Bildung

Dringender Hilferuf einer Gesamtschule im Essener Norden

Schulleiter Wolfgang Erdmann mit einigen Schülern auf dem Schulhof der Gesamtschule Nord: „Wir brauchen mehr Hilfe.“

Schulleiter Wolfgang Erdmann mit einigen Schülern auf dem Schulhof der Gesamtschule Nord: „Wir brauchen mehr Hilfe.“

Foto: Christof Köpsel

Essen.   Die Gesamtschule Nord in Essen-Vogelheim hat mit einer schwierigen Schülerschaft zu kämpfen und sucht dringend Hilfe und Anerkennung.

Nein, die Lehrerstellen sind meist alle besetzt. Und bei drei Schulsozialarbeitern dürfte man eigentlich nichts sagen. Die allerdings können sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen: Gut 52 Prozent der über 900 Jungen und Mädchen an der Gesamtschule Nord in Essen-Vogelheim lebt von Hartz IV, in manchen Klassen sind es 20 von 24 Schülern, die vom Job-Center unterstützt werden müssen.

Dazu kommen viele Kinder aus Haushalten, die mit einem Geringverdienst so gerade über der Hartz-4-Grenze liegen. Dass der Anteil der nichtdeutschen Schüler bei gut 70 Prozent liegt, mag da kaum mehr verwundern.

„Wir sind für viele Kinder die einzige Perspektive“

Und dennoch sagt Schuldirektor Wolfgang Erdmann: „Wir sind wichtig für die Menschen hier in Vogelheim, wir bieten vielen Kinder die einzige Perspektive.“ Die Gesamtschule Nord sei für viele Mädchen und Jungen der erste Ort, an dem sie sozialisiert werden, an dem sie erfahren, dass Bildung einen Wert hat: Streng dich an, es lohnt sich. Zu Hause interessiere das viele Eltern nicht sonderlich.

Doch Erdmann und seine Kollegen kommen an ihren Grenzen – und rufen um Hilfe: „Wir können das Paket allein nicht stemmen. Man darf uns nicht wie eine ganz normale Schule behandeln, sonst schaffen wir es nicht.“

Wo soll man anfangen? Klar, der nahe Regionalligist RWE hilft mit einem Projekt, die Talent-Scouts unterstützen einige Kinder, die Ruhrkohle-Stiftung ist mit Geld eingesprungen, es gibt für die gut 110 Kinder, die offiziell am inklusiven Unterricht teilnehmen, vier Sonderpädagogen, dazu Fachkräfte für Teamarbeit. „Das ist alles gut und wichtig, aber es ist viel zu wenig“, sagt Erdmann. Die Zahl der Kinder, die begleitende Hilfe bräuchten, liege deutlich höher. „Viele Defizite stellen wir erst im Unterricht fest, aber da hat sich vorher keiner drum gekümmert.“

Förderverein besteht aus acht Personen – alles Lehrer

Dazu kommen die vielen kleinen, auch finanziellen Probleme einer Brennpunkt-Schule: „Im Herbst stehen wieder die Klasse- und Projektfahrten an.“ Für die Kinder, die von Hartz IV leben, werde man natürlich alle Anträge stellen.

Aber die anderen, für die es kein Bildungspaket gibt? Der Förderverein besteht aus genau acht Personen – alles Lehrer. Bei den Eltern werben? „Das klappt einfach nicht. Wir können direkt Barspenden sammeln, aber bei den Einzugsermächtigungen ist das Geld zu oft von den Banken zurückgebucht worden.“ Das Konto gab selbst den kleinen Beitrag nicht her.

Zum Frühstück gibt es Instant-Nudeln aus dem „Yum Yum“-Becher

Natürlich ist die schwierige Elternschaft an vielen Stellen ein Thema: „Wir haben einige, die hängen sich super rein, die helfen in der Mensa, oder bei der Schülertoilette“, sagt der Schulleiter, „die unterstützen wirklich unsere Arbeit.“ Aber es ist eben nur eine Hand voll: „Bestimmt 80 Prozent geben bei uns nur ihre Kinder ab. Das ist leider so.“ Die Hälfte dazu ohne Frühstück, oder mit einem Euro in der Tasche für einen Becher „Yum Yum“-Instant-Nudeln, die es in Vogelheim an einem nahen Kiosk gibt. Ein einträgliches Geschäft, weiß man an der Gesamtschule: „Ist das ein vernünftiges Frühstück?“

Zu allem Ärger landen die Becher oder Tüten auch noch in den Vorgärten. Die Schule hat deshalb einen Reinigungstrupp aufgestellt, der regelmäßig das Umfeld an der Förderstraße säubert. Immerhin: Seit die Schule den eigenen Kiosk abgeschafft hat, verkauft man täglich wieder 100 Mittagessen, dazu kann eine Salat- und Nudelbar angeboten werden.

Schulleiter spricht von einer riesigen Integrationsaufgabe

Mag der Hunger noch gestillt werden, sieht es beim Bildungshunger eher mager aus, bei allen Bemühungen: „Erziehung läuft über Beziehung“, sagt Wolfgang Erdmann, „deshalb versuchen wir, zu den Jungen und Mädchen ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen.“

Natürlich sei der Ruf der Schule schlecht, darüber würden sich die meisten Schüler auch keine Illusionen machen, „aber wir versuchen, ihnen ein Selbstwertgefühl zu geben und Türöffner zu sein, Perspektiven aufzuzeigen“. Das allerdings ist nicht einfach: Zu den vielen nichtdeutschen Schülern kommen häufig noch Flüchtlingskinder, dazu schwierige deutsche Kinder – „wir stehen hier täglich vor einer riesigen Integrationsaufgabe“. Kopfschütteln kann Erdmann dann nur, wenn türkische Eltern ihr Kind wieder von der Schule nehmen wollen mit der Begründung: „Hier sind zu viele ausländische Kinder.“

Wer am Ende den Erfolg in Zahlen messen mag: Am nahen Leibniz-Gymnasium in Altenessen werden es in diesem Jahr wahrscheinlich 120 Schüler sein, die ihre Reifeprüfung ablegen. Für ein Gymnasium, mit knapp 150 Startern in Klasse 5 nicht kleiner als die Gesamtschule Nord, ein guter Wert, der stadtweit gilt. Auch an der Schule in Vogelheim werden sie am Freitag den letzten Schultag vor der Abiturprüfung feiern – es werden genau 39 Mädchen und Jungen sein. Für Wolfgang Erdmann „39 Gewinner“.

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