Diese Schule kennt keine Sommerferien

Foto: FUNKE Foto Services

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Sommerferien gehen in die fünfte Woche, Essens Schüler genießen den Dreiklang aus Freibad, Freizeit, Freiheit – und in Karnap gehen 70 Kinder und Jugendliche Tag für Tag zum Unterricht; freiwillig. Es sind Flüchtlinge, für die Schule keine Pflicht ist, sondern ein Privileg.

Schon Anfang Januar hatten Bewohner des Zeltdorfes im Karnaper Mathias-Stinnes-Stadion für die Beschulung ihrer Kinder demonstriert. Sozialdezernent Peter Renzel betonte damals, jedes Flüchtlingskind werde beschult, nur könnten acht Wochen vergehen, bevor ein Schulplatz gefunden sei. Das muss doch schneller gehen, fand Michael Schwamborn vom Runden Tisch Karnap und stellte binnen Tagen gemeinsam mit Turgay Tahtabas ein Angebot auf die Beine: In Räumen, die die evangelische Kirche an der Hattramstraße zur Verfügung stellt.

Das Lehrpersonal war rasch rekrutiert: Denn der von Tahtabas gegründete Verein „Zukunft Bildungswerk“ bietet längst Lernförderung im Stadtteil an; mit Lehramtsstudenten, die auf Honorarbasis Förderunterricht geben. „Wir hatten also einen Studenten-Pool, den wir flexibel einsetzen konnten“, sagt Levent Tahtabas (24), der Wirtschaftsingenieurwesen studiert und in den Semesterferien als Freiwilliger im väterlichen Bildungswerk hilft. Die Flexibilität sollte sich als Trumpf erweisen: Die Deutschkurse wurden bald überrannt, in Hochzeiten zählte man 190 Teilnehmer. „Zeitweilig hatten wir auch noch zwei Kurse für die Eltern, die hier auf ihre Kinder warteten“, sagt Levent Tahtabas.

Erwartungsgemäß tun sich die Erwachsenen schwerer beim Deutschlernen als ihre Kinder; für manche kam noch eine Hürde hinzu, erinnert sich Schwamborn: „Wir hatten 27 Analphabeten im Zeltdorf, die in drei Monaten erstmal alphabetisiert werden mussten. Erst danach konnten sie an gängigen Sprachkursen wie an der Volkshochschule teilnehmen.“ Profitiert hätten aber auch die Kinder von dem Unterricht im Gemeindehaus. Zwölf von ihnen besuchen nun eine Grundschule in Kettwig und hatten dank ihres Vorwissens einen problemlosen Start.

„Andere warten noch auf den versprochenen Platz an einer Regelschule“, sagt Schwamborn. Ihr Bildungshunger wird an der Hattram-straße gestillt, täglich von zehn bis zwölf. Wie bei Saeedeh aus Afghanistan, die seit fünf Monaten in Essen lebt und genauso lange beim Bildungswerk lernt. „In meinem Heimatdorf, eine Autostunde von Kabul entfernt, durften Mädchen nicht zur Schule gehen.“ Doch ihre Mutter, die selbst Lehrerin ist, sorgte dafür, dass die Tochter privat unterrichtet wurde. Dass die Elfjährige auch in Deutschland auf eine Privatinitiative angewiesen sein würde, hätte wohl niemand aus der Familie für möglich gehalten. Doch Saeedeh, die mit Eltern und zwei Brüdern vor einem Monat vom Zeltdorf in eine Wohnung gezogen ist, hadert nicht und nutzt die Wartezeit zum Lernen. Das Sprechen falle ihr leicht, die Schrift sei schwieriger. Wenn Saeedeh auf eine deutsche Regelschule wechseln kann, ist sie jedenfalls gut vorbereitet – und ein Berufsziel hat sie schon: Ärztin.

Auch Zeynab (18) und Zabi (15), ebenfalls aus Afghanistan, haben Traumberufe: Sie wäre gern Ingenieurin, er Polizist. Zeynab hat jetzt die Nachricht erhalten, dass sie bald auf eine städtische Schule wechselt. „Zabi konnte schon drei Monate vor den Ferien ans Burggymnasium wechseln und landete gleich in der Seiteneinsteigerklasse für Fortgeschrittene“, sagt Lehramtsstudentin Sevgi Gündes (26). Sie lernt Arabisch, macht eine Zusatzqualifikation „Deutsch als Fremdsprache“, unterrichtet auch Seiteneinsteiger und ist damit genau die Bildungsbegleiterin, wie sie sich der Verein für alle seine Schützlinge wünscht.

Der Unterricht, der sich aus Spenden und Mitteln des Bildungs- und Teilhabepakets finanziert, solle auch fortgesetzt werden, wenn das Zeltdorf im November abgebaut wird, sagt Schwamborn. Das Bildungswerk habe geholfen, „dass die Leute da keinen Koller bekommen“. Es kämen aber auch Kinder wie Zabi, der schon in einer Wohnung lebt und das Gymnasium besucht. Ferien seien nicht so wichtig, sagt der 15-Jährige: „Ich will schnell gut Deutsch lernen!“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben