Polizei

Essen: Auf Bolzplatz verprügelt - Teenager schildert Attacke

Schwer verletzt wurde ein 17-Jähriger am 3. Januar 2020 ins Essener Huyssens-Stift gebracht. Der Jugendliche war auf einem Bolzplatz in Rüttenscheid brutal überfallen worden.

Schwer verletzt wurde ein 17-Jähriger am 3. Januar 2020 ins Essener Huyssens-Stift gebracht. Der Jugendliche war auf einem Bolzplatz in Rüttenscheid brutal überfallen worden.

Foto: vek / Funke

Essen.  Äußerst brutal schlug eine Gruppe Jugendlicher einen 17-Jährigen auf einem Bolzplatz in Rüttenscheid nieder. Hier berichtet er von der Attacke.

Zahllose unbekümmerte Stunden hat Alexander (Name geändert) auf dem Spiel- und Bolzplatz an der Isenbergstraße in Essen-Rüttenscheid verbracht: Als kleiner Junge saß er im Sandkasten oder auf der Schaukel, später verabredete er sich hier zum Kicken oder Tischtennis spielen. Nun wurde der beliebte Treffpunkt zum Tatort: Am 3. Januar wurde der 17-Jährige dort brutal zusammengeschlagen. Hier schildert Alexander die Attacke, von der er sagt: „Ich erlebe die Situation in meinem Kopf immer wieder.“

An jenem Freitagabend kurz nach dem Jahreswechsel spielte Alexander mit einem 13 Jahre alten Freund auf dem Bolzplatz an der Isenbergstraße/Ecke Corneliastraße Fußball. Gegen viertel nach sechs sei eine Gruppe von Jugendlichen aufgetaucht und habe sich am Spielfeldrand postiert. Sechs bis acht Jungs, 17 oder 18 Jahre alt, schätzt Alexander. „Sie trugen Jogginghosen und mein Freund dachte erst, dass sie mit uns kicken wollen.“

„Erst fragten sie nach unseren Namen, dann sagten sie: ,Verpisst Euch!’“

Auf ihn habe die Gruppe, die sie etwa zehn Minuten lang beobachtet habe, eher unfreundlich gewirkt: „Ich dachte, die wollen, dass wir abhauen, damit sie allein kicken oder auf dem Platz ungestört böllern können.“ Sorgen habe er sich nicht gemacht. „Mit 16, 17 gibt’s immer mal jemanden, der einen provozieren will. Auf dem Bolzplatz haben mich im Sommer mal zwei angetrunkene Jugendliche angepöbelt, aber die zogen auch wieder ab.“ Ein Einzelfall; eine Schlägerei oder einen Raub habe er dort nie erlebt. Schon als kleinerer Junge habe er sich dort auch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbekümmert bewegt, zumal die Ecke meist sehr belebt war.

Am 3. Januar hingegen kam niemand vorbei, als die Gruppe von Jugendlichen die beiden Fußball spielenden Jungs anging. Erst fragten die bloß, wie alt sie seien, wie sie hießen. „Wir antworteten ganz nett, und sie sagten: ,Verpisst Euch!’“, erzählt Alexander. Sofort hätten sie ihren Ball genommen und sich langsam zum Ausgang des Platzes bewegt. „Gegen so eine große Gruppe macht man ja nichts.“

Der erste Schlag kam aus dem Nichts und mit Wucht

Doch die Jugendlichen seien plötzlich hinter ihnen her gekommen, hätten sie in die Zange genommen und noch mal nach Namen und Alter gefragt. „Da hab’ ich immer noch gedacht, die wollen bloß den Harten markieren“, sagt Alexander. Arglos fragte er, warum sie das wissen wollten. „Und dann kam schon der Schlag.“ Aus dem Nichts und mit Wucht.

Er wisse nicht, ob er schon durch diesen ersten Schlag hinfiel, erinnere sich nur, dass mehrere der Jugendliche zuschlugen, als er am Boden lag. Erst jetzt verlangten sie sein Handy, riefen „schnell, schnell“. Alexander, der mühsam nach dem Telefon fingerte, sagte noch höflich „Entschuldigung.“ Als er irgendwann die Augen wieder geöffnet habe, seien die Jugendlichen verschwunden gewesen: „Und meine Jeans war voller Blut.“ Sein Blut.

Der Anblick ihres Sohnes sei gruselig gewesen: Die Nase krumm, das Auge zugeschwollen, die Zähne locker

Sein 13-Jähriger Freund war sofort zu den Großeltern gesprintet, die am Platz wohnen. Sie hatten Polizei und Krankenwagen alarmiert, riefen Alexander aus dem Fenster zu: „Komm zu uns.“ Der Jugendliche, der noch unter Schock stand, kaum Schmerz spürte, rappelte sich auf, lief in die Wohnung, wo bald darauf die Polizei eintraf, ihn zum ersten Mal befragte. Dann brachte ein Krankenwagen Alexander ins Huyssens-Stift.

Inzwischen war auch Alexanders Mutter informiert: „Komm schnell her, Deinem Sohn ist etwas passiert.“ Furchtbar sei dieser Anruf gewesen, furchtbar auch der Anblick ihres Sohnes im Krankenhaus: Ein Auge war zugeschwollen, die Nase krumm und verbogen, das Gesicht unnatürlich blass. „Es war gruselig.“ Auch sein Vater sei völlig fertig gewesen, zumal er zum Zeitpunkt des Überfalls in den Niederlanden war und seinen Sohn erst am Samstag besuchen konnte: „Er hat sich so hilflos gefühlt, als er das erfuhr.“

Die gebrochene Nase konnte erst drei Tage später operiert werden, weil die Ärzte warten mussten, bis die Schwellungen im Gesicht abgeklungen waren. Nun hat der Junge einen wuchtigen Gips im Gesicht, der auch verhindert dass er seine Brille tragen kann. Da sich seine Zähne durch die Schläge gelockert hatten, musste die obere Zahnreihe verdrahtet werden, acht bis zehn Tage lang kann er nur Brei essen. Er sei da ganz vorsichtig, schließlich sei seine kieferorthopädische Behandlung gerade erst abgeschlossen gewesen. Die viele Schokolade, die Mitschüler ins Krankenhaus gebracht haben, hebt er sich für später auf.

Auch die Polizei hat Alexander im Krankenhaus besucht. Er beschrieb noch mal den Vorfall und die mutmaßlichen Täter: eine Gruppe Afrodeutscher, etwa in seinem Alter, vielleicht etwas älter. Aus der Schule oder vom Sport habe er keinen von ihnen gekannt, sagt der Gymnasiast. Noch sind bei der Polizei, die den Vorfall bereits vermeldet hatte, keine Hinweise eingegangen. Dabei hofft Alexander sehr, „dass die Täter gefasst werden“. Dieser Tage soll er sich bei der Kripo Fotos von Jugendlichen ansehen, die als Täter in Frage kommen.

„Ich hoffe, dass ich jetzt nicht generell Angst habe“

Inzwischen ist Alexander aus dem Krankenhaus entlassen, bereitet sich auf die Rückkehr in die Schule vor – und auf die auf seinen Platz. „Ich hoffe, dass ich jetzt nicht generell Angst habe. Aber bei Dunkelheit werde ich da so schnell nicht wieder ‘rumlaufen.“ Seine Mutter hat vorsorglich einen Termin mit einem Traumatherapeuten vereinbart: „Es ist so schade: Alexander ist auf diesem Platz quasi aufgewachsen. Ich hatte auch nie Angst, wenn er sich dort abends verabredet hat.“ Diese Sorglosigkeit hat die Familie nun verloren.

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