Funke-Neubau

Die WAZ zieht um: Abschied vom alten Essener Zeitungsviertel

Der Eingangsbereich des alten Hauptgebäudes des Funke Mediengruppe: Die Kacheln im Design der späten 1970er Jahre waren schon immer spektakulär und fanden in den letzten Jahren zunehmend Bewunderer.

Der Eingangsbereich des alten Hauptgebäudes des Funke Mediengruppe: Die Kacheln im Design der späten 1970er Jahre waren schon immer spektakulär und fanden in den letzten Jahren zunehmend Bewunderer.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Zum letzten Mal ist eine WAZ-Ausgabe im alten Essener Zeitungsviertel produziert worden. Ein persönlicher Abschied von Lokalchef Frank Stenglein.

Es war 1984, als ich ziemlich ehrfürchtig erstmals dieses Haus betrat. Freier Mitarbeiter wollte ich werden, einen Termin hatte ich, der Pförtner erklärte mir kurz angebunden, wie ich zu gehen hätte. Gefühlt dauerte es eine halbe Stunde, bis ich endlich ankam.

Ich machte die Erfahrung, die unzählige Besucher bereits gemacht hatten und weitere machen würden: Der Komplex der Funke Mediengruppe an der Sachsenstraße, das alte Essener Zeitungsviertel, war im Laufe der Zeit derart heillos zusammengewuchert, dass allenfalls ein Spürhund auf Anhieb den richtigen Weg zu finden vermochte. Am Samstag verlassen wir Redakteure dieses Gebäude-Sammelsurium aus sieben Jahrzehnten, das uns trotz allem ans Herz gewachsen ist, und ziehen um an den Berliner Platz.

Umzug der WAZ von Bochum nach Essen

In den 1920er Jahren hatte Theodor Reismann-Grone, der Herausgeber der Rheinisch-Westfälischen Zeitung an der Sachsenstraße ein neues Druck- und Verlagshaus gebaut, nachdem es in der Essener Innenstadt für die Zeitungsproduktion zu eng geworden war. Es fiel im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche, konnte aber wiederaufgebaut werden und ist bis heute der allerdings äußerst nüchterne Kern des Komplexes.

Ein zeitgemäßes, modernes Gesicht bekam das Essener Zeitungsviertel erst 1953. Jakob Funke, neben Erich Brost Gründer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, setzte durch, dass die erst fünf Jahre junge WAZ von Bochum nach Essen zog. An der Ecke Friedrichstraße entstanden ein für damalige Verhältnisse repräsentatives Verlagshaus und ein durchaus elegant zu nennendes Technikgebäude. Ihre Formensprachen sind heute vielfach überbaut und kaum noch erkennbar. Aber immerhin.

Die Redaktion als Heimathafen

Hier also haben viele von uns ihr bisheriges Leben verbracht, zumindest den beruflichen Anteil davon, was viele Journalisten aber nicht so eng sehen. Im Dienst ist man eigentlich immer, auch in der Freizeit wäre es kaum eine Option wegzusehen, wenn irgend etwas Aufregendes in der Stadt passiert. In den Redaktionsräumen laufen die Fäden zusammen, hier wird recherchiert und geschrieben, diskutiert und gestritten, hier wird entschieden, was in die Zeitung kommt und was nicht, an welcher Stelle und in welcher Größe.

Und auch wenn es neben dem Gedruckten längst eine digitale Ausgabe von WAZ und NRZ gibt, und der Online-Auftritt immer wichtiger für uns wird: An der Funktion der Redaktion als eine Art Heimathafen hat sich wenig geändert.

Als die Zeitung noch von Hand gesetzt wurde

Online braucht es heute theoretisch nur einen Redakteur und einen Fotografen, um einen Text mit Bildern an die User und Leser in der Stadt und in der weiten Welt zu senden. Die Zeitungsproduktion ist schon wegen des Druckens und Verteilens der Zeitung weit komplexer, und sie war es noch viel mehr in früheren Jahrzehnten.

Da, wo wir am Freitag ein letztes Mal an unseren Schreibtischen saßen, befand sich ursprünglich der große Saal der Schriftsetzer. Hier wurde die Zeitung noch von Hand, Buchstabe für Buchstabe gesetzt, was selbst ich als einer der Älteren aber nicht mehr selbst erlebt habe. Mit der ersten Computer-Generation Ende der 1970er Jahre zog dann der so genannte Lichtsatz ein. An großen beleuchteten Kästen wurden die Zeitungsseiten mit den Texten und Bildern zusammengeklebt, „gesetzt“, wie es in der Zeitungssprache heißt.

Die Setzer waren so etwas wie der Arbeitsadel

Vor allem die älteren Setzer waren so etwas wie Arbeiteradel, respektable Gestalten, die schon vieles gesehen hatten und nicht zögerten, uns jüngere Redakteure zusammenzustauchen, wenn wir mal wieder etwas falsch geplant hatten, und die Seite nicht so aussah, wie sie es für richtig und ästhetisch gelungen hielten.

Ich habe aber auch gestandene Ressortleiter gesehen, die kuschten, wenn der Schichtleiter ein Machtwort sprach. Ein Rad musste ins andere greifen, die hochfeine Maschinerie mit ihren zahlreichen technischen Abteilungen durfte nie ernsthaft ins Stocken geraten. Nur so konnte am Morgen die Zeitung pünktlich im Briefkasten liegen.

Viele Computer-Generationen später ist der uralte, hoch angesehene Beruf des Schriftsetzers längst Geschichte. Schon seit rund zwei Jahrzehnten planen und „bauen“ wir Redakteure die Zeitung im Wesentlichen selbst, bevor die fertigen Seiten ins Druckhaus gehen. Und dennoch habe ich manchmal daran zurückgedacht, dass an der Stelle meines Schreibtisches einst eine Maschine stand, an der ein Hilfsarbeiter stoisch die fertigen Texte und Bilder mit Klebstoff präparierte, damit der Setzer sie auf den noch leeren Seiten einpassen konnte.

Es wurde geflucht und gelacht, manchmal sogar geliebt

Sie merken schon, liebe Leserinnen und Leser, ich werde etwas sentimental. Wir freuen uns auf das Neue, das uns am Berliner Platz erwartet. Wir sind noch näher am Puls der Stadt, was gerade für eine Lokalredaktion nur von Vorteil sein kann, und arbeiten in hochmodernen Gebäuden.

Aber es ist auch ein wehmütiges Gefühl, ein letztes Mal durch diesen Flur zu gehen mit den charakteristischen roten Türen und den braun-beigen Buchstaben-Fliesen im Stil der späten 1970er Jahre, um dann die alten Redaktionsräume zu betreten. Hier wurde hart gearbeitet, unter Zeitdruck geschwitzt, hier wurde gelacht und gejubelt, geflucht und geschimpft und manchmal sogar geliebt.

Leb wohl, altes Essener Zeitungsviertel.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben