Gesundheitsserie

Die „Wiese“ ist die erste Adresse für Selbsthilfe in Essen

Ein starkes Team für die Selbsthilfe (v.l.): Psychologin Claudia Demeter, Sozialpädagogin Michaela Weber-Freitag, Christel Dickgreber (Organisation und Planung) und Pädagogin Gabriele Becker.

Ein starkes Team für die Selbsthilfe (v.l.): Psychologin Claudia Demeter, Sozialpädagogin Michaela Weber-Freitag, Christel Dickgreber (Organisation und Planung) und Pädagogin Gabriele Becker.

Foto: Christof Köpsel

Essen.   Seit mehr als 25 Jahren bietet die Wiese e.V. eine Plattform für Selbsthilfegruppen in Essen. Die Nachfrage nach Angeboten hat stark zugenommen.

Das vergangene Jahr war für die Wiese ein Rekordjahr. „Wir hatten so viele Neugründungen wie noch nie“, sagt Michaela Weber-Freitag. 20 neue Selbsthilfegruppen seien 2018 hinzugekommen. Zu den ohnehin schon mehr als 600 Gruppen, die sich alle unter dem Dach des Vereins sammeln und sämtliche Bereiche abdecken: chronische Erkrankungen, psychische Leiden, Behinderungen, Sucht.

Zusammen mit drei weiteren Kolleginnen kümmert sich Weber-Freitag darum, dass die Menschen die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Schon seit 1990 ist die Wiese eine feste Größe in der Gesundheitslandschaft der Stadt. Hervorgegangen ist sie aus der „Werkstatt“, die ihren Sitz in den alten Ruhrwiesen in Horst hatte. Als Werkstatt e.V. Informationsstelle für Essener und Selbsthilfegruppen (= Wiese) machte sich die Einrichtung dann 1992 selbstständig.

Wegweiser in Fragen der Selbsthilfe

Seither berät sie nicht nur Bürger darin, eine geeignete Selbsthilfegruppe in der Stadt zu finden, sondern hilft auch bei der Gründung von neuen Gruppen und unterstützt die bestehenden. Sie ist gewissermaßen Wegweiser in allen Fragen der Selbsthilfe. Genau so ist auch ein gedrucktes Heft betitelt, das seit Gründung der Wiese herausgegeben wird und eine umfangreiche Übersicht aller Gruppen, Initiativen und weiteren beratenden Einrichtungen in der Stadt bietet.

„Damals, als wir angefangen haben, gab es nur eine Handvoll Selbsthilfegruppen“, erinnert sich Gabriele Becker, die seit Gründung der Kontaktstelle dabei ist. Seither hat die Nachfrage stark zugenommen. „Wir hatten vor zwei Jahren über 600 Nachfragen nach Depressions-Selbsthilfegruppen. Und zuletzt gab es einen richtigen Ansturm zum Thema Hochsensibilität.“

Gruppen werden immer spezieller

Ihre Erkenntnis: Die Gruppen werden immer spezieller, differenzieren sich immer mehr aus. „Wir leben in einer Welt, in der jeder sein Glück sucht und die Leute immer älter und theoretisch auch immer kränker werden“, meint Michaela Weber-Freitag. Gerade psychische Erkrankungen würden deshalb zunehmen und auch Vereinsamung im Alter sei ein Thema. „In Zukunft wird es immer mehr Bedarf in Sachen Selbsthilfe geben“, ist sich Weber-Freitag sicher.

Die Arbeit der Wiese setzt da an, wo das Gesundheitssystem keinen

Zugriff hat: Wenn es um die Bewältigung des täglichen Lebens geht. „Selbsthilfe ist in der Regel immer etwas, was sich nach der professionellen Behandlung anschließt“, sagt Gabriele Becker. „Wenn ich zum Beispiel eine Psychotherapie mache, dann lerne ich ganz viel Handwerkszeug. In der Selbsthilfegruppe kann ich das vertiefen.

Es ist eine Möglichkeit immer wieder dabei zu bleiben und ein wenig eine Selbstkontrolle zu haben.“ Und es geht vor allem um Verständnis und Austausch. Gerade das mache die Selbsthilfe so wertvoll, betont Gabriele Becker. „Man ist in einem geschützten Rahmen, mit Leuten, die das gleiche haben. Dort kann ich reden und werde verstanden.“

Teil des Gesundheitsnetzwerkes

Die Wiese arbeitet eng mit den Essener Kliniken zusammen, organisiert Vorträge, Veranstaltungswochen, Gesundheitstage, schafft ein Forum für ihre Arbeit. In den wichtigsten Gesundheitsgremien der Stadt wie der Gesundheitskonferenz oder im Netzwerk „Essen.Gesund.Vernetzt“ hat sie außerdem eine Stimme, die gehört wird.

„Der Austausch funktioniert exzellent“, sagt Gabriele Becker. Nicht zuletzt, weil mit Hilfe zahlreicher Fachreferenten das Wissen um das Thema Selbsthilfe immer mehr in der Gesellschaft verankert werden kann. Doch da sei noch viel zu tun. „Es gibt Modethemen wie Depressionen, Angst, Panik oder Zwänge, manche Dinge wie Psychosen sind aber noch stark tabuisiert“, so Michaela Weber-Freitag.

Info: Hier geht’s zur Wiese

  • Die Wiese e.V. ist der Dachverband aller Essener Selbsthilfe-Angebote und hat ihren Sitz in der vierten Etage im Awo-Gebäude am Pferdemarkt 5.
  • Der gemeinnützige Verein wird durch eine Pool-Finanzierung anteilig von Land, Stadt und den Krankenkassen gefördert.
  • Infos zu Selbsthilfeangeboten und Öffnungszeiten der Kontaktstelle telefonisch unter 20 76 76 und im Internet auf: http://www.wiesenetz.ruhr/

    >>> Was tun, wenn der Partner psychisch krank ist?

    Weil es kaum Angebote gibt, gründen Betroffene mit Hilfe der Wiese eine Selbsthilfegruppe:

    So umfangreich das Selbsthilfeangebot in Essen ist: Eine Gruppe, die auf die Bedürfnisse von Menschen eingeht, die mit psychisch erkrankten Partnern zusammenleben, gab es bislang nicht. Deshalb wandte sich Frau K., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, an die Wiese und gründete prompt selbst eine Gruppe. „In den Angehörigengruppen, die beispielsweise von den Essener Kontakten angeboten werden, fand ich mich einfach nicht wieder. Dort sprechen viele über Schwester, Freund oder Sohn. Angehörige von einem psychisch kranken Partner zu sein, das ist etwas anderes.“

    Gruppe trifft sich alle 14 Tage

    Doch ihre Gruppe wollte nicht so richtig anlaufen. Erst ein Bericht dieser Zeitung schaffte Aufmerksamkeit für das Thema, in dem K. auch offen mit der Erkrankung ihres Mannes umgeht. Eine bestürzende Geschichte aus schwerer Depression, Suizidversuch und der Weigerung sich behandeln zu lassen – daneben eine Partnerin, die nicht weiß, was sie tun soll, wie sie helfen kann und die selbst darunter leidet. Seitdem haben sich einige Mitstreiter gefunden, die vor denselben Herausforderungen stehen. Sie treffen sich alle 14 Tage in den Räumlichkeiten der Schuldenhilfe am Pferdemarkt 5, erzählen ihre Geschichten.

    Weil sie sich so weniger alleingelassen fühlen, sich mitteilen können. „Das, was wir erlebt haben, das kann man draußen niemandem erzählen. Aber hier, wo wir alle betroffen sind, auch wenn jeder ein anderes Schicksal hat, fügt sich das zusammen und man kann das verstehen. Das ist so wichtig“, sagt die 70-jährige Frau B. Was sie eint, ist, dass sie die Leiden ihres Partners tragen, oft schwere Lasten und ihr eigenes Leben einschränken. Den Partner verlassen? Das ist keine Option.

    Mitglieder fordern mehr Hilfe für Betroffene

    Hinzu kommt das Unverständnis gegenüber ärztlichen Schweigepflichten und das Gefühl außen vor zu sein, wenn es um die Therapie des Partners geht. „Mir hätte geholfen, wenn die Ärzte mit mir gesprochen hätten“, sagt K. Die Gruppe ist sich einig, es braucht noch andere Hilfsinstrumente in unserer Gesellschaft, auch für indirekt Betroffene.

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