Tragödie

Dreifache Mutter bei Unfall getötet: Wer hilft der Familie?

Essen.   Der Essener Andreas Hoever hat seine Frau am 4. Juli auf der Stauderstraße verloren. „Wir hatten einen Lebensplan.“ Doch der wurde jäh zerstört.

„Lebe unermesslich, lache jeden Tag, liebe jeden Moment“ – unter den Worten voller Zuversicht auf der Zimmerwand sitzt ein Mann, der mit den Tränen kämpft und um Worte ringt. Andreas Hoever (42) aus Katernberg versucht das Unfassbare zu beschreiben, das am 4. Juli nur 200 Meter von seinem Heim entfernt all seine Träume, sein Glück zerstörte und ihm die Liebe seines Lebens nahm: Seine Frau Daniela wird gegen 8 Uhr morgens an der Stauderstraße von einem Containerfahrzeug der Entsorgungsbetriebe Essen erfasst, mitgeschleift und tödlich verletzt.

In allerletzter Sekunde hat sie ihre Tochter noch zurück auf den Gehweg schubsen können. Allein diese Geistesgegenwart rettet der Siebenjährigen vermutlich das Leben. Es war das Letzte, was die 31-Jährige für ihr Kind tun konnte. Die dreifache Mutter stirbt noch am Unfallort.

Seitdem ermittelt die Polizei, die sich noch nicht näher zu dem Unfallhergang äußern möchte: „Wir warten auf das externe schriftliche Gutachten“, begründet Polizeisprecher Christoph Wickhorst die Zurückhaltung.

Der Tag begann wie immer und veränderte doch alles

Nach fast zwei Wochen im Krankenhaus ist die siebenjährige Kira wieder zu Hause, liegt auf dem Sofa, hat noch einen Verband um den Fuß und nicht ohne Grund Kopfhörer auf den Ohren, als sich ihr Vater an den schrecklichsten Tag seines Lebens erinnert. Einer, der wie jeder andere begann und doch alles verändern sollte: „Bis dann, Babe“, sagt er um kurz nach 6 Uhr in der Früh zu Daniela, fährt ihr zärtlich mit der Hand durchs Haar und danach zur Arbeit.

Als ihn um 8 Uhr über sein Telefon die Nachricht erreicht, „komm’ mal nach Hause, wir können Daniela nicht erreichen“, und seine Frau auf seine Nachfrage „Ist alles in Ordnung?“ um 8.01 Uhr nicht antwortet, macht sich Andreas Hoever besorgt auf, sieht den EBE-Laster, Rettungsfahrzeuge und Einsatzkräfte, die Decken in den Händen halten, die neugierige Blicke abhalten sollen und gleichzeitig signalisieren: Da ist was Schlimmes passiert. Das wird dem 42-Jährigen schlagartig klar, als Polizisten ihn in seine Wohnung bitten. Dann der Schock: „Ihre Tochter ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihre Frau ist ums Leben gekommen.“

„Erzählen sie das mal den Kindern“, sagt Andreas Hoever. Etwas zu erklären, was man selbst noch nicht verstanden hat, ist eine schreckliche Aufgabe. Die seelische Erschütterung lässt kaum nach, dennoch versucht der Familienvater zu funktionieren. „Ich muss mich um meine Kinder kümmern.“ Was bedeutet: „Im Moment heißt es, stark sein für alle, aber selber... Ich hatte in den vergangenen Wochen eine Stunde Zeit, mich mal hinzusetzen.“

Für klare Gedanken fehlt Andreas Hoever die Zeit

Einkäufe erledigt er auf dem Weg zu seiner Tochter im Krankenhaus. Ein Hin und Her zwischen Todestrauer und dem Druck des Lebens, der bisweilen übermächtig wird. Eine der Fahrten in die Klinik wird jäh unterbrochen, als Andreas Hoever rechts ranfahren muss. Er verliert die Fassung. Ein Heulkrampf, wie er sagt, wirft ihn vorübergehend aus der Bahn.

