Kultur

Die Zeche Carl wird 40 Jahre alt

Die Aktivisten in der Initiative haben 1981 bei den Bauarbeiten am Casino kräftig mitangepackt.

Die Aktivisten in der Initiative haben 1981 bei den Bauarbeiten am Casino kräftig mitangepackt.

Essen.   Vor 40 Jahren gründete sich der Verein, der aus der vom Abriss bedrohten Zeche Carl einen Ort für Jugend und Kultur schaffen wollte.

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„50 bis 70 Menschen, die zusammen ehrenamtlich an solch einem Projekt arbeiten – ich weiß nicht, ob das heute in Zeiten von Facebook und Individualisierung noch möglich wäre“, so Willi Overbeck. Der einstige Altenessener Pfarrer gehörte zu denen, die vor 40 Jahren den Stein für ein solches Projekt ins Rollen brachten: Denn damals begann das zweite Leben der Zeche Carl als soziokulturelles Zentrum.

Viele, die an Zeiten in der Zeche Carl zurückdenken, mögen sich vor allem an Rockkonzerte, Partys oder Comedy- und Kabarett-Auftritte erinnern. Aber die Zeche Carl war stets mehr als ein purer Veranstaltungsort. „Die meisten kannten das Nachtgesicht der Zeche Carl“, so Willi Overbeck. „Doch hat es auch immer ein Alltagsgesicht gegeben, das die Menschen in Altenessen geprägt haben.“ Kindernachmittage etwa oder Seniorencafés, Jugendliche, die dort mit ihrer Band proben, sich als Kabarettisten versuchen.

Altenessener prägten das Programm

Denn auch das Bühnenprogramm wurde in den Anfängen vor allem durch Menschen aus Altenessen geprägt. „Punk, Heavy Metal und die Ausprägung Trash Metal waren die Jugendbewegungen in Arbeitervierteln – auch in Altenessen“, betont Overbeck, der bereits 1975 für sein Vikariat in den Stadtteil kam. In der Zeche Carl zum Beispiel nahm die damals junge Trash-Metal-Band „Kreator“ die Möglichkeit wahr, einen eigenen Proberaum in der Zeche zu nutzen. „Die Jungs waren vorher eine richtige Garagenband und hatten ständig Ärger mit den Nachbarn“, erinnert sich Overbeck. In der Zeche Carl konnten sie es Tag und Nacht krachen lassen – und ihren Grundstein legen für ihre Karriere als eine der erfolgreichsten Genre-Bands weltweit. Auch der Kabarettist Uwe Lyko alias Herbert Knebel und der Gitarrist Rafael Cortés starteten in der Zeche Carl.

Und auch außerhalb des Scheinwerferlichts waren es vor allem Jugendliche und Menschen in der Nachbarschaft, die dabei halfen, das leerstehende Zechenensemble, dem der Abriss drohte, zu einem Jugendkultur-Zentrum aufzubauen. Neben Sozialarbeitern, Architekten und kirchlichen Mitarbeitern waren es vor allem Altenessener Jugendliche, die 1977 die Bürgerinitiative zum Erhalt der Zechengebäudes und zu dessen Nutzung als Kulturzentrum ins Leben riefen. Ein Jahr später wurde daraus der Verein „Initiative Zentrum Zeche Carl“ heute gilt dieser Schritt als Grundstein für das Kulturzentrum. Im Mai 1981 begannen die Bauarbeiten am Casino – und die Aktivisten packten kräftig mit an.

Erfolg hing mit Zechensterben zusammen

Für Overbeck hing der Erfolg auch mit dem Zechensterben zusammen – 1973 schloss mit der Zeche Fritz die letzte große Anlage in Altenessen. „Es war das erste Mal seit langem, das eine Zeche nicht abgerissen, sondern wieder aufgebaut werden sollte.“ Und diese Aufbruchstimmung sollte die Zeche Carl zum Vorbild für soziokulturelle Zentren in ganz Deutschland machen.

Doch drei Jahrzehnte später kam ein herber Rückschlag: Die Zeche war in finanzielle Schieflage geraten, der Trägerverein musste 2008 Insolvenz anmelden. „Ich habe darunter gelitten wie ein Hund“, sagt Overbeck.

Auch wenn Politik, Trägerverein und Stadt sich über die Ursache der Pleite stritten, herrschte in einem Punkt Einigkeit: Die Zeche Carl sollte bestehen bleiben. Es dauerte bis zum August 2009, bis ein neues Konzept gefunden wurde, das das Zentrum auf eine solide Basis stellen sollte: Neue Trägerin wurde die „Auf Carl gemeinnützige GmbH“. „Diese Rechtsform vereint die Vorteile von gemeinnützigen Vereinen und einer GmbH“, so Kornelia Vossebein, die die Geschäftsführung übernahm. So müssten die Gesellschafter in diesem Fall, anders als bei Vereinen, nicht mit ihrem Privatvermögen haften.

Zeche Carl steht auf neuen Beinen

Vossebein übernahm die Führung eines neuen Teams, das bei Bürgern und Politikern verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen musste. Dass sich bald darauf das Casino-Gebäude als baufällig erwies, machte diese Aufgabe nicht einfacher: 19 Monate lang, zwischen 2011 und 2013 musste das Gebäude bei laufendem Betrieb saniert werden.

Doch zehn Jahre nach der Insolvenz stellt Vossebein fest: „Das neue Konzept funktioniert gut. Wir arbeiten wirtschaftlich, die Einnahmen decken die Kosten.“ Befürchtungen, dass die neue Rechtsform das soziokulturelle Zentrum in einen kommerziellen Veranstaltungsort verwandeln könnte, widerspricht sie: „Die Stadtteil-Arbeit ist nach wie vor enorm wichtig. Vom Kinderflohmarkt bis zu den DKP-Frauen, von Selbsthilfegruppen bis zu Stadtteilfesten: „Wir sind und bleiben ein soziokulturelles Zentrum im besten Sinne.“

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