Senioren

Essen: 96-Jähriger drückt noch einmal die Schulbank

Mit seinen 96 Jahren lernt Heinz Ellrott noch Italienisch und hofft, dass er auch bald wieder reisen kann.

Mit seinen 96 Jahren lernt Heinz Ellrott noch Italienisch und hofft, dass er auch bald wieder reisen kann.

Foto: Fabian Vogel / FFS

Essen.  Der Essener Heinz Ellrott lernt mit 96 Jahren noch Italienisch. Er will Land und Leute besser kennenlernen. Reisepläne liegen in der Schublade.

Da lernt jemand Italienisch und spielt gern Klarinette. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches, meint Heinz Ellrott. Wäre da nicht sein Alter: Mit seinen 96 Jahren drückt er noch die Schulbank und macht Musik, ab und an sogar in einer Dixielandband. Das halte ihn einfach fit und mache Spaß, sagt der betagte Rüttenscheider und lacht. Seinen Humor hat er sich auch bewahrt.

Im Urlaub hat der Essener Italien kennen- und schätzen gelernt

Mit Wissensdurst allein dürfte sich wohl kaum erklären lassen, warum der Essener im Alter von 82 entschied, dass ihm „buon giorno“ und „grazie“ als Italienisch-Vokabeln nicht reichen. Mit seiner inzwischen verstorbenen Lebensgefährtin hatte er zu dem Zeitpunkt schon mehrfach Urlaub in Bella Italia verbracht, das Land kennen- und die Menschen lieben gelernt. Erzählt er von Rom , Apulien , Venedig , Ravenna und den vielen anderen Orten, die er bereits besucht hat, gerät er ins Schwärmen. Da der studierte Volkswirt aber nicht nur landschaftliche Schönheiten bewundern, sondern auch mehr über Leben, Land und Leute erfahren wollte, entschloss er sich zum Italienischkurs bei der Arbeiterwohlfahrt . Er habe sich vorher im Urlaub oft hilflos der fremden Sprache ausgeliefert gefühlt, erinnert er sich.

Wenn er seither in Italien zu Gast ist, spüre er noch einen anderen Effekt, mit dem er nicht gerechnet hätte: „Die Menschen sind überrascht und begeistert, wenn man mehr als nur ein paar Begrüßungsworte über die Lippen kriegt“. Es sei einfach klasse, sich mit ihnen in ihrer Sprache zu unterhalten.

Im Rentenalter hat der Essener noch ein Englischstudium begonnen

Dass nun durch Corona die Kurse und die Reisen auf Eis liegen, bedauert Ellrott. Der Wunsch, das Land seiner Träume wiederzusehen, muss derzeit warten. Die Lektüre, die seine aus Sizilien stammende Dozentin ausgesucht hat, will er bald wieder zur Hand nehmen. Derzeit kauft er sich italienische Zeitungen, um nicht aus der Übung zu kommen.

Als Sprachtalent würde sich Ellrott wohl selbst nicht bezeichnen, erzählt allerdings, dass er mit Beginn des Rentnerdaseins noch ein Englisch-Studium begonnen habe. Auf die Zeit beim RWI, dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung , für das er viele Jahrzehnte als Referent tätig war, folgten die Fächer Anglistik und Philosophie. Damals, wir schreiben das Jahr 1987, sei er der einzige Ältere unter all den Jüngeren gewesen, blickt der Rüttenscheider zurück. Offensichtlich scheine aber der Altersunterschied nicht aufgefallen zu sein, sagt der zweifache Vater und Opa mit einem Schmunzeln. Am Ende des Studiums, da war er 71, habe man ihm sogar eine Dozentenstelle für Englisch angeboten: „Die haben mein Geburtsjahr übersehen“, meint er.

Als Pensionär erlernte Heinz Ellrott das Klarinettenspiel

In jener Zeit besann er sich auf seine Jugendzeit: Auf dem Gymnasium in Potsdam „hatten wir einen recht fortschrittlichen Musiklehrer“. Der brachte Schüler wie Heinz Ellrott dazu, das Klarinettenspiel zu erlernen. Doch in den Jahrzehnten, als Beruf und Familie die Hauptrollen übernahmen, geriet sein Faible in Vergessenheit. Als Pensionär war dann die Stunde gekommen, um ein Musikgeschäft aufzusuchen und sich das begehrte Instrument zuzulegen.

Über seinen früheren Arbeitgeber hatte er Kontakt zu Dixieland-Musikern. Ihnen schloss er sich, sie gründeten später mit weiteren Kollegen eine Combo, die den schlichten Titel „RWI-Band“ trug und seither einen geschliffenen Jazz auf die Bühne bringt. Für sie arrangiert er gern Stücke nach Vorlagen der Jazz-Legende Louis Armstrong . Während er sich um passende Kompositionen kümmert, will er auf keinen Fall das Klarinettenspiel hintanstellen. Bei den Instrumenten verhalte es sich wie mit der Fremdsprache: Man müsse üben und immer wieder üben. Im Fall der Klarinette komme es etwa darauf an, den Einsatz von Lippe und Lunge dauerhaft zu trainieren.

Essener hofft, bald wieder nach Italien reisen zu können

In der fünfköpfigen Band macht ihm den Ältesten-Titel keiner streitig, die meisten Musiker sind Mitte 50. Er fühle sich dort pudelwohl und wünsche sich nur, dass bald wieder Auftritte möglich sein könnten: Vor Publikum zu spielen, sei doch das Lebenselixier einer Band. Auch seine Kollegen vermissten bei allem Verständnis für den Gesundheitsschutz schon sehr, dass auch Rüttenscheid derzeit keine Bühne biete.

Da Heinz Ellrott in seinem Leben gelernt hat, locker zu bleiben, wirkt er auch bei solchen Sätzen nicht verkniffen. Er greift lieber zur Klarinette oder zu einem italienischen Journal – und schon stimmt die Stimmung wieder. Wenn Reisen wieder erlaubt sein wird, will der Essener die Chance nicht verpassen. Zumal er auf die Gastfreundschaft der Italiener zählt. „Wie oft bin ich schon auf ein Glas Wein eingeladen worden, wenn sie merkten, dass ich ihre Sprache spreche.“ Und auf eines freut er sich nach dem Ende des Lockdowns besonders: Einmal in der Woche wieder tanzen gehen können. Bis zum Ausbruch der Pandemie lud dazu die Gaststätte Uhlenkrug ein.

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