Kirche

Essen: 1100 Unterschriften für nächtlichen Glockenschlag

Neben der Kirche Herz Jesu in Burgaltendorf stehen die Neubauten mit den Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Neben der Kirche Herz Jesu in Burgaltendorf stehen die Neubauten mit den Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Foto: Olaf Ziegler / FUNKE Foto Services

Essen-Burgaltendorf.  Das Abschalten des nächtlichen Glockenschlags beschäftigt die Burgaltendorfer weiter. Der Pastor hat einen emotionalen Brief geschrieben.

Der Diskussion um das Abstellen des nächtlichen Glockenläutens in Essen-Burgaltendorf folgte nun die Übergabe der Listen mit Unterschriften: „Mehr als 1100 Burgaltendorfer haben unterzeichnet, damit der Stundenschlag auch wieder zwischen 23 und 6 Uhr ertönt“, sagt Initiatorin Reinhild von der Gathen. Das Abschalten erfolgte, da direkte Nachbarn wegen ihrer Nachtruhe darum gebeten hatten. Nun wird sich der Gemeinderat erneut mit dem Thema befassen.

Reinhild von der Gathen hatte die Unterschriften-Aktion gestartet, da sie nicht nur, wie viele in ihrem Stadtteil, den Wegfall der langen Tradition beklagt, sondern auch fehlende Gespräche kritisierte: „So eine brisante Entscheidung hätten die Verantwortlichen zuvor auch den Gemeindemitgliedern gegenüber besser kommunizieren müssen.“ Dann hätte man sich die derzeitige Situation ersparen können, ist die Burgaltendorferin überzeugt.

Art und Weise der Reaktionen überraschte Pastor

Zu der angespannten Lage zählen Erstaunen und Empörung darüber, dass das jahrzehntelange Geläut aufgrund einer Bitte von zwei neuen Anwohnern abgeschaltet wurde. Viele können nicht nachvollziehen, warum die Nachbarn erst neben eine Kirche gezogen seien, um sich dann über die Lautstärke des Stundenschlags zu wundern. Ihnen entgegnet Pastor Hans-Ulrich Neikes: „Es macht doch offenbar einen Unterschied, ob ich weiß, dass neben meinem Haus Kirchenglocken auch nachts läuten oder ob ich das direkt erlebe.“

Den Pastor selbst habe nicht gewundert, dass so viele an der Tradition des nächtlichen Glockengeläutes hängen. „Überrascht hat mich aber die Art und Weise der Reaktionen“, sagt Neikes und meint manche Kommentare in den sozialen Medien wie Facebook. Er selbst habe daher klarstellen wollen, dass hinter dem Abschalten eine Bitte mit dem Hinweis auf gesundheitliche Gründe und mitnichten eine Forderung der Nachbarn gestanden habe, wie es im Stadtteil und in den sozialen Medien mitunter geheißen habe.

Abwägen zwischen Tradition und Gesundheit

Nach einem höflichen Brief habe der Gemeinderat abgewogen zwischen der Tradition des Stundenschlags und der Situation der belasteten Anwohner. Am Ende dieser Versammlung stand eine Mehrheit für das Abschalten des nächtlichen Geläutes – „eine demokratische Entscheidung“, von der der Pastor den Eindruck hatte, die Gemeinde würde sie mittragen.

Zu der angeblich fehlenden Kommunikation sagt Neikes, es habe vor dem aktuellen Beschluss durchaus öffentliche Sitzungen des Gemeinderates gegeben. Zweimal sei es dabei auch um den nächtlichen Glockenschlag gegangen: „Es war doch bekannt, dass das Thema auf dem Tisch ist“, meint Hans-Ulrich Neikes, der sich – nachdem die rege Debatte losbrach – in einem emotionalen Brief und auch in der Messe direkt an die Gläubigen wandte.

Zuständige von Herz Jesu empfahlen, „die Gemeinde mitzunehmen“

Zuständige der Kirchengemeinde hatten bereits nach einer Sitzung des Gemeinderates in ihrer Niederschrift formuliert: „Um die Emotionen nicht hochkochen zu lassen und die Gemeinde bei einer Empfehlung mitzunehmen, wäre es wichtig, die letztendlich getroffene Entscheidung zu erklären, beispielsweise im Rahmen einer kleinen Versammlung nach dem Gottesdienst.“

Pastor Neikes betont in seiner persönlichen Stellungnahme, dass Vertreter des Gemeinderates einen Hausbesuch gemacht hätten, um sich einen Eindruck von der Situation zu machen. Am Ende des Entscheidungsprozesses, bei dem sich alle Beteiligten viel Mühe gegeben hätten, habe man auf das Wohl der Menschen achten wollen.

Bitte um Rücknahme der Unterschriften

Zum Abschluss seiner Stellungnahme formulierte Neikes noch vor Weihnachten einen „verwegenen Vorschlag“, wie er es selbst nennt: „Bestimmt hat der eine oder andere seine Unterschrift schon gegeben, weil er von anderen Voraussetzungen ausgegangen ist. Wir stehen vor dem Fest des Friedens – vielleicht haben Sie den Mut und die Kraft, Ihre Unterschrift dort wieder zu streichen“. Tatsächlich sollen einzelne ihre Namen daraufhin wieder gestrichen haben.

Nicht jeder aber mag dieses Vorgehen so akzeptieren: Wenn den neuen Anwohnern die Bitte nach der Nachtruhe zugestanden und die Entscheidung des Gemeinderates mit einem demokratischen Prozess begründet werde, müsse man auch die Meinung derjenigen respektieren, sich für den Glockenschlag einzusetzen. Bei aller Rücksicht auf zwei Nachbarn, gebe es eben auch mehr als 1100 Burgaltendorfer mit dem Wunsch nach der Tradition.

Gemeinde besser in Vorgänge und Entscheidungen einbinden

„Der Kirche vor Augen zu halten, wie viele Menschen gegen die Entscheidung sind“, war daher ein Ansinnen, das Reinhild von der Gathen zur Unterschriftenaktion bewegte. Dass sich an dem getroffenen Beschluss etwas ändert, das glaubt sie kaum. Sie ist aber überzeugt davon, dass viele erst gar nicht unterschrieben hätten, wenn man vorher mit ihnen gesprochen hätte. Und bei solchen Vorgängen reiche ein Aushang im Glaskasten nicht aus: „Eine Gemeinde muss viel besser eingebunden werden.“

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