Diesel-Fahrverbote

„Es ist Panikmache, von Tausenden Abgas-Toten zu sprechen“

Statistik-Professor Walter Krämer fühlt seit vielen Jahren statistik-basierten politischen Debatten auf den Zahn. Die um den Diesel sei besonders absurd.

Statistik-Professor Walter Krämer fühlt seit vielen Jahren statistik-basierten politischen Debatten auf den Zahn. Die um den Diesel sei besonders absurd.

Foto: Uni Dortmund

Essen.  Auch in Essen drohen Diesel-Verbote. Statistik-Professor Walter Krämer über unseriöse Studien, willkürliche Grenzwerte und ideologische Kämpfe.

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Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer ist seit vielen Jahren ein Streiter gegen die unsachgemäße, ideologisch geprägte Verwendung von Statistiken, wobei er neben Politik, Medien und Lobbygruppen auch interessegeleitete Wissenschaftler angreift. Besonders erbost ihn die derzeitige Debatte über fiktive Tote aufgrund von Diesel-Abgasen, die auch in Essen dazu führt, dass Fahrverbote bald möglich erscheinen.

Herr Krämer, es heißt, durch Stickoxid aus Dieselfahrzeugen stürben jährlich 13 000 Menschen vorzeitig, sogar das Umweltbundesamt zählt bis zu 8000 Tote. Was ist von solchen Zahlen zu halten?

Nichts. Das sind Spekulationen, in hohem Maße unseriös und statistisch grober Unfug. Was wir statistisch wissen ist, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden und die Luftqualität sich stetig verbessert. Auch die Stickoxidbelastung geht seit langem zurück.

Wie erklärt sich dann die derzeitige Angst vor den Diesel-Emissionen?

Sie kennen das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, die auf einer Fülle von Matratzen und Decken liegt und dann eine harte Erbse glaubt zu spüren. An genau diesem Syndrom leiden wir in Deutschland. Es ist bei der Luftreinhaltung in diesem Land sehr viel erreicht worden in den letzten Jahrzehnten. Warum wir meinen, mit einem Milliardenaufwand und mittels Kapitalvernichtung riesigen Ausmaßes eine statistisch für die Gesundheit der Menschen irrelevante Größe an Schadstoffen eliminieren zu müssen, lässt sich nur mit dem Wirken von Interessengruppen erklären.

Aber Studien scheinen doch die Gefahren zu belegen.

Viele Studien aus dem Umweltbereich sind statistisch fehlerhaft. Beispielweise wird versucht nachzuweisen, dass Menschen, die an Hauptverkehrsstraßen leben, früher sterben als solche in Reinluftgebieten. Doch selbst wenn dieser Nachweis auf breiter Front gelänge – was bisher nicht geschah –, wäre es unredlich, dies umstandslos dem Diesel anzuhängen.

Aha. Und warum?

Das Leben auf dem Land und in der Stadt wie auch das Leben in gehobenen und eher einfachen Wohnvierteln unterscheidet sich aus einer Fülle von Gründen, die alle gesundheitsrelevant sein können. Die Belastung durch Diesel-Abgase ist da nur ein Faktor unter vielen, mit Verkehr haben viele Faktoren gar nichts zu tun. Denken Sie nur an den auch milieubedingten Einfluss der persönlichen Lebensführung, die sehr stark für Gesundheitsprobleme und frühen Tod verantwortlich ist. In manchen dieser Studien wird nicht mal gefragt, ob sich unter der zu beobachtenden Gruppe überdurchschnittlich viele Raucher befinden, obwohl das Rauchen alle anderen Umwelteinflüsse weit überlagert. Mit anderen Worten: Wer Stickoxide für Tausende Tote pro Jahr verantwortlich macht, betreibt nichts anderes als Panikmache.

Was ist von den Grenzwerten zu halten, die Basis sind für die EU-Gesetzgebung und in der Folge dann für Gerichtsurteile und Verbote?

Wie beliebig und unwissenschaftlich diese Grenzwerte sind, kann man schon daran erkennen, dass auf der Straße nur 40 Mikrogramm Stickoxid erlaubt sind, an vielen Industriearbeitsplätzen aber 950 Mikrogramm und selbst in Büros noch 60 Mikrogramm. Und das obwohl man sich dort – anders als neben der Messstelle an der Hauptverkehrsstraße – in der Regel acht Stunden fast ununterbrochen aufhält. Und der Arbeitsschutz in Deutschland ist ja keineswegs lax.

Was schließen Sie daraus?

Wir haben es bei den 40 Mikrogramm mit einem rein politischen Grenzwert zu tun, der eine ideologische Stoßrichtung hat, nämlich den Autoverkehr aus den Städten zu verbannen. Leider ist die Medienbranche an dieser Vernebelung nicht unschuldig, weil viele Journalisten weder Studien noch die Interessenlage so genannter Experten kritisch hinterfragen. Und auch Richter machen sich zu wenig Gedanken, ob die Zahlen, auf deren Grundlage sie urteilen, willkürlich zustande gekommen sind.

Nun kann man sagen, dass ohne Druck sich im Umweltbereich nie etwas verbessert hätte. Hat die Hysterie, von der Sie sprechen, nicht also doch einen Sinn?

Politischer Druck hat zweifellos seine Berechtigung und hat dann sein Gutes, wenn der Aufwand von Änderungen und der Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Genau das ist derzeit nicht der Fall. Der Aufwand, den wir beim Thema Diesel-Verbot betreiben, bringt kein messbares Mehr an Gesundheit und Lebenszeit.

Frank Stenglein

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