Sozialkaufhaus

Ein Kaufhaus für den kleinen Euro in Essen-Katernberg

Mitarbeiterin Svenja Kern dekoriert den Tisch mit den weihnachtlichen Artikeln.

Mitarbeiterin Svenja Kern dekoriert den Tisch mit den weihnachtlichen Artikeln.

Foto: Christof Köpsel

Essen-Katernberg.   Von einem gewöhnlichen Kaufhaus unterscheiden das Geschäft von Yvonne Schmitz die niedrigen Preise. Das Prinzip eines Sozialkaufhauses.

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Ein Eckhaus in Katernberg. Beim Betreten des Ladenlokals fällt sofort die Figur mit dem festlich-weißen Kleid links neben dem Eingang auf. Ein Geschäft für Brautmoden? Mitnichten. Lässt man den Blick schweifen, wird schnell klar, dass es hier auf 800 Quadratmetern (fast) alles zu kaufen gibt. Von Schuhen bis Porzellan, von Büchern bis Möbel, von Kühlschränken bis Werkzeug. Sogar fünf Rollatoren warten in dem Gang zwischen den Betten auf neue Besitzer. Wer sich fit halten will, kann eines der beiden Ergometer kaufen. Alles für wenig Geld. Alles gebraucht. „Die Kunden sorgen für das Sortiment“, sagt Yvonne Schmitz. Die 41-jährige gebürtige Essenerin führt seit 2015 ein „Sozialkaufhaus für jedermann“. Zunächst an der Stauderstraße. Seit sieben Monaten an der Ückendorfer Straße 53.

Sozialkaufhäuser im Internet gefunden

„Ich sagte mir, da muss es noch mehr geben“, erinnert sich Yvonne Schmitz daran, wie mit dem Sozialkaufhaus alles begann. Sie selbst hat einen guten Job als Web-Designerin, als sie 2013 die Diagnose Multiple Sklerose bekommt. Ihr Arbeitgeber hilft, wo es nur geht, bietet ihr an, zuhause arbeiten zu können. „Es war eine Phase, in der ich mein Leben überdachte“, sagt die Geschäftsfrau. Es ist ihr wichtig, selbstständig zu arbeiten. „Und einen sozialen Ansatz hatte ich schon immer.“ Auf die Sozialkaufhäuser stößt sie im Internet.

Kaufhäuser, in denen Menschen für einen „kleinen Euro“ einkaufen können, gibt es schon länger. Auch in Essen. Von der Diakonie oder Caritas zum Beispiel. „Aber wir machen das ohne Fördermittel“, betont Yvonne Schmitz. Wir, das sind sie und nicht einmal eine Hand voll Mitarbeiter. Sie rücken auf Anruf aus und räumen Wohnungen. Yvonne Schmitz erledigt, wenn sie nicht gerade unterwegs ist, den kompletten Papierkram, kalkuliert die Preise.

Bedürftigkeit müssen die Kunden nicht nachweisen

Bedürftigkeit müssen die Kunden nicht nachweisen. „Das ist auch gut so, weil einige sich wahrscheinlich schämen würden“, sagt die Inhaberin. „Außerdem stellt sich die Frage, wo man eine Grenze zieht.“ Jedermann, so wie es über der Tür stehe, dürfe hier einkaufen. Dass der eine oder andere vielleicht ein Schnäppchen mache, das er auf dem Flohmarkt weiterverkaufe, müsse sie in Kauf nehmen. „Es kommen aber viel mehr alte Menschen, von denen die meisten nur ein wenig mehr als die Grundsicherung haben“, erzählt Schmitz. Einige kämen auch, nur um ein Gespräch zu führen.

Den Schritt in die Selbstständigkeit bereut Yvonne Schmitz nicht, auch wenn sie sagt: „Reich werde ich damit nicht. Wir jonglieren jeden Monat, damit am Ende die schwarze Null steht. Wenn etwas übrig bleibt, ist es schön.“ Franchisegebühren und Ladenmiete müssen ebenso beglichen werden wie private Kosten. „Aber so eine Sache braucht ihre Anlaufzeit.“

Sozialkaufhaus organisiert auch Umzüge

Dass die schwarze Null meistens am Ende des Monats steht, liegt daran, dass das Sozialkaufhaus nicht nur Haushalte auflöst und die Gegenstände danach verkauft, sondern auch Umzüge organisiert. Meist werden die Kunden dabei nur unterstützt, „was sich natürlich im Preis niederschlägt“.

Zur sozialen Seite gehört für Yvonne Schmitz auch, dass sie versucht, Langzeitarbeitslose zu beschäftigen. Das – so räumt die 41-Jährige ein – sei bisher aber nicht immer reibungslos und erfolgreich verlaufen. Sie müsse sich auf die Menschen verlassen können. Das sei nicht immer der Fall gewesen. Yvonne Schmitz hofft dennoch, bis spätestens Sommer 2018 einen weiteren Fahrer zu finden.

>>> 14 Help2007-Sozialkaufhäuser in Deutschland

Der Verein Help2007 e.V. wurde in Magdeburg mit dem Ziel gegründet, die wachsende Kinder-und Altersarmut zu bekämpfen. Mittlerweile hat Help seine Ziele dahingehend erweitert, versicherungspflichtige Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose zu realisieren.

Neben Essen gibt es 13 Help2007-Sozialkaufhäuser u.a. in Bochum, Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Mülheim und Oberhausen.

Kontakt: Tel. 83017900 oder www.facebook.com/Help2007Essen

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