Bevölkerungszahl

Einwohner-Plus flaut ab: War’s das mit der wachsenden Stadt?

Essen – wachsende Stadt? Das könnte sich mit dem Ende des Flüchtlings-Zuzugs erledigt haben. Nach sieben Jahren jedenfalls hat sich das Einwohner-Plus inzwischen deutlich abgeschwächt.

Essen – wachsende Stadt? Das könnte sich mit dem Ende des Flüchtlings-Zuzugs erledigt haben. Nach sieben Jahren jedenfalls hat sich das Einwohner-Plus inzwischen deutlich abgeschwächt.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Zum Jahresende zählten die städtischen Statistiker 590.611 Einwohner und damit 56 weniger als am Ende des Vor-Quartals. Delle oder Trendwende?

Auf dem Balkendiagramm, das die städtischen Statistiker in diesen Tagen herumschicken, ist noch alles im grünen Bereich: Grün für wachsende Einwohnerzahlen, das siebte Jahr in Folge, wo zuvor 21 blaue Verlustjahre zu beklagen waren. Doch der stolze Verweis auf 590.611 Menschen, die am Jahresende zwischen Karnap und Kettwig ihren Hauptwohnsitz hatten, täuscht. Denn nie war der Zuwachs zum Vorjahr geringer, und verglichen mit dem Ende des Vor-Quartals ging die Zahl der Einwohner sogar um 56 zurück. War’s das also mit der „wachsenden Stadt“?

Barbara Erbslöh, die Leiterin des städtischen Amtes für Statistik, Stadtforschung und Wahlen, mag sich noch nicht festlegen. Der Grund: Die Betriebsferien der Stadtverwaltung fielen durch die „arbeitnehmerfreundliche“ Lage mit zehn Tagen besonders lang aus. Geburten und Sterbefälle, Zu- wie auch Wegzüge werden damit erst verspätet verbucht und könnten das Bild deshalb noch einmal korrigieren.

Gruppe der Syrer liegt mittlerweile auf dem dritten Platz

Dennoch: Das Wachstum zum Vorjahr habe sich mit gerade mal 417 Personen „deutlich abgeschwächt“. Auf diesem Niveau würde es noch viele Jahre dauern, bis Essen – am Ende der 1960er Jahre Großstadt mit über 750.000 Einwohnern – wenigstens wieder die 600.000er-Marke hinter sich lässt.

Zugleich wird bei einem vertieften Blick auf die Statistik deutlich, dass die Stadt ihr Bevölkerungswachstums auch und vor allem dem Zuzug tausender Flüchtlinge zuzuschreiben hat, die hier eine neue Heimat fanden: allen voran syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, die mit 12.343 Personen nach Türken (23.533) und Polen (20.698) inzwischen die drittgrößte Gruppe nichtdeutscher Einwohner in der Stadt stellen.

Jeder vierte Essener hat eine Zuwanderungsgeschichte

Überhaupt hat sich der Ausländeranteilanteil in Essen spürbar erhöht: Die Stadt-Statistiker vergleichen die Zahlen von Ende 2018 mit dem letzten Schrumpfungs-Jahr 2011. Danach sank der Anteil der Einwohner mit ausschließlich deutscher Staatsangehörigkeit um knapp 30.000 auf 434.044 – das sind nun 73,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Doppelstaatler erhöhte sich auf rund 60.000, das ist fast jeder zehnte Essener. Und am stärksten wuchs die Zahl der Menschen mit ausschließlich nichtdeutscher Staatsangehörigkeit: Jeder sechste in der Stadt zählt dazu, exakt 96.890 Personen zum Jahresende.

Wie sich die Essener Stadtbevölkerung in den kommenden Jahren entwickeln wird? Für Chef-Statistikerin Barbara Erbslöh gleicht die Antwort auf diese Frage einem Blick in die Glaskugel. Es komme eben darauf an, welche Annahmen man zugrunde legt: Absehbar ist bereits, dass die Geburtenzahl in den kommenden Jahren weit unter der Zahl der Sterbefälle bleibt. Wachsende Stadt bliebe Essen also nur für den Fall, dass es einen Zuwanderungsgewinn gibt, also mehr Menschen nach Essen ziehen als raus aus dieser Stadt.

Neue Bevölkerungsprognose bis 2030 geplant

Doch weil eine Stadt Zahlen für ihre Planung braucht, will sich das Statistik-Amt in diesem Jahr an einer vorsichtigen Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2030 versuchen. Weiter zu schauen sei „von folgenloser Richtigkeit“, sagt Erbslöh, die sich an halbwegs verlässlichen Annahmen entlanghangeln will. Das könnte hinhauen, „es sei denn, die Weltgeschichte verläuft völlig anders.

Hatten wir ja schon mal.

>>>ESSEN WIRD BUNTER – VOR ALLEM BEI MINDERJÄHRIGEN

Vor allem bei den jüngeren Menschen wächst die Zahl der Menschen mit doppelter oder ausschließlich nichtdeutscher Staatsangehörigkeit.

So machen die beiden Gruppen zusammengenommen in der Altersklasse von 18 bis 44 Jahren inzwischen einen Anteil von 36 Prozent aus.

Noch größer fällt der Anteil bei Minderjährigen aus: 24 Prozent habe eine doppelte, 18 Prozent eine ausschließlich nichtdeutsche Staatsangehörigkeit.

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