Krankenhäuser

Essen: Stadt muss helfen, aber nicht als Krankenhaus-Träger

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Die Neuordnung der Krankenhaus-Landschaft im Essener Norden ist in Gefahr. Absurd ist die Idee der SPD, die Stadt möge nun die Häuser übernehmen.

Die Idee wirkte bestechend und logisch: Anstelle dreier in die Jahre gekommener katholischer Krankenhäuser wollte die Contilia in Altenessen ein großes, neues Hospital errichten, das moderne Gebäudetechnik mit bestmöglicher Medizin verbinden sollte. Eine Kirche steht dabei im Weg, die trotz des Sparkurses im Bistum Essen eigentlich für den Erhalt vorgesehen war - ein Umstand, der vor allem die kirchlichen Entscheider zu sehr vielen Verbiegungen zwang, um der protestierenden Gemeinde die aus dem Hut gezauberten Abrisspläne zu verkaufen.

Und dann vor zwei Tagen das: Alles zurück auf Null, Contilia schreibt rote Zahlen, will die alten Krankenhäuser veräußern, und es ist völlig offen, ob ein noch unbekannter Käufer die Investitionsentscheidung für einen Neuanfang in Altenessen weiterverfolgt.

Die SPD denkt bei Problemen immer zuerst an Staat und Steuergeld

Eine bittere Entwicklung, die viele beschädigt und enttäuscht zurücklässt – und neben vielen Fragen leider auch bereits erste Pseudo-Antworten produziert. Wenn SPD-OB-Kandidat Oliver Kern – vorerst noch verpackt in Frageform – eine Übernahme der drei Häuser durch die Stadt Essen ins Spiel bringt, passt das zwar perfekt in die Welt einer SPD auf Linkskurs, die bei Problemen immer zuerst an Staat, Steuergeld und den öffentlichen Dienst denkt. Der Vorschlag missachtet aber, dass die Stadt keinerlei organisatorische und fachliche Expertise auf diesem Gebiet hat, seit die „Städtischen Krankenanstalten“ bereits in den 1960er Jahren in den Komplex landeseigener Universitätskliniken übergingen und schließlich zum Gründungskern eines eigenständigen Essener Uniklinikums wurden.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Städten, die – mit abnehmender Tendenz – bis heute Krankenhäuser in ihrer Trägerschaft haben und allerdings oftmals unter den wachsenden Belastungen stöhnen. Die Stadt Essen jedenfalls hat mehr als genug finanzielle Probleme und unternehmerische Risiken im Bereich der Stadttöchter am Bein, da braucht es wirklich nicht weitere in Gestalt dreier älterer Krankenhäuser.

Eine Branche, die immer mehr auf Größe und Spezialisierung setzen muss

Es ist schlicht eine Illusion zu glauben, tragfähige und finanziell robuste Strukturen ließen sich im Rathaus zeitnah aufbauen für eine Branche, die immer komplexer wird und schon wegen des teuren medizinischen Fortschritts stetig mehr auf Größe und Spezialisierung setzen muss. Zu Recht hat die Essener CDU den Vorstoß umgehend zurückgewiesen.

Das heißt aber nicht, dass die Stadt nun tatenlos zusehen sollte. Wenn Contilia sich die Weiterführung und Neuordnung der Krankenhaus-Landschaft im Essener Norden nicht mehr zutraut, dann muss der Oberbürgermeister sein Gewicht mit in die Waagschale werfen, um so schnell wie möglich einen seriösen und soliden Käufer zu finden. Das kann nach Lage der Dinge nur ein Unternehmen aus dem freikaritativen Sektor oder ein privater Krankenhaus-Konzern wie beispielsweise Helios sein. Auch dort ist die Daseinsvorsorge in keinen schlechten Händen, das zeigen viele Beispiele quer durch die Republik.

Die erbittert bekämpften Abrisspläne drohen die Dinge auch künftig zu verkomplizieren

Viel Zeit ist allerdings nicht, und es sind noch wichtige Fragen zu klären. Darunter auch die, ob mit dem Weiterverkauf des Marienhospitals der Verkauf des Kirchengrundstücks St. Johann Baptist durch das Bistum womöglich noch einmal juristisch anfechtbar ist. Die erbittert bekämpften Abrisspläne und die Verpflichtung zum Bau eines ins neue Krankenhaus integrierten Ersatz-Kirchengebäudes drohen die Dinge auch künftig zu verkomplizieren.

Mit dem Rückzug von Contilia hat der Essener Norden jedenfalls ein Krisenthema mehr. Und der Kommunalwahlkampf mit einiger Sicherheit auch.

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