Kommentar

Ein Freiluft-Massenkonzert wird nie ohne Restrisiko ablaufen

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Hätte das Konzert am Essener Baldeneysee wegen des drohenden Gewitters abgesagt werden müssen. Im Nachhinein ja. Aber was besagt das schon?

Darf ein Veranstalter oder Geländebesitzer ein Freiluft-Konzert durchziehen, wenn der Wetterdienst frühzeitig ein starkes Gewitter ansagt? Im Nachhinein sind wir immer alle superschlau, aber eines liegt auf der Hand: Jeder konnte wissen, dass das Restrisiko, das solchen Veranstaltungen ohnehin innewohnt, in diesem Fall weiter wächst.

Warum die Bühnentechnik so dramatisch versagte, muss untersucht werden

„Jeder“ heißt: Auch jedem Besucher musste klar sein, dass ein Gewitter unter freiem Himmel nichts angenehmes ist. Zu ändern war eh nichts mehr, als die Blitze zuckten, denn wie und wo hätten sich 20.000 Leute in kurzer Zeit unterstellen sollen? Als die eigentliche Gefahr erwiesen sich dann unerwartet Teile des Bühnen-Equipments, die unter einer Windböe in die Knie gingen. Keine Frage: Warum die Technik derart dramatisch versagte, muss genau untersucht werden. Wahrscheinlich wird am Ende stehen: Es ist passiert, obwohl es nie hätte passieren dürfen.

Kann man als Veranstalter überhaupt etwas richtig machen in einer so schwierigen Situation? In der Haut von Seaside-Beach-Betreiber Holger Walterscheid möchte man nicht gesteckt haben, als es am Samstag in den entscheidenden Minuten vor dem Gewitter darum ging, vielleicht doch abzubrechen.

Hätte er es getan und es wäre dann außer einer kollektiven warmen Regendusche und ein bisschen Donnergrollen nichts passiert, wären Tausende Fans bitter enttäuscht gewesen. Walterscheid hätte fetten finanziellen Verlust produziert und wäre als Depp des Jahres verspottet worden. Er entschied anders, und nun ist er für manche ein gieriger Lump, der über Leichen geht. Ein Zerrbild.

Die Räumung gelang ohne Panik, was nicht selbstverständlich war

Trotz der Verletzten verlief das Unglück noch halbwegs glimpflich, aus vielen Gründen verbieten sich Vergleiche mit der Loveparade. Es gab kein Chaos, die Versorgung der Verletzten erfolgte professionell und gemessen an den Umständen sehr schnell. Die Räumung gelang ohne Panik, was nicht selbstverständlich war. Denn das Gelände ist zwar keine Falle, aber eben auch keineswegs beliebig nach allen Seiten offen.

Es bleibt die nüchterne Erkenntnis: Veranstaltungen wie die Massenkonzerte am Baldeneysee werden niemals vollkommen sicher sein. Sie sind berauschend schön, wenn alles gut geht, was zum Glück die Regel ist – und ein Horror, wenn der absolute Ausnahmefall eintritt. Diesen Umstand muss man ertragen können, alles andere ist eine Illusion.

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