Stadtgeschichte

Die Überbleibsel einer Vorzeigesiedlung in Rellinghausen

Auf dem historischen Foto, das Anfang der 1920er Jahre entstand, erkennt man sehr gut den absichtlich dörflich gehaltenen Charakter der Gottfried-Wilhelm-Kolonie. In der Mitte steht das heutige Kunsthaus.

Foto: Walter Buchholz

Auf dem historischen Foto, das Anfang der 1920er Jahre entstand, erkennt man sehr gut den absichtlich dörflich gehaltenen Charakter der Gottfried-Wilhelm-Kolonie. In der Mitte steht das heutige Kunsthaus. Foto: Walter Buchholz

Essen.   Die 1909 erbaute Gottfried-Wilhelm-Kolonie in Essen war ein Resultat der Reformarchitektur. Stadt stellte sie nicht unter Denkmalschutz.

In der Rellinghauser Gottfried-Wilhelm-Kolonie ist es an diesem warmen Frühlingsabend ungewöhnlich ruhig: Kaum ein Auto fährt durch die von Bäumen gesäumten Straßen, die so wunderbare Namen wie Mausegatt, Hexentaufe, Finefrau und Rübezahl tragen. Die Beschaulichkeit wird durch die blockartige Bebauung mit ausschließlich zweistöckigen Häusern verstärkt. Sie wirken auf den ersten Blick so individuell, wie ihre Bewohner: Die Fassaden erstrahlen in allen Farben, die Vorgärten sind mal zubetoniert oder mal kleine grüne Oasen und das Design der Haustüren schwankt zwischen hochmodern und bieder.

Stadt habe versäumt, die Siedlung rechtzeitig unter Denkmalschutz zu stellen

„Das tut schon weh“, sagt der Kunstgeschichtsprofessor Thorsten Scheer, der eine große Gruppe interessierter Bürger durch die Kolonie führt und gerade vor einem Paradebeispiel für „ausufernde Renovierung“ steht. Scheer ist nicht nur ein Experte für die Architekturgeschichte der ehemaligen Bergarbeiterkolonie, er hat auch selber viele Jahre hier gelebt. „Leider hat die Stadt es versäumt, die Siedlung rechtzeitig unter Denkmalschutz zu stellen“, bedauert er.

So sei die Renovierung völlig unmoderiert geschehen – was das Schicksal der Kolonie besiegelte. Nur noch vereinzelt trifft man beim Rundgang auf Häuser, die den ursprünglichen Charakter zeigen. Dazu gehörten hölzerne Fensterläden, Putz aus Muschelkalk und eine kleine Veranda am Eingang.

Siedlung sollte wie ein gewachsenes Dorf wirken

Dabei war die Werkssiedlung einst ein echtes architektonisches Vorzeigeobjekt: Erbaut im Jahr 1909 von Oskar Schwer, sollte sie wie ein gewachsenes Dorf wirken und so den Bewohnern, die meist aus ländlichen Gebieten zur Arbeit in die Stadt kamen, ein Stück Heimat vermitteln.

Auftraggeber war die Essener Steinkohlebergwerke AG, die eine Wohnstätte für ihre Bergarbeiter haben wollte, die in der benachbarten Zeche Gottfried Wilhelm einfuhren. „Schwer hat eigentlich nur zwei Haustypen gebaut, die er allerdings ganz unterschiedlich kombinierte und mit verschiedenen Dächern versah“, erklärt Thorsten Scheer, „so entstand mit einfachsten Mitteln ein äußerst abwechslungsreiches Erscheinungsbild“.

Das Kunsthaus ist der Mittelpunkt der Siedlung

Mittelpunkt der Siedlung war und ist bis heute das Kunsthaus an der Rübezahlstraße, das damals noch eine Schule beherbergte und als einziges Gebäude der Kolonie unter Denkmalschutz steht. Von hier aus verlaufen mal gekrümmte, mal gerade Straßen – auch das war Absicht. „Oskar Schwer vermied konsequent die Symmetrie und unterstrich damit den lebendigen Charakter.“

Der Aufwand, der für eine Arbeitersiedlung betrieben wurde, hatte etwas mit der Reformwilligkeit der damaligen Zeit zu tun: So setzte sich Karl Ernst Osthaus, Kunstmäzen und Stifter des Folkwang Museums, dafür ein, durch „gutes und modernes Bauen“ die Trostlosigkeit des Industriezeitalters zu durchbrechen. „Ästhetische Behandlung des Arbeiterwohnhauses“ hieß sein Essay. Diesen ästhetischen Richtlinien folgte auch Schwer.

Seine Auftraggeber hatten allerdings Anderes im Sinn: „Damals gab es bereits eine Knappheit an Arbeitskräften. Also mussten die Bergbauunternehmen attraktive Angebote machen, um gute Leute zu bekommen und zu halten.“ Wobei die schöne Wohnung gleichzeitig als Druckmittel benutzt wurde: Denn wer die Zeche wechselte, verlor sein Heim. „Die großen Bergbau- und Industrieunternehmen waren eben, entgegen mancher Mär, keine Wohltäter.“

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