Coronavirus

Essen: Alleinerziehende am Limit – Notbetreuung erweitern

Kinder, Haushalt und Homeoffice: In der fünften Woche ohne Kinderbetreuung liegen bei vielen Alleinerziehenden die Nerven blank.

Kinder, Haushalt und Homeoffice: In der fünften Woche ohne Kinderbetreuung liegen bei vielen Alleinerziehenden die Nerven blank.

Foto: Jochen Zick / action press

Essen.  In der fünften Woche ohne Kinderbetreuung geraten Alleinerziehende an ihr Limit. Ihr Verband fordert, die Notbetreuung für ihre Kinder zu öffnen.

Der Verband allein erziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV) in Essen fordert das Land auf, die Notbetreuung für Kinder unter zwölf Jahren zu erweitern. Neben all jenen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, sollte man das Angebot auch für erwerbstätige Alleinerziehende öffnen, sagt Nicola Stroop vom VAMV-Vorstand. „Bei vielen von ihnen ist die Belastungsgrenze überschritten, die steuern auf einen Zusammenbruch zu.“ Es handle sich übrigens um kein Minderheitenproblem: „20 Prozent der Eltern sind alleinerziehend.“

In der fünften Woche der Schul- und Kita-Schließung sei die Situation für alle Familien schwierig, lägen vielerorts die Nerven blank. „Aber Alleinerziehende stehen unter besonderem Druck, weil sie die Belastung mit niemandem teilen können.“ Für die meisten sei es auch keine Alternative auf Lohnersatzleistungen zurückzugreifen, weil 67 Prozent ihres normalen Gehaltes nicht ausreichten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Alleinerziehende sind schon unter normalen Bedingungen viel stärker von Armut bedroht. Nun könnten alle, die noch auf der Schwelle stehen, in die Armut abrutschen“, fürchtet Nicola Stroop.

Etwa zwei Drittel der Alleinerziehenden seien berufstätig, und viele von ihnen arbeiteten – anders als Mütter mit Partner – auch mit kleinen Kindern in Vollzeit oder vollzeitnah. „Die haben nur ein Familieneinkommen und ringen nun darum, das zu auch zu behalten.“ Weil es aber kaum möglich sei, acht Stunden Homeoffice und die Betreuung von Kleinkindern zu vereinbaren, seien viele Betroffene schon lange an der Kante, sagt Stroop. „Mütter fangen um fünf morgens an zu arbeiten, um schon etwas zu schaffen, bevor die Kinder aufwachen.“ Tagsüber seien sie zerrissen zwischen Arbeit und Kindern, so dass sie abends oft noch nacharbeiteten, um nachts kaputt ins Bett zu fallen. Es gebe keine noch so kleine Erholungsphase.

Ein Ventil für die Verzweiflung finden

Den Kindern könne man in einer solchen Situation naturgemäß auch kaum gerecht werden, die Frustration sei hoch. An der Krisen-Hotline, die der VAMV eingerichtet hat, meldeten sich zahlreiche Betroffene, bei denen die Nerven blank liegen. „Deren Leben ist schon in Normalzeiten so eng getaktet, dass nichts schief gehen darf, die sagen: ,Ich kann nicht mehr’“, berichtet Nicola Stroop. Als „Herzchen-Anrufe“ bezeichnet das Hotline-Team solche Telefonate, bei denen es auch darum gehe, ein Ventil für die Verzweiflung zu finden. Alleinerziehenden fehle eben oft auch ein Partner für Gespräche und Austausch.

Verschärft werde die Lage, weil die Betroffenen ihre Kinder vielerorts nicht mitnehmen dürften: „Die dürfen nicht mit, wenn die Mütter oder Väter zum Arzt gehen, und zuletzt erzählten viele, dass die Supermärkte die Kinder nicht mit ‘reinlassen wollten.“ Der VAMV habe bei großen Lebensmittelketten darauf hingewirkt, diese Praxis abzustellen.

Viele Alleinerziehende können die aktuelle Doppelbelastung nicht länger stemmen

Neben der psycho-sozialen Beratung liefere die Hotline auch Informationen und Ansprechpartner zu Fragen rund um Berufstätigkeit und Existenzsicherung. Hart treffe es etwa diejenigen, die gerade in der Probezeit sind oder in Zeitarbeit beschäftigt sind, aber gehofft hatten, in eine Festbeschäftigung wechseln zu können.

Es müsse auch im Sinne der Politik sein, dass möglichst viele Alleinerziehende ihre Arbeit behalten, betont Nicola Stroop. Da viele die aktuelle Doppelbelastung nicht länger stemmen könnten, müsse die Notbetreuung – wie von der Bundesregierung signalisiert – ausgeweitet werden. Die Kapazitäten seien durchaus vorhanden: In einigen Kitas und Grundschulen werde die Notbetreuung derzeit nur von wenigen Kindern besucht.

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