Industriebrachen

Essen und Bottrop setzen am Kanal auf „Industrie 4.0“

Sehen und staunen: Die Reste der nationalen Kohlenreserve am Hafen Coelln werden bis Ende des Jahres abgeräumt.

Sehen und staunen: Die Reste der nationalen Kohlenreserve am Hafen Coelln werden bis Ende des Jahres abgeräumt.

Foto: Thomas Gödde

Essen.   Mit Ende des Bergbaus werden zu beiden Seiten des Rhein-Herne-Kanals riesige Flächen frei. Eine Spurensuche für Visionäre.

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Der Weg in Richtung Freiheit ist ein steiniger. Es knirscht unter dem (Sicherheits-)Schuhwerk. Am blauen Himmel über dem Kanal strahlt einladend die Frühjahrssonne. Dabei ist es für einen Spaziergang eigentlich schon zu heiß. Flimmert es da vor Hitze am Horizont? Die Wanderer, die an diesem Sonntag auf Einladung der RAG Montan Immobilien in gelben Gummistiefeln über die riesige Industriebrache von Emil-Emscher staksen, folgen einer Vision. „Freiheit Emscher“, so nennen die beiden Nachbarstädte Essen und Bottrop ihr ehrgeiziges Entwicklungsprojekt. Damit gemeint ist ein 1700 Hektar großes Gebiet zu beiden Seiten des Rhein-Herne-Kanals, mitten drin 150 Hektar, die der Bergbau nicht mehr nutzt oder in naher Zukunft nicht mehr braucht. Ende des Jahres ist Schicht im Schacht.

Und dennoch: Vor der Hacke sei es nicht dunkel, sondern „grün und lebendig“, meint Oberbürgermeister Thomas Kufen. Allein die Größe der Flächen, die es zu entwickeln gilt, weckt die Fantasie. Die Erwartungshaltung ist klar: „Industriekultur haben wir eigentlich genug“, sagt Kufen. Nun gehe es um „Industrie 4.0“, um Arbeit, um Jobs.

OB Kufen: „Industriekultur haben wir genug.“

Noch gelte es dafür, dicke Bretter zu bohren, weiß Essens OB. Da wäre die ungeklärte Entwässerung mitten im Poldergebiet der Emscherregion. Und da wäre allen voran die verkehrliche Anbindung. Von einer neuen Erschließungsstraße zwischen der Prosperstraße in Bottrop und der Daniel-Eckhardt-Straße in Vogelheim ist die Rede mit einem Brückenschlag über den Kanal. Und von einem neuen Autobahnanschluss „Lichtenhorst“ an der A 42. Der ist in Bottrop seit zwei Jahrzehnten ein Thema und scheiterte bislang daran, dass das Autobahnkreuz Essen-Nord ganz in der Nähe liegt. Nun, da sich durch das Aus des Bergbaus im Herzen Region neue Entwicklungschancen bieten, sehen die Protagonisten von „Freiheit Emscher“ gute Argumente gegenüber Land und Bund. „Wann, wenn nicht jetzt“, sagt Markus Masuth, Geschäftsführer der RAG Montan Immobilien.

Die letzten Reste der nationalen Kohlereserve am Hafen Coelln werden bis Ende 2018 geräumt. 2025 soll die letzte Fläche frei werden. Bis Jahresende wollen beide Städte einen Masterplan vorlegen, in dem zu lesen steht, wie es weitergeht. Die nötige Zeit für die Entwicklung der Flächen wolle man sich nehmen, betont Kufen. Es wäre sicher ein Leichtes Logistiker anzusiedeln, für die Amazons dieser Welt expandieren. Doch „Freiheit Emscher“ soll für Zukunft stehen, für innovative Unternehmen. Wie der Erfolg eines Tages in Form von Gewerbesteuern verteilt wird, darüber wird zwischen beiden Städten noch zu reden sein. „Über Geld werden wir nicht streiten“, verspricht Kufen. In Bottrop werden sie sich diesen Satz wohl ausschneiden.

Ende des Bergbaus: „Wehmütig wird man nicht.“

Dort träumen sie vom Wohnen am Wasser, auf Essener Seite des Kanals von Büros und Gewerbe, vom Chillen in der Mittagspause. Das Ruhrgebiet stehe für Wandel, meint Peter Jahns aus Heisingen, der früher als Bergbau-Ingenieur Bottrop in 900 Metern Tiefe mit dem Fahrrad unterquert hat.

Gerhard Klammer pflichtet ihm bei. Der 74-Jährige war sie Jahns Bergmann, hat auf Pörtingsiepen und Carl Funke gearbeitet, ist heute Gästeführer auf Zollverein. „Wehmütig wird man nicht“, sagt er, nun, da das Ende des Bergbaus näher rückt. „Auf eine Art ist das schade, aber so ist die Zeit. Alles ändert sich.“ Beim Blick über Emil Emscher ist Klammer gleichwohl vorsichtig optimistisch. „Ich hoffe sehr, dass für die Allgemeinheit etwas dabei herauskommt.“

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