Stadtteilentwicklung

Essen: Neubau für Behinderte ersetzt marodes Flüchtlingsheim

Der Neubau des Integrationsmodells an der Straße Auf’m Bögel in Essen-Haarzopf ist fertig. Im Hintergrund sind die alten Flüchtlingshäuser zu sehen, von denen noch drei stehen, rechts die Grünanlagen des Bürgerparks.

Der Neubau des Integrationsmodells an der Straße Auf’m Bögel in Essen-Haarzopf ist fertig. Im Hintergrund sind die alten Flüchtlingshäuser zu sehen, von denen noch drei stehen, rechts die Grünanlagen des Bürgerparks.

Foto: Katrin Böcker / FUNKE Foto Services / FFS

Essen-Haarzopf.  Neuer Wohnraum am Haarzopfer Bürgerpark: Integrationsmodell hat modernes Haus für Behinderte gebaut. Drei Flüchtlingshäuser vergammeln weiter.

Seit die Stadt die maroden Flüchtlingshäuser am Bürgerpark Haarzopf aufgegeben hat, hoffen Anwohner auf eine Neugestaltung des Areals Auf’m Bögel. Jetzt ist der erste Schritt vollbracht: Der Verein Integrationsmodell hat auf dem Eckgrundstück Auf’m Bögel 36 für rund 2,2 Millionen Euro ein Wohnhaus für Menschen mit geistiger oder Mehrfachbehinderung gebaut. Die ersten Bewohner sind jetzt eingezogen.

Nach einem Jahr Bauzeit konnte das zweigeschossige Gebäude, in dem zwei Wohngruppen für je sechs Bewohner Platz finden, fertiggestellt werden. „Zum Glück hat es trotz Corona keine Verzögerungen gegeben“, sagt Christina Schlünder, Geschäftsführerin des Ortsverbands Essen des Integrationsmodells. Die erste Gruppe sei vor einigen Tagen im Erdgeschoss eingezogen, die zweite folge dann im Oktober.

Schon vor Jahren gab es ein Haus für Behinderte an gleicher Stelle in Essen-Haarzopf

Beide Geschäftsführer des Integrationsmodells, Christina Schlünder und Michael Bülow, sind froh, dass das Haus jetzt bezugsfertig ist. Der Neubau war erforderlich, weil bei Mietobjekten des Integrationsmodells die Verträge auslaufen. Wo jetzt der Neubau entstanden ist, lebten bereits von 1985 bis 2017 behinderte Menschen in einem städtischen Gebäude. Als das rund 1300 Quadratmeter große Grundstück 2018 zum Verkauf stand, habe es das Integrationsmodell von der Stadt erworben. Im Februar 2019 sei das alte Gebäude abgerissen worden, im Juli 2019 der erste Spatenstich für den Neubau erfolgt. Zuschüsse für das Projekt habe es von mehreren Stiftungen gegeben.

„Die Bewohner haben jeder ein Einzelzimmer mit Bad, teilen sich den Gemeinschaftsraum mit Küche, den es auf jeder Etage gibt“, erklärt Christina Schlünder. Im Keller gebe es zusätzlich einen großen Raum, der für Veranstaltungen, Feste oder Mitarbeiter-Schulungen genutzt werden könne.

Die Bewohner hätten bereits vorher an ihrem bisherigen Wohnort Steele in WGs zusammengelebt, seien also eingespielte Teams. Betreuer seien rund um die Uhr im Haus.

Bewohner arbeiten meist in Werkstätten

Jeder Mieter habe einen eigenen Vertrag abgeschlossen, könne Pflegeleistungen dazu buchen und sein Zimmer nach Wunsch gestalten. „Wir haben hier viele farbige Räume“, so die Geschäftsführerin. Die Mehrheit der 35 bis 60 Jahre alten Bewohner arbeite in Werkstätten. Das Leben im Haus werde möglichst selbstständig gestaltet, immer orientiert an den Fähigkeiten des Einzelnen. „Die Wohnlage ist ideal, das Geschäftszentrum Neue Mitte Haarzopf ist in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar, so dass die Bewohner mit oder ohne Betreuer dort einkaufen können“, erklärt Christina Schlünder. „Wir handeln nach dem Motto: So viel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich“, ergänzt Michael Bülow, ebenfalls Geschäftsführer des Integrationsmodells.

Den Bewohnern steht ein großer Balkon und ein Garten zur Verfügung, der schon angelegt, aber noch nicht fertig ist. Einige der alten Bäume auf dem Gelände hätten sogar stehen bleiben können. „Die Gartenbaufirma hat einen Quellstein gestiftet, weil die Bewohner sich etwas mit Wasser gewünscht haben“, sagt die Geschäftsführerin. Mitte September sei eine Pflanzaktion geplant. „Eine richtige Einweihung kann wegen Corona frühestens im nächsten Jahr stattfinden.“

Baufortschritt wurde im Detail verfolgt

Für die Bewohner geht mit dem Einzug ins neue Zuhause eine aufregende Phase zu Ende. „Sie haben das Ganze mit großem Interesse verfolgt, sind teils zwischendurch in Haarzopf gewesen, haben immer wieder Fotos von der Baustelle angeschaut oder auch selbst gemacht“, weiß Michael Bülow.

Angesichts des schicken Neubaus auf dem Eckgrundstück wirken die drei noch stehenden maroden Flüchtlingshäuser im hinteren Teil der Sackgasse noch deplatzierter als vorher. Dort wünschen sich viele Akteure im Stadtteil seit langem Mehrgenerationen- oder Seniorenwohnen, was in Haarzopf fehle. Wann und an wen die Stadt ihre Grundstücke veräußert, ist allerdings noch unklar.

Ausschuss hatte sich für seniorengerechtes Wohnen ausgesprochen

Das Grundstück liegt laut Katharina Steffens vom Stadtpresseamt innerhalb des Bebauungsplanes „Auf’m Bögel/Raadter Straße“ und ist als „Reines Wohngebiet“ festgesetzt. Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Stadtplanung habe bereits Ende 2018 beschlossen, das Grundstück für seniorengerechtes Wohnen zu vermarkten. Die Festlegung der Rahmenbedingungen für den Verkauf müssten durch die politischen Gremien beschlossen werden. Die geplante Vermarktung sei in diesem Jahr auf der Basis eines noch einzuholenden Beschlusses beabsichtigt, so Steffens. Für die angedachte Nutzung seien Schallschutzmaßnahmen im Hinblick auf die benachbarte Tennisanlage erforderlich.

Nachbarn hatten wiederholt beklagt, dass sich Jugendliche an den maroden Häusern treffen, dort Müll und Essensreste liegenließen, was dann Ratten anlocke.

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