Falsche Polizistin

Essen: So prellen Trickbetrüger Rentnerpaar um 15.000 Euro

Hermann Ferber (* Name geändert) hält in seiner Altenessener Wohnung das Festnetz-Telefon in Händen, auf dem ihn am vergangenen Dienstag (20. Oktober) die falsche Polizistin „Petra Rudolf“ angerufen hat.

Hermann Ferber (* Name geändert) hält in seiner Altenessener Wohnung das Festnetz-Telefon in Händen, auf dem ihn am vergangenen Dienstag (20. Oktober) die falsche Polizistin „Petra Rudolf“ angerufen hat.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Essener Polizei warnt vor Trickbetrugwelle. Ein Rentnerpaar hat 15.000 Euro an falsche Polizistin verloren. Protokoll eines Trickbetrugs.

Das Telefon klingelt bei den Ferbers (* Name geändert) am vergangenen Dienstag (20. Oktober) um kurz nach vier. Hermann Ferber (84) sitzt auf seinem Polstersofa, seine Frau Elfriede (81) kümmert sich in der kleinen Altenessener Wohnung um die Küche. Als „Petra Rudolf von der Polizeiwache Essen-Borbeck“ gibt sich die sehr echt und vor allem resolut wirkende Anruferin aus. Tatsächlich ist sie eine falsche Polizistin, und die Ferbers fallen auf die miese Masche herein. Nur eine gute Stunde später sind sie um 15.000 Euro ärmer. Geld, das sie sich über Jahrzehnte abgespart hatten. Es ist ein Kriminalfall, der selbst gestandene Ermittler fassungslos macht. Ein Protokoll.

„Petra Rudolf“ gibt sich als Hauptkommissarin aus und kommt schnell zur Sache – sie habe dem Senior eine traurige Mitteilung zu machen. Sein Enkel habe am Nachmittag „einen schweren Verkehrsunfall in Frillendorf“ verursacht. Es gebe Tote, darunter auch die Mutter mehrerer Kinder. Der Enkel sitze nun hinter Schloss und Riegel – „in der JVA“. Nur gegen Zahlung einer Kaution könne er wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Der Anruf trifft die Ferbers ins Mark, für Elfriede, die Großmutter, wirkt die Nachricht sogar wie ein Stich ins Herz. Das Altenessener Ehepaar hat nur eine Tochter, und diese hat nur einen Sohn: Anton (18) – der abgöttisch geliebte Enkel. „Ich bin in Tränen ausgebrochen“, sagt die 81-Jährige. Und der Senior fügt hinzu: „Ich war fix und fertig, konnte nicht mehr denken.“ Beide können sich nicht daran erinnern, jemals von der Polizei angerufen worden zu sein. „Wir hatten nie mit der Polizei zu tun.“

Meistens sitzen die Anrufer – „Keiler“ genannt – in einem Callcenter im türkischen Izmir

Vier Tage später berichten Elfriede und Hermann Ferber dieser Zeitung, wie sie in so kurzer Zeit so viel Geld verloren haben. „Falscher Polizist“ und „Enkeltrick“ – das sind Maschen, mit denen skrupellose und straff organisierte Trickbetrüger-Banden in Deutschland jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Euro Beute einstreichen.

Die meisten Opfer schämen sich, wenn sie die Polizeiwache anrufen und ihre unfassbare Naivität eingestehen müssen. Viele erstatteten gar keine Anzeige, weil sie sich schämen. Die Ferbers sprechen. „Weil wir anderen in unserem Alter die Augen öffnen und sie warnen wollen.“

Meistens sitzen falsche Polizisten wie „Petra Rudolf“ gar nicht in Essen am Telefon, sondern in einem Callcenter in der türkischen Großstadt Izmir. Zu den Hintermännern und Profiteuren dieses lukrativen Geschäftsfeldes zählen nach Erkenntnissen deutscher Ermittler insbesondere auch kriminelle arabische Clans mit Wurzeln in der Türkei und im Libanon.

Weil die Anrufer in Deutschland aufgewachsen sind, wirken sie auf ihre Opfer sehr authentisch. Fahnder nennen sie „Keiler“. Sie sind einfühlsam, vor allem aber einschüchternd. Sie erfinden Märchen und weben Netze, in denen sich ihre Opfer hoffnungslos verheddern.

Falsche Polizistin nennt sich „Petra Rudolf“ – Wache Borbeck, Dienstnummer 141102

Das verhängnisvolle Telefonat an jenem Dienstag führt Hermann Ferber. „Ich habe sie nach ihrer Dienstnummer gefragt“, sagt er. Worauf sie prompt antwortet: „Vierzehn-elf-nullzwei“. Der Spiralblock, in den der Essener hastig die „141102“ gekritzelt hat, liegt immer noch auf dem massiven Eichen-Wohnzimmertisch mit Fliesen. Dann fügt sie als Dienstadresse „Schlossstraße 65“ in „45355 Essen“ hinzu.

