Handwerk

Die Stadt Essen sucht verzweifelt nach Handwerkern

Viel Arbeit: die Baustelle der Gustav Heinemann Gesamtschule in Essen-Schonnebeck.

Viel Arbeit: die Baustelle der Gustav Heinemann Gesamtschule in Essen-Schonnebeck.

Foto: STEFAN AREND

Essen.   Die Millionen-Investitionen in Schulen, Kitas, Kulturhäuser und Straßen stellen die Essener Bauverwaltung vor Probleme: Sie findet kaum Firmen.

Handwerk hat goldenen Boden, lautet der gängige Werbespruch der Kreishandwerkerschaft.

So golden war er wohl noch nie: Die Stadt spült mit ihrem Investitionsprogramm für Immobilien und Straßen einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in den Markt – und findet angesichts der Auftragsflut kaum noch Handwerker.

620 Millionen allein für Schulen

Allein für die schulische Infrastruktur sollen in diesem und den kommenden Jahren mindestens 620 Millionen Euro an über 120 Schulstandorten verbaut werden. Wer soll’s richten?

Diese Frage wird für die Immobilienwirtschaft immer drängender. Einen kurzen Einblick in den täglichen Kampf um die Gewerke gab im Schulausschuss Ecevit Agu als stellvertretender Amtsleiter: „Es ist für uns unglaublich schwer, noch Handwerksfirmen zu finden. Wenn wir welche haben und die Zusage steht, den Bauauftrag beispielsweise mit acht bis zehn Mann abzuarbeiten, und wir treffen dann immer wieder nur drei an, können wir die Firma nicht einmal rauswerfen. Wir würden keinen Ersatz finden.“

Denn offensichtlich sind nicht alle Maurer, Fliesenleger, Installateure & Co. auf die städtischen Bauaufträge und Gelder angewiesen. Die Branche boomt, wer als Essener Bürger einen Handwerker sucht, muss durchaus mit sechs bis neun Wochen Wartezeit rechnen.

Kein Mangel an Arbeit

Dabei ist bei der Stadt wirklich kein Mangel an Arbeit, wie allein die Liste der Planungs- und Bauaufträge für 2018 zeigt: Millionen Euro für Kitas, Schulen, Kultur- und Verwaltungshäuser, verschiedene kleine Baumaßnahmen und Flüchtlingseinrichtungen – allein bis zum Jahresende in einem Umfang von rund 120 Millionen Euro. „Die Zahlen werden deutlich steigen, sobald es in die Bauphase geht“, sagt Ecevit Agu.

Immerhin: Eine Vielzahl von Planungs- und Architekturbüros ist über Rahmenverträge an die Stadt gebunden, die wiederum Baubetriebe vertraglich verpflichten. Anders wäre der Auftragsberg kaum zu bewältigen.

Bauboom hat seinen Preis

Der anhaltende Bauboom hat seinen Preis, auch für die Stadt: Manchmal geht kein einziges Angebot auf eine Ausschreibung ein, Vergaben müssen aufgehoben und erneut ausgeschrieben werden, zu anderen Kriterien: „Die gute Auftragslage in der Bauwirtschaft hat dazu geführt, dass die Preise gestiegen sind und das Bieterfeld deutlich kleiner geworden ist“, sagt Stadtsprecherin Hannah Hettinger.

Seit Juni 2016 musste das Amt für Straßen und Verkehr beispielsweise immer wieder Ausschreibungen aufheben, weil die Preise „unangemessen hoch“ lagen. Bei einer öffentlichen Ausschreibung im Bereich Kanalsanierung über rund eine Million Euro netto gab es keine Reaktion. Beim zweiten Versuch lagen von lediglich drei Firmen Angebote vor – mit einem 15-prozentigen Aufschlag auf die städtische Kalkulation. Und das ist nicht einmal die Spitze: Mancher Baubetrieb verlangt schon mal 20 Prozent mehr.

Handwerksbetriebe suchen Fachkräfte

In engem Kontakt mit der Immobilienwirtschaft steht bei dem enormen Bauprogramm die Essener Kreishandwerkerschaft, die versucht, bei Problemen zu helfen. Hauptgeschäftsführer Wolfgang Dapprich kann sich in der Tat nur freuen: „Die Auftragslage ist wirklich gut. Wer jetzt als Handwerker keine Aufträge hat, der sollte sich mal schnellstens die Frage stellen, woran das liegen kann.

Das Pro­blem der Betriebe ist aktuell vor allem der Mangel an Facharbeitern und an Auszubildenden.“ So richtig verstehen kann Dapprich das nicht: „Was sollen wir noch machen, wir können es nur betonen: Wer den Weg zu einem unserer Betriebe wählt, macht alles richtig, auf den wartet ein Traumjob.“ Und natürlich findet der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, dass gerade jetzt „Handwerk goldenen Boden hat“.

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