Gewalt

Essen hat traurigen Spitzenwert bei Kindesmisshandlung

Ein erschütternder Fall aus dem Jahr 2014: Marcel B., hier mit seinen Anwälten, schlug seinen 18 Tage alten Sohn Leon Leon tot, als er in Ruhe Computer spielen wollte. B. wurde 2015 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein erschütternder Fall aus dem Jahr 2014: Marcel B., hier mit seinen Anwälten, schlug seinen 18 Tage alten Sohn Leon Leon tot, als er in Ruhe Computer spielen wollte. B. wurde 2015 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Foto: Knut Vahlensieck / FUNKE Foto Services

Essen.   Bei körperlichen Übergriffen führt Essen die NRW-Statistik 2015 an. Ein Fall in Holsterhausen endete tödlich. Deutscher Kinderverein fordert „mehr Aufmerksamkeit und mehr Zivilcourage“.

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Essen hat in der Statistik des Landeskriminalamtes einen traurigen Spitzenwert erreicht: In keiner Stadt in NRW gab es 2015 mehr bekannte Fälle von körperlichen Kindermisshandlungen. 27 sind für das Jahr notiert. Ein kleines Opfer darunter wurde getötet. Die Zahl ist im Vergleich zu 2014 konstant und mit Blick auf 2010 bis 2013 leicht gesunken. „Während die Fälle aber in Großstädten wie Köln, Duisburg und Düsseldorf halbiert wurden, haben wir in Essen ein beunruhigend hohes Niveau“, kritisiert Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins Essen.

549 Kinder aus Familien genommen

Der Todesfall aus dem April 2015 hatte die Menschen bundesweit bewegt: Eine 40-Jährige warf ihr sechs Monate altes Baby in Holsterhausen aus einem Treppenhausfenster sechs Meter in die Tiefe. Und sprang hinterher. Der Säugling starb. Die Mutter überlebte schwer verletzt. Sie litt unter schweren Depressionen und wurde nicht schuldfähig in die Psychiatrie eingewiesen.

Bekannte Fälle 2015  
Stadt Kindesmisshandlungen
Essen 27
Duisburg 23
Dortmund 22
Köln 20
Düsseldorf 14
Quelle: LKA NRW  

Es war der Fall unter den körperlichen Kindesmisshandlungen in Essen, der die meiste Aufmerksamkeit erhielt. Bundesweit hat die Zahl der Todesfälle nach Misshandlungen 2015 um 20 Prozent auf 130 Kinder zugenommen. „Wir hatten auf sinkende Zahlen gehofft. Die Schutzmechanismen greifen noch nicht gut genug“, findet Rainer Rettinger.

In Essen gibt es seit 2008 eine Kinderschutz-Allianz, in der Polizei, Jugendamt, Kinderschutzbund, Staatsanwaltschaft, Rechtsmedizin, Kinderkliniken und Familiengericht eng zusammenarbeiten. Verdachtsfälle auf körperliche Kindermisshandlungen werden in der Uniklinik untersucht. Dort entstehen jährlich etwa 80 rechtsmedizinische Gutachten, auch zu Fällen aus Nachbarstädten.

Essen 2015: 549 Kinder aus Familien geholt

Der Essener Kinderschutzbund verwies erst im Juni auf die Zahl von 549 Kindern, die 2015 vor Gewalt, Verwahrlosung oder Missbrauch geschützt werden mussten und – teilweise vorübergehend — aus ihren Familien genommen wurden. Hinzu kommen 108 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die aufgenommen wurden. In Summe liegt der Wert 15 Prozent höher als 2014.

Bekannte Fälle in Essen  
Jahr Misshandlungen
2015 27
2014 27
2013 27
2012 29
2011 35
Quelle: LKA NRW  

„Dramatisch ist die Tendenz, dass sich Gewalt gegen immer jüngere Kinder richtet – auch im Säuglingsalter“, klagte Ulrich Spie, Vorsitzender des Essener Kinderschutzbundes. Neun Kinder, die 2015 körperlich misshandelt wurden, waren unter drei Jahre alt. Erfasst werden Fälle bis zum Alter von 14 Jahren.

Auch die Verfahren in Essen zur „Einschätzung der Gefährdung des Kinderwohls“ haben deutlich zugenommen: von 1191 (2014) auf 1572 (2015). Die Zunahme in NRW lag bei etwas mehr als einem Prozent lag, in Essen waren es 30 Prozent.

„Und das sind immer nur Fälle, die ans Licht kommen. Die Dunkelziffer ist deutlich höher“, warnt Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein. Jedes sechste Kind, so schätzen Experten, wird Opfer körperlicher Misshandlung. „Da muss man nur im Kindergarten durchzählen“, hebt Rettinger den Zeigefinger und betont: „Mehr Aufmerksamkeit und mehr Zivilcourage sind so wichtig. Lieber einen Schritt zu viel machen als keinen Schritt.“

Jugendamt Essen: „Wir sind auf Hinweise der Bürger angewiesen“ 

Drei Fragen zum Thema Kindesmissbrauch an Ulrich Engelen, den stellvertretenden Leiter des Essener Jugendamtes.

Gefährdung des Kindeswohls – was verstehen Sie darunter?

Ulrich Engelen: Insbesondere körperliche und seelische Misshandlungen, wobei letztere oft unterschätzt werden. Ein Kind in den Keller einsperren tut genauso weh wie Schläge. Hinzu kommen die körperliche und seelische Vernachlässigung, etwa wenn Kinder tage- und nächtelang allein gelassen werden, sowie der Missbrauch, besonders der sexuelle.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich ein Kind gefährdet sehe?

Engelen: Ansprechpartner ist der Allgemeine Sozialdienst des Jugendamtes, der in allen Stadtbezirken eine Außenstelle hat. Außerdem ist das Kinder- und Jugendtelefon – 26 50 50 – rund um die Uhr besetzt.

Viele haben Angst, ein Denunziant zu sein.

Engelen: Diese Sorge muss niemand haben. Im Gegenteil: Wir sind auf Hinweise von Erziehern, Lehrern, Nachbarn und Verwandten angewiesen. Nur so können wir Kinder schützen. Jeder Hinweis kann selbstverständlich anonym gegeben werden. (ni)

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