Lichtburg

„Die Unsichtbaren“ im Kino: Überlebenskampf auf Zehenspitzen

Aus dem Untergrund zurück ans Licht. Als die Russen in Berlin einmarschieren, wagen sich die „Unsichtbaren“ zwischen den Trümmern zurück ins Leben.

Foto: Peter Hartwig

Aus dem Untergrund zurück ans Licht. Als die Russen in Berlin einmarschieren, wagen sich die „Unsichtbaren“ zwischen den Trümmern zurück ins Leben. Foto: Peter Hartwig

Essen.   Premiere für „Die Unsichtbaren“: Film schildert das Schicksal junger Juden, die der Verfolgung der Nazis entgingen, indem sie untertauchten.

Hanni Lévy ist heute 93 Jahre alt. Fast drei Jahre lang hat sie sich Anfang der 1940er Jahre in Berlin vor den Nazis versteckt. Hat sich die Haare blond gefärbt, nächtelang die Stadt nach einer Übernachtungsmöglichkeit durchkämmt und sich als Hannelore Winkler am Tag in den Foyers der Berliner Lichtspielhäuser herumgedrückt. Dass aus der einst „Unsichtbaren“ in Zeiten des Zweiten Weltkriegs irgendwann selbst noch mal ein Kinostar werden würde, das hat Hanni Lévy wohl niemals zu träumen gewagt.

Lévy ist eine von vier Zeitzeugen, die in Claus Räfles bewegendem Doku-Drama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ vor die Kamera treten. Bei der NRW-Premiere in der Lichtburg ist Hanni Lévy am Mittwochabend nicht mehr persönlich dabei. Doch die 93-Jährige hat eine Botschaft an das Publikum: „Ich wünsche und hoffe, dass die Jugend etwas davon lernt.“

Schauspielerin Ruby O. Fee, die im Film die Jüdin Ruth Arndt spielt und an diesem Abend auf dem Teppich vor der Lichtburg steht, ist Anfang 20 und hat schon ziemlich viel von der Welt gesehen. In Costa Rica geboren, in Bolivien aufgewachsen, durch Afrika und Indien gereist, spielt die Wahl-Berlinerin eine junge Frau, die der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nur entkommt, weil sie sich immer wieder versteckt, wegduckt, hinter dem schwarzen Schleier einer Kriegswitwe verschwindet, wenn sie abends einmal ins Kino möchte. Schwer vorstellbar sei das heutzutage, einfach mal „unsichtbar“ zu werden, ohne Familie, ohne Adresse, vollkommen gesichtslos zu sein, sagt Ruby O. Fee an diesem Abend, an dem das Scheinwerferlicht doch ganz ihr und Filmemacher Claus Räfle gehört.

„Wie funktioniert so ein Leben mit extremer Wachsamkeit?“ hat sich der Regisseur gefragt und fast zehn Jahre lang an und für diesen Film gearbeitet. Er skizziert am Beispiel von vier Protagonisten das Schicksal von rund 7000 Juden, die versuchten, sich der Deportation durch die Nazis zu widersetzen, indem sie untertauchten, „flitzen gingen“, wie es Hanni Lévy damals nennt, ihr Leben gegen eine Scheinidentität eintauschten. Rund 1500 überlebten den waghalsigen Versuch.

Eine Existenz im Flüsterton, ein Dasein auf Zehenspitzen. Immer auf der Suche nach neuen Verstecken und Menschen, die sich mutig engagieren, Zimmer und Essen mit den Schattenwesen teilen. Dass es diese „Unsichtbaren“ auch in Essen gegeben hat, erzählt am Premierenabend der pensionierte Lehrer Walter Kern, der ein Buch über die bedrohten Juden und ihre deutschen Retter geschrieben hat: „Stille Helden aus Essen – Widerstehen in der Zeit der Verfolgung“. Hanni Lévy hat die Kartenabreißerin des Kinos geholfen, in dem sie sich tagsüber aufgewärmt hat. So schließt sich der Kreis ihrer unglaublichen Geschichte an diesem Abend in der Lichtburg.

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