Verkehrspolitik

Die Umweltspur in Essen - Signal ohne praktischen Nutzen

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Auf der Schützenbahn am Rand der Essener Innenstadt läuft der Verkehr flüssig und konfliktarm. Mit einer Umweltspur könnte sich das ändern.

In der Politik kommt es bei weitem nicht immer auf Vernunft und nachweisbare Verbesserungen an. Es reicht völlig, wenn ein Vorhaben im Einklang steht mit dem herrschenden Zeitgeist und nach außen gut aussieht. „Wir müssen ein Zeichen setzen“, heißt das gerne. Ein solches Zeichen ist die geplante erste Essener Umweltspur auf der Schützenbahn, von der viele wissen oder ahnen, dass sie keinem Verkehrsmittel Vorteile bringen wird.

Die Aufmerksamkeit wäre an anderen Stellen mit echten Problemen besser investiert

Für Radfahrer gibt es auf dem betreffenden Abschnitt bereits eine Radspur, die breiter und komfortabler ist als in Essen sonst vielfach üblich. Autos stehen hier selten im Stau, weil es drei bis vier Spuren für jede Richtung gibt, was flüssiges Fahren ermöglicht. Und auch die Ruhrbahn-Busse, sonst oft Mit-Leidtragende im Auto-Stau, kommen hier meist flott voran und genießen in Höhe der Bistumszentrale das Privileg, an der roten Ampel vorbeiziehen zu können.

Alles gut also, könnte man meinen. Lasst uns die Aufmerksamkeit doch lieber echten Verkehrsproblemen zuwenden, die es in Essen reichlich gibt und die auf Bearbeitung warten. Radwege, die im Nichts enden, Ampelschaltungen, die sinnlos ausbremsen, Baustellen für die Ewigkeit sind ein paar Stichworte.

Die Verkehrspädagogik ist an der Schützenbahn das eigentliche Ziel

Aber wer so denkt, hat nicht verstanden, um was es geht. Der praktische Nutzen ist zweitrangig, die Verkehrspädagogik ist an der Schützenbahn das eigentliche Ziel. Wenn in Diskussionen die Frage aufkommt, was Essen für die Verkehrswende tut, will man zumindest sagen können: Bitteschön, wir haben da eine Umweltspur.

Dass sie die Situation für Radfahrer eher gefährlicher macht als jetzt, dass sie Autos in den Stau zwingt, dass auch die Ruhrbahn-Busse kaum schneller werden und die Kollisionsgefahr mit Radfahrern wächst – den externen Gutachtern und den Verkehrsplanern unter der Leitung von Dezernentin Simone Raskob war anderes wichtiger. Und auch der OB hat hin und wieder eine Neigung zur Schaufensterpolitik, die den Klartext scheut.

Erfreulich ist, dass die Ratsfraktionen von SPD und CDU skeptisch sind

Erfreulich ist, dass die Ratsfraktionen von SPD und CDU in unterschiedlicher Entschiedenheit Skepsis anmeldeten. Eine Umweltspur, auf der sich Fahrräder, Busse und Elektroautos gegenseitig das Leben schwer machten und die herkömmliche Autos in den künstlichen Stau verbannt, sei nicht das, was man wünsche. Bleibt zu hoffen, dass diese pragmatische, an Fakten orientierte Haltung Bestand hat. Und nicht am Ende doch wieder das „Signal“ als solches für wichtiger erachtet wird.

Leserkommentare (4) Kommentar schreiben