Ist er nicht misstrauisch geworden? Er hätte ihre Telefonnummer notieren und zurückrufen können. Oder den Enkel, die Tochter, den Schwiegersohn. Die meisten „Keiler“ täuschen mit einem Trick eine echte deutsche Festnetznummer vor, oft mit den Ziffern „110“ am Ende. „Petra Rudolf“ ruft mit unterdrückter Nummer an. Viel Zeit, einen klaren Kopf zu bekommen, habe der Senior nicht gehabt, gesteht er. Denn auch Elfriede Ferber bedrängt ihn in ihrem Kummer. „Hermann, der Anton muss raus.“ Tage später gesteht sie: „Ich war aufgeregt, habe am ganzen Leib gezittert.“ 40.000 Euro Kaution und die IBAN verlangen die „Keiler“ jetzt. Anscheinend spüren sie, dass hier heute eine saftige Beute möglich ist. „Wenn sie zahlen, ist Anton eine halbe Stunde später raus“, legt „Petra Rudolf“ nach.

Elfriede und Hermann Ferber stammen beide gebürtig aus dem Sudetenland. Sie haben den Weltkrieg erlebt, Vertreibung und Flucht, die Hungerjahre. In Essen lernen sie sich kennen und heiraten: Hermann ist zuerst Kfz-Schlosser bei Krupp und die letzten 24 Jahre bei der Sparkasse, Elfriede bleibt Hausfrau. Wie alle aus der Kriegsgeneration leben auch die Ferbers sehr sparsam.

Das Opfer: ein Ehepaar, das stets sparsam war und viel Geld beiseite gelegt hat

Das gemütliche Drei-Zimmer-Appartement nahe der Altenessener Straße bewohnen sie schon seit mehr als 50 Jahren. Die Wohnanlage macht einen gepflegten Eindruck, der Rasen ist kurz geschoren, das Treppenhaus blitzblank sauber. „Wir haben gerne Urlaub auf den Kanaren, Mallorca und Ibiza gemacht“, sagt sie. In den wärmeren Monaten verbringen sie viel Zeit in ihrem Kleingarten direkt auf der anderen Seite der Altenessener Straße.

Nur einmal im Leben gönnt sich Hermann Ferber richtig was, kurz vor der Rente legt er sich zum ersten Mal ein nagelneues Auto zu. „Den BMW haben wir vor 25 Jahren bar bezahlt“, sagen sie immer noch stolz. Heute fährt Enkel Anton Opas Wagen. Hat er ausgerechnet mit diesem BMW wirklich eine Frau tot gefahren?

Die Ferbers machen „Petra Rudolf“ klar, dass sie die verlangten 40.000 Euro nicht aufbringen können. Darauf sie: „Wie viel denn?“. „15.000“, versichert Hermann Ferber glaubhaft. Er muss nicht einmal zur nächsten Sparkassen-Filiale laufen und das Geld abheben. Die Summe liegt fein säuberlich abgepackt daheim im Tresor – in 500er-, 100er- und 50er-Scheinen. Aufeinandergelegt nicht mal so dick wie ein Päckchen Tempo-Taschentücher.

Die Geldübergabe an „Frau Kaufbauer“ erfolgt zwischen Tür und Angel

Das Telefonat habe sich über eine geschlagene Stunde hingezogen. Um die Opfer abzulenken, verlangt die falsche Polizistin, dass sie nun die Seriennummern der Geldscheine aus dem Tresor durchgeben. Auch das erledigen sie brav. Am Ende gibt „Petra Rudolf“ grünes Licht. Sie werde nun ihre Kollegin, „Frau Kaufbauer“, nach Altenessen schicken, um das Geld abzuholen.

Hermann Ferber legt Schein für Schein in einen Umschlag, und wie verabredet steht die Abholerin eine halbe Stunde später an der Haustür und klingelt. Jetzt ist es 17.30 Uhr. „Sie trug einen schwarzen Mantel, hatte die Kapuze ins Gesicht gezogen und einen schwarzen Mundschutz.“ Er schätzt sie auf 30 Jahre, sie sei 1,60 groß und schlank gewesen.

Die Geldübergabe zwischen Tür und Angel dauert nur einen Augenblick, dann sei die Abholerin zum Niehusmannskamp gelaufen und in ein wartendes Auto gestiegen. Elfriede Ferber hört von der Küche aus noch, wie sie die Autotür zuschlägt.

Das Schauermärchen vom tödlichen Verkehrsunfall, die Gruselstory vom verhafteten Enkel – nach nur einem Anruf stehen die Ferbers wieder in der Wirklichkeit. Sie rufen Anton auf dem Handy an. Die Oma fragt: „Wo bist du?“ Der Enkel fragt: „Zuhause – warum?“

Vier Tage danach nagt der Schmerz über den Verlust des mühsam Ersparten immer noch an den Ferbers. Viele Sätze beginnen mit „Hätte ich doch mal . . .“. Die beiden alten Leute, die nie richtig Pech im Leben hatten, sprechen sich Mut zu. Was bleibt ihnen übrig. Hoffnung, das Verlorene zurückzubekommen? „Shit auf das Geld“, sagt Elfriede Ferber und zuckt die Achseln.

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