Theaterpremiere

Ein Bestseller auf der Bühne: Die wilde WG-Zeit im Auerhaus

Alle an einem Topf: Höppner (Stefan Migge), Pauline (Henriette Hölzel), Frieder (Philipp Noack) und Vera (Silvia Weiskopf) üben den Alltag im „Auerhaus“ - am Schauspiel Essen.

Alle an einem Topf: Höppner (Stefan Migge), Pauline (Henriette Hölzel), Frieder (Philipp Noack) und Vera (Silvia Weiskopf) üben den Alltag im „Auerhaus“ - am Schauspiel Essen.

Foto: Martin Kaufhold

Essen.  Vom Bestseller zum Bühnenerfolg: Karsten Dahlem inszeniert Bov Bjergs Roman als zeitloses Stück über Freundschaft und die Freiheit der Jugend.

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Der Start der neuen Spielzeit im Schauspiel Essen wirkt in diesem Jahr fast wie ein Vorgeschmack auf das startende Lesefest Lit.Ruhr: Erfolge der Gegenwartsliteratur werden gleich im Doppel bühnentauglich gemacht. Nach Hermann Schmidt-Rahmers etwas angestrengtem Versuch, Robert Menasses großen Europa-Roman „Die Hauptstadt“ auf die Bühne zu bringen, legt Regisseur Karsten Dahlem mit der Bühnenadaption von Bov Bjergs Jugendroman „Auerhaus“ nach. Der 2015 erschienene Roman schickt sich an, eine ähnlich steile Karriere wie „Tschick“ zu machen: vom Bestseller zum bundesweiten Bühnenerfolg. Dahlem arbeitet mit einem bestens aufgelegten Ensemble mühelos heraus, was diese tragikomische Erzählung einer Jugend aus den 1980ern so bewegend und zeitlos macht.

Schließlich ist die Hauptfigur nicht irgendein Jugendlicher, der mit dem Übergang ins Erwachsenenleben hadert, sondern Frieder, der vielleicht gar nicht sterben will, aber vom pubertären Selbstbehaupten schon so lebensmüde ist, dass er eines Tages zu viele Schlaftabletten nimmt. Und das Auerhaus ist nicht irgendeine Jugend-WG, sondern eine Solidargemeinschaft und ein Schutzraum vor den Erwartungen da draußen. Auch ein Experimental-Raum für Lebensentwürfe und Sinnfragen. Ein Bollwerk gegen Angepasstheit und ein Zuhause auf Zeit, das auf der Bühne der Casa aus ein paar zusammengerückten Tischen entsteht.

Madness-Song „Our House“ als Namenspate

Der schnelle, konzentrierte, manchmal fast schon etwas zu aufgekratzte, eng am Buchtext entlang inszenierte Abend gibt sich so schnörkellos wie die Vorlage. Der gelegentliche Videoeinsatz wirkt da fast schon überflüssig. Denn es braucht nicht viel, um diese große kleine Überlebens-Welt abzustecken. Mal wird der Raum nur mit Klebeband fixiert, mal eine Bude gebaut neben dem Schlagzeug von Philipp Zdebel, der den zweistündigen Abend akustisch umspielt, natürlich auch mit dem Madness-Song „Our House“, der ja namensgebend steht fürs Auerhaus. Die 1980er lassen nicht nur musikalisch grüßen, sie sind auch noch in den Klamotten hängen geblieben, in der Karottenjeans von Vera und dem Armee-Anorak von Frieder (Bühne und Kostüme: Inga Timm).

Bundeswehr, Musterung, RAF-Fahndungsplakat: Die Geschichte von damals koloriert noch das Geschehen, aber die Figuren drängen kraftvoll in die Gegenwart. Allen voran Stefan Migge als Höppner, der seinen labilen Freund Frieder (Philipp Noack spielt ihn ohne jede Exzentrik als bärtigen Nerd im Karohemd) so entschlossen ins Leben zurückziehen will, dass er es sogar mit ihm teilt.

WG-Leben zwischen Klauen, Kiffen und Krisen

Im Auerhaus, wo bald eine bunte Mischung von Einzelgängern gegen die Zwänge eines vorgefertigten Lebens antritt: Silvia Weiskopfs empathisch-entschlossene Vera, die die Definition von Eigentum nicht nur in der Liebe, sondern auch beim Lebensmittelklau im Supermarkt großzügig auslegt. Ihr Freund Höppner, dem Stefan Migge eine aufbrausende Gutmütigkeit und eine zu Herzen gehende Helferlust verleiht. Die bildschöne Brandstifterin Pauline und die behütete Cäcilia, von Henriette Hölzel im flotten Wechsel gespielt. Und der Elektrikerlehrling und Gelegenheits-Stricher Harry, dem Alexey Ekimov auch in Netzhemd und Turnhose noch eine Nuance zwischen Derbheit und Brüchigkeit bewahrt. Dahlem gibt diesen schrägen Figuren Kontur, ohne ihre Eigenwilligkeit zu überzeichnen.

Eine kurze wilde Zeit leben sie ihre Utopie von Gemeinschaft zwischen Feiern und Federballspielen, Kiffen und Kaffeepulver klauen. Im Auerhaus ist noch nichts „to go“. Dazu wird viel geredet, über und miteinander, mal in den knappen herauspräparierten Dialogen, mal aufgereiht am Mikrofon. Denn den Erzählertext hat Dahlem auf alle Schauspieler verteilt, weil es ja nur zusammen geht. Am Ende gibt es keine Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft. Aber eine gemeinsame Geschichte, in der auch Frieder weiterleben kann, wenn das Auerhaus schon nicht mehr ist. Weil einer fehlt. Tosender Applaus.

>>>HIER GIBT ES TICKETS FÜR „AUERHAUS“

Die nächsten Vorstellungen von „Auerhaus“ gibt es am 9., 13. und 30. Oktober sowie am 5. und 23. November. Tickets unter 0201-8122-200.

Das Stück ist für Zuschauer ab 16 Jahren empfohlen. Die Bühnenadaption wie der Roman trifft aber auch den Nerv der älteren Jahrgänge.

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