WAZ-Mobil

Ein Essener Stadtteil ringt mit dem Asylheim

Vor dem Asylheim in der früheren Walter-Pleitgen-Schule gab es schon lautstarke Proteste. Aber es gibt hier auch viele Anwohner, die die Flüchtlingsfamilien dort betreuen.

Vor dem Asylheim in der früheren Walter-Pleitgen-Schule gab es schon lautstarke Proteste. Aber es gibt hier auch viele Anwohner, die die Flüchtlingsfamilien dort betreuen.

Foto: WAZ Fotopool

Essen.  Bis heute hadern einige Frintroper mit dem Asylheim, andere betreuen die Flüchtlingsfamilien dort. Am WAZ-Mobil diskutierten jetzt beide Fraktionen.

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Hitzige Diskussionen bei kühlen Temperaturen gab es Donnerstagvormittag am WAZ-Mobil auf dem Frintroper Markt: Das stadtweit diskutierte Thema Flüchtlinge und ihre Unterbringung berührt die Menschen im Stadtteil hautnah.

Denn die unweit des Marktes gelegene Walter-Pleitgen-Schule wird seit anderthalb Jahren als Asylheim genutzt. Was als kurzer Notbehelf gedacht war, wurde jüngst wegen steigender Flüchtlingszahlen verlängert. Einige Anwohner mögen das nicht akzeptieren: „Stadt Essen hintergeht Frintroper Bürger“, steht auf dem Transparent, das sie auf dem Marktplatz entrollen. Es ist der Slogan, unter dem sie sich im Jahr 2013 zusammenschlossen – und es ist das Gefühl, das sie eint.

Sozialamtsleiter Hartmut Peltz, der sich dem Unmut der Bürger stellt, wirbt mit Zahlen um Verständnis: Mit gut 300 000 weiteren Flüchtlingen müsse Deutschland in diesem Jahr rechnen, deutlich mehr als noch kürzlich angenommen. Essen werden demnach 1920 Asylbewerber zugewiesen. Rechne man die heraus, die das Land wieder verlassen oder in Wohnungen umziehen, fehlten noch 750 Plätze in städtischen Heimen. Als ersten Schritt habe man daher beschlossen, die sechs Behelfseinrichtungen länger zu erhalten „und ihre Kapazitäten auszureizen“.

Das hatte nicht nur bei Gegnern der Heime zu Protest geführt, sondern auch bei Ehrenamtlichen: Spiel- und Gemeinschaftsräume dürften nicht Schlafplätzen geopfert werden, forderten sie. „Da waren wir übers Ziel hinausgeschossen“, sagt Peltz selbstkritisch. „Die Räume bleiben.“ Und das Heim in Frintrop wird gar nicht erweitert; es bleibt bei gut 120 Bewohnern.

Anwohner fordern Recht auf Ruhe

Die Hälfte von ihnen habe kürzlich mit Anwohnern im Zentrum „Friz“ gekocht, ein bewegendes Ereignis, sagt Wilfried Küpper vom Runden Tisch. Doch Reinhold Wilting kann er nicht überzeugen: „Warum sollen wir Leute bespaßen, die eh abgeschoben werden.“ Wilting, dessen Wortwahl mitunter heikel ist, stört sich an der Vielzahl von Flüchtlingen aus jenen Balkanländern, die als „sichere Herkunftsstaaten“ eingestuft sind. Dass sie quasi keine Bleibe-Perspektive haben, bestätigt Hartmut Peltz; Wiltings Schlussfolgerung weist er zurück: „Ein Recht auf menschenwürdigen Umgang und Prüfung ihres Asylantrags haben auch sie!“

Ein Recht auf Ruhe fordern einige Anwohner und berichten von nächtlichem Lärm und Belästigungen. Werner Becker hält dagegen, ihm seien die Flüchtlinge nie negativ aufgefallen: „Wir sollten sie mit Liebe aufnehmen, sie haben ihre Heimat verloren.“ Ridda Martini von der Firma European Homecare, die alle städtischen Behelfseinrichtungen betreut, räumt ein, dass es mal laut werde. Doch bisweilen fungierten die Flüchtlinge bloß als Sündenbock: „Einmal kam die Polizei wegen Lärms ins Asylheim – dabei war’s eine Party nebenan.“

Standorte für Asylheime auszuwählen, sei eine „herausfordernde Situation“ für die Stadt, sagt Peltz. Eine, der sich der Rat am Mittwoch wieder stellen muss, wenn er über neue Unterkünfte entscheidet.

Am WAZ-Mobil in Frintrop zeigt sich exemplarisch, wie herausfordernd die Situation auch vor Ort ist: Denn aufgebrachte und verständnisvolle Anwohner wohnen hier Tür an Tür, sind oft per Du.

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