Für klare Gedanken fehlt ihm die Zeit, der Termin beim Psychologen lässt auf sich warten, dazu die Ämterlauferei, unsensible Fragen, die er beantworten muss, um an Geld und Recht zu kommen und immer wieder die Kinder trösten, die mit selbstgebastelten Sternen und Herzchen auf dem Sarg Abschied von ihrer Mutter nahmen, der sie nicht mehr Tschüss sagen konnten. Manchmal hilft Andreas Hoever sein berufliches Wissen: „Ich bin Logistiker und sag’ mir: Zuerst das Wichtigste erledigen.“

„Man hat uns den Motor herausgerissen“

Wenn es das noch gibt nach dem Tod seiner Frau, den der Katernberger so umschreibt: „Man hat uns den Motor herausgerissen. Wir waren perfekt durchorganisiert.“ Daniela war die Hauptverdienerin der Familie, als gelernte Krankenschwester arbeitete sie in der mobilen Altenpflege auch nachts, damit ihr Mann tagsüber seinem Job nachgehen konnte und immer jemand zu Hause war, um sich um die sieben, acht und elf Jahre alten Kinder zu kümmern. Das liegt jetzt allein in Andreas Hoevers Hand. Klar, es gibt Hilfsangebote. „Aber ich kann die Kinder in dieser Situation doch nicht in fremde Hände geben“, ist der Vater überzeugt.

Noch ist er krankgeschrieben, denkt aber schon mit Grauen an die nächsten Schulferien, wenn die Betreuung erneut zum Problem wird. Der Blick in die Zukunft fällt dem 42-Jährigen schwer, der alle Hände voll zu tun hat, zumindest die Gegenwart einigermaßen in den Griff zu kriegen und Erinnerungen trotz allem immer noch als schön empfinden zu können: Vor zehn Jahren habe er die Frau kennengelernt, die das Leben eines Mannes „umkrempeln“ sollte, der immer die Überzeugung vertreten hatte: „Keine Ehe, keine Kinder.“

Doch Daniela, die bereits eine Tochter aus einer anderen Beziehung hatte, überzeugte ihn vom Gegenteil: „Ab da war ich der glücklichste Mensch der Welt. Wir hatten unser kleines Reich und haben nur für die Familie gelebt. All das wurde einem von jetzt auf gleich genommen.“

Eine kirchliche Hochzeit war bereit terminiert

Das Paar wollte sein Glück nach der standesamtlichen mit einer kirchlichen Hochzeit krönen. Der Termin im kommenden Mai stand schon fest, „Daniela war Feuer und Flamme“. Doch eine tränenreiche Beerdigung machte alle Pläne einer fröhlichen Feier zunichte. Am 1. August wäre die dreifache Mutter 32 Jahre alt geworden, Andreas Hoevers Sohn hat in der kommenden Woche Geburtstag, Weihnachten naht und im kommenden Jahr steht für eines seiner Kinder eine Kommunion an.

Noch ist der Witwer nicht so weit, um sagen zu können, wie er all das bewältigen soll. Noch sitzt der 42-Jährige manchmal abends zu Hause auf dem Sofa und wartet darauf, „dass sie durch die Tür hereinkommt. Irgendwann weißt du dann, da kommt keiner mehr.“ Da ist es wohl nur ein schwacher Trost, dass an dem Tag, der schon so vieles zerstörte, alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Normalerweise hätte Daniela nicht nur ihre Tochter, sondern auch ihren Sohn zur Schule begleitet. Doch der Achtjährige blieb am Morgen des 4. Juli im Bett, sagt Andreas Hoever: „Er hatte Bauchschmerzen.“

>>> Ein Spendenkonto ist eingerichtet

Wer Andreas Hoever und seine drei Kinder unterstützen möchte, kann sich an die Anwaltskanzlei Iris Dreßen in Steele wenden. Kontakt: kanzlei-dressen@freenet.de, 0201/22 92 72.

Spenden sind möglich auf das Konto Arndt Sauer, Mehrgenerationenhaus Essen, DE83 3706 0193 2008 2830 39, Verwendungszweck: „Spende Hoever“.

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