Landtagswahl 2017

Die AfD als Unsicherheitsfaktor im Essener Norden

Es ist Wahlkampf. Entlang der Aktienstraße in Schönebeck ist das nicht mehr zu übersehen.

Foto: Ulrich von Born

Es ist Wahlkampf. Entlang der Aktienstraße in Schönebeck ist das nicht mehr zu übersehen. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Der Nordwahlkreis ist eine traditionelle SPD-Hochburg, bei der Landtagswahl ist Minister Thomas Kutschaty Favorit. Wie schneidet Guido Reil ab?

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Im Essener Norden, so hieß es lange Jahre, könnte die SPD sogar einen Besenstil aufstellen – auch der würde wohl gewählt. Zwar dürfen sich Essens Sozialdemokraten da längst nicht mehr ganz so sicher sein, und doch zählt der Nordwahlkreis (WK 65) bei der Landtagswahl am 14. Mai immer noch zu den Hochburgen der SPD.

Vor fünf Jahren holte NRW-Justizminister Thomas Kutschaty das Direktmandat mit immerhin 58 Prozent der Erststimmen und deutlichem Vorsprung vor dem Kandidaten der CDU, Thomas Kufen. Essens heutiger Oberbürgermeister kam auf 21,5 Prozent und zog dennoch über die Reserveliste seiner Partei in den Landtag ein. Alle anderen Direktkandidaten landeten weit abgeschlagen.

Auch bei den Zweitstimmen lag die SPD mit 51,8 Prozent klar vor der CDU, die auf 17,9 Prozent kam. 58 578 von 108 012 Wahlberechtigten hatten ihre Stimme abgegeben.

Allein die Wahlhistorie im Norden spricht dafür, dass Kutschaty, der erneut antritt, auch diesmal wieder das Rennen macht – es wäre das vierte Mal seit seiner ersten Kandidatur im Jahr 2005.

Spannung verspricht allerdings das Abschneiden der AfD. Denn die Rechtspopulisten schicken mit Guido Reil eines ihrer medialen Zugpferde ins Rennen.

26 Jahre war Reil aktiv in der SPD. Auf dem Ticket der Sozialdemokraten wurde der Karnaper bei der Kommunalwahl 2014 in den Rat der Stadt gewählt, dem er immer noch angehört. Nur sitzt er dort am Katzentisch

Dass Reil, ein Abtrünniger in den Augen der alten Weggefährten in der SPD, gegen seinen ehemaligen Parteivorsitzenden Kutschaty antritt, liefert journalistischen Stoff. Der landesweiten Aufmerksamkeit der Medien darf sich der Nordwahlkreis daher sicher sein.

Mülheimer entscheiden wieder mit, wer vorne liegt

Eines macht den Nordwahlkreis zu einem besonderen im Vergleich zu den drei anderen Essener Landtagswahlkreisen. Während dort der Zuschnitt gegenüber der Landtagswahl von 2012 verändert wurde, damit sich die Zahl der Stimmberechtigten möglichst gleichmäßig verteilt, sind die Grenzen im Norden die alten geblieben. So werden die Wähler aus Mülheim-Winkhausen, wie es seit 2005 Usus ist, wieder mitbestimmen, welcher der Kandidaten am Ende vorne liegt.

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Thomas Kutschaty (SPD)

Der gebürtige Borbecker Thomas Kutschaty (48) ist der prominenteste unter den Wahlkreiskandidaten. Seit 2010 gehört der Volljurist dem Kabinett von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als Justizminister an. Mitglied des Landtages ist er seit 2005. Bei der Landtagswahl 2012 gewann er seinen Wahlkreis deutlich. Auf der Reserveliste steht er deshalb weit hinten auf Platz 129.

Vor seiner beruflichen Karriere als Politiker arbeitete Kutschaty als selbstständiger Rechtsanwalt in Borbeck mit dem Schwerpunkt Mietrecht. Bezahlbares Wohnen in intakten Quartieren nennt er als eines seiner wichtigsten politischen Zielen.

In die SPD trat er vor 31 Jahren ein, damals noch als Schüler des Gymnasiums Borbeck. Seit dem vergangenen Jahr ist er Vorsitzender des Essener SPD. Thomas Kutschaty ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Christiane Moos (CDU)

Essens Christdemokraten schicken die Vorsitzende der Frauen-Union, Christiane Moos, ins Rennen. Beim Nominierungsparteitag erhielt die 58-Jährige viele Vorschusslorbeeren; mit einer Zustimmung der Delegierten von 100 Prozent erzielte sie das beste Ergebnis der vier Essener CDU-Direktkandidaten.

Christiane Moos ist Mitglied des Stadtrates und dort kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Aktiv ist die gebürtige Essenerin, die in Oststadt wohnt, im Kirchenvorstand von St. Gertrud, im Bürgerverein Altstadt und in diversen Kulturvereinen. Beruflich steht die gelernte Finanzbuchhalterin mitten im Leben; seit vielen Jahren betreibt sie ein Büro für kaufmännische Dienstleistungen. Christiane Moos ist geschieden und Mutter zweier erwachsener Kinder.

Mit Platz 71 steht sie weit hinten auf der CDU-Reserveliste. Um ins Parlament einzuziehen, müsste sie ihren Wahlkreis gewinnen, oder es müsste landesweit für die CDU so schlecht laufen, dass die Partei kaum Direktmandate gewinnt und die Liste dann soweit zieht.

Thorsten Drewes (Grüne)

Der ehemalige Vorstandssprecher der Essener Grünen macht seit Jahren Politik vor Ort. Seit 2004 ist Thorsten Drewes Mitglied der Bezirksvertretung in Borbeck. Dort ist er stellvertretender Bezirksbürgermeister. Auch außerhalb seiner Partei ist Drewes aktiv, seit Jugendtagen engagiert er sich in der evangelischen Kirche, 1994 rief er das Anti-Rassismus-Telefon mit ins Leben.

Aufgewachsen ist Drewes in Essen, in Bochum hat er Chemie studiert und am Uniklinikum Essen den Doktor gemacht. Der 52-Jährige arbeitet als Referatsleiter im NRW-Gesundheitsministerium, wo seine Parteifreundin Barbara Steffens Ministerin ist. Drewes ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Er kandidiert ohne Absicherung auf der Liste.

Guido Reil (AfD)

Guido Reil ist so etwas wie das Gesicht der AfD im Ruhrgebiet. Diverse Auftritte in Talk-Shows haben den 47-Jährigen dem bundesweiten Fernsehpublikum bekannt gemacht. Einer, der 26 Jahre in der SPD aktiv war, der als Steiger auf dem Pütt arbeitet, und sich in der AfD engagiert, weil er mit der Flüchtlingspolitik nicht mehr einverstanden war, ist eine Story wert. Seiner Partei beschert er mediale Aufmerksamkeit. Die belohnte das mit Platz 26 auf der Reserveliste aber nicht allzu gut.

Guido Reil ist in Gelsenkirchen groß geworden, ging dort zur Hauptschule und anschließend bei der RAG in die Lehre. Seit 1992 lebt Reil in Karnap, wo er als Mitglied der Awo einen Fahrdienst für Senioren mitbegründete. Der Wohlfahrtsverband wollte ihn wegen vermeintlich rassistischer Äußerungen erst ganz loswerden, lässt seine Mitgliedschaft jetzt nur für ein Jahr ruhen. Reil sitzt immer noch am Steuer. Der Fall liegt vor dem Bundesschiedsgericht.

Holt die AfD am 14. Mai landesweit zehn bis zwölf Prozent der Stimmen, säße Reil im Landtag. Wenn nicht bleibt er wohl Steiger auf Prosper-Haniel. Ende 2018 stellt die Zeche die Förderung ein. Dann wäre er Rentner.

Klaus Gräber (FDP)

Seit vier Jahren ist Klaus Gräber (50) in der FDP aktiv. Nun bewirbt sich der stellvertretende Vorsitzende des Ortsverbandes Borbeck um ein Direktmandat. Klaus Gräber ist selbstständig, und das seit 30 Jahren. Der gelernte Elektroinstallateur ist als Immobilienmakler tätig. Außerhalb der Politik engagiert Gräber sich im Förderverein des Don Bosco-Gymnasiums und als Karnevalist. Sein Motto für die Landtagswahl wäre auch eins für eine Session: „Nicht immer nur reden – einfach mal machen.“ Wenn man ihn denn ließe... Auf der Reserveliste der Liberalen rangiert Gräber weit hinten auf Platz 101.

Klaus Gräber ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Jasper Prigge (Die Linke)

Auf der Landesliste seiner Partei rangiert Jasper Prigge auf Platz 8. Der 28-Jährige darf sich also Hoffnungen machen, dass es klappen könnte mit dem Sprung ins NRW-Landesparlament.

Prigge ist Mitglied des Landesvorstandes. Politisch aktiv ist er seit zehn Jahren. Damals lebte in einer Wohngemeinschaft. Einem Mitbewohner, der auf Hartz IV angewiesen war, sei mit Sanktionen gedroht worden, gleichzeitig habe das Job-Center ihn allein gelassen. „Ich fand es ungerecht.“

Jasper Prigge ist studierter Jurist, arbeitet als Rechtsanwalt und wohnt mit seinem Lebensgefährten in Frohnhausen. Als Abgeordneter will er sich dafür einsetzen, dass alle Kinder ein warmes Mittagessen bekommen. Er selbst isst gerne Pizza.

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