Braunschweig klettern die vier aus dem stehenden Waggon, laufen durch die Felder zum nächsten Dorf. Die vier kohlschwarzen und ausgehungerten Gestalten begegnen einem Mann. „Ich kann es nicht glauben, dass ihr es mit dem Zug hierher geschafft habt“, soll er zu ihnen gesagt und ihnen den Bus nach Braunschweig empfohlen haben. An der Bushaltestelle kommt später ein Mädchen vorbei, „vielleicht 16 Jahre alt“, erinnert sich Omi Agnes. Es legt ihr ein Päckchen mit Frühstück in den Schoß. Sie schaffe es auch mal ohne, soll sie gesagt haben und weiter gelaufen sein. Agnieszka steigen Tränen in die Augen.

„Solche Menschen wie das Mädchen gab‘s“, sagt Omi Agnes. Das Wenige, das von ihrer kleinen Rente übrig bleibt, teilt sie gern. Zu Weihnachten und zu Ostern schickt sie immer noch große Care-Pakete nach Polen, mit Kaffee, ihren selbst gebackenen Apfeltäschchen, Kleidung, Süßigkeiten. „Die Menschen auf dem Land sind immer noch arm“, weiß Omi Agnes. Auch nach der EU-Osterweiterung.

Der Hunger während des Krieges und der Flucht beeinflusst sie bis heute. Sie wirft Lebensmittel nur dann weg, wenn sie wirklich ungenießbar sind; muss von ihrer Tochter ermahnt werden, den Schimmel nicht abzuschneiden. Manchmal isst Omi Agnes viel zu hastig. Dann wieder kann sie eine dünne Scheibe Kuchen über einen ganzen Nachmittag hinweg genießen.

Die Bitte des deutschen Soldaten haben die Frauen nicht vergessen

Von Braunschweig aus geht es für Agnieszka und ihre drei Weggefährten ohne weitere Zwischenfälle nach Duisburg-Walsum, das Haus der Familie steht noch. Nachbarn rennen ihnen entgegen. Sie rufen ihnen zu, dass der Mann von Tante Lenchen noch lebt. Den Moment des habe sie „gar nicht richtig erleben können“, zu müde und kaputt sei sie gewesen, sagt Omi Agnes. Den deutschen Soldaten aus Essen und seine Bitte haben die beiden Frauen nicht vergessen. Eine Woche nach ihrer Ankunft in Walsum machen sie sich auf den Weg nach Essen, Sabinastraße.

Sie treffen Agnieszkas spätere Schwiegermutter. Eine mürrische alte Frau öffnet ihnen die Tür. Ihr Sohn Hans sei längst zurück, blafft sie die Frauen an. Seine drei Kinder lugen durch die Türe. Es sind Halbwaisen, ihre Mutter war wenige Jahre zuvor an Tuberkulose gestorben. Agnieszka weiß damals noch nicht, dass sie die Drei wie ihre eigenen Kinder aufziehen und ihnen eine Mutter werden würde. An diesem Tag im Oktober 1945 ist Hans Kantus in Köln auf Montage. Diesmal sind es die beiden Frauen, die einen Zettel mit ihrer Adresse hinterlassen.

Das Schicksal meint es nicht lange gut mit der Familie

Als Hans sie direkt am nächsten Tag in Walsum besucht, „ist es Liebe auf den ersten Blick“, sagt Omi Agnes heute. Sie liebt es etwas kitschig, ist großer Fan von Seifenopern wie „Rote Rosen“ oder „Alles was zählt“. Das damals aber, das ist echt. Im Februar 1946 heiraten Hans und Agnieszka, die in Deutschland Agnes gerufen wird. Neben den drei Kindern ihres Mannes bekommen die beiden noch zwei eigene Kinder, eine Tochter und einen Sohn.

Das Schicksal meint es nicht lange gut. Ihr Mann Hans stirbt viel zu früh, da ist Omi Agnes gerade einmal 46 Jahre alt. Ein Hirnschlag, wie aus dem Nichts. Fortan bringt sie ihre Kinder allein durch. 35 Jahre lange putzt sie Büros in der Annastraße in Rüttenscheid, hört erst mit 75 Jahren auf. Mehr als 60 Jahre lebt sie in einem kleinen Häuschen an der Sylviastraße.

Im Alter von 96 Jahren wird Omi Agnes erneut entwurzelt

2016 wird es für ein Neubauprojekt abgerissen. Mit 96 Jahren wird Omi Agnes erneut entwurzelt. Ihre Familie fängt sie auf, gräbt sogar ihre geliebten Pfingstrosen aus und pflanzt sie nahe dem Rüttenscheider Stern neu ein. Dort zieht sie bei ihrer Tochter ein, aus deren Mehrfamilien- nun ein Mehrgenerationenhaus wird. Ihr Enkel und seine Frau, die Autorin dieser Zeilen, werden ebenfalls in dem Haus heimisch. Im August 2017 kommt eine weitere Generation unter ihrem Dach hinzu, Omi Agnes‘ fünftes Ur-Enkelkind wird geboren.

Omi Agnes‘ Gegenwart klingt nach Kinderlachen. Nach Fluchen, wenn ihre Tochter beim Rommé spielen schon wieder ein Hand-Aus gesammelt hat. Nach Verzweiflung, wenn die Biathleten im Fernsehen patzen. Stille aber ist Omi Agnes am liebsten. Wenn sie in ihrem verstellbaren Leder-Sessel sitzt, die Füße tief in ein Heizkissen vergraben, aus dem Fenster schaut und unendlich dankbar ist für all das, was sie heute hat.